Februar 2018

Böhmischer Winter

Auf der Jagd nach Taucherbrillen und Brotbüchsen

2. Teil: Von Menschen, die auf Züge starren

Wanderung rund um Sušice und Ausflug nach Bayrisch Eisenstein
Wanderung rund um Sušice und Ausflug nach Bayrisch Eisenstein

Die erste Nacht in unserem Schloss-Hotel haben wir ohne Spuk überstanden. Das Hotel hatte ich zufällig entdeckt, als ich auf der Suche nach einer Unterkunft war, welche die Komforterwartungen an einen Entspannungsurlaub mit einem Eisenbahnanschluss verbindet. Und dieses aber ohne Frack und Zylinder, unnötigem Luxus oder Etikette, in welchem man sich nicht mehr wohl fühlt. All das wurde uns hier geboten. Frühstück, ein kleines Schwimmbad, Sauna und hervorragendes Abendessen - ansonsten wurde man in Ruhe gelassen. Ein Hort der Leichtigkeit, unkomplizierte Abläufe, keine Lobby mit telefonierenden Geschäftsleuten. Und dennoch nichts, wo man sich in Wanderkluft nicht hineingetraut hätte.

Der Pinguin - Würdigung eines Mannes auf Augenhöhe

Beim Frühstück, welches im Wappensaal einzunehmen war, begegneten wir unserem Kellner vom Abend, welcher bereits wieder im Dienst seiner Gäste stand. Es handelte sich im Wortsinne um einen nahezu stummen Diener, höflich, zurückhaltend, seiner Tätigkeit  vollkommen sicher, aber ohne den kleinsten Hauch unnötig störender Empathie auszustrahlen. Gerade das machte ihn zum angenehmen Gastgeber. Und so verwerflich es wäre, einen Ober als Pinguin zu beschreiben, so treffend wäre es in diesem Falle gewesen. Es war sein Gang, sein Blick, die schwarz-weiße Berufsbekleidung, die subtile Gelassenheit in seinem Blick, ohne unkonzentriert, gelangweilt oder gar belanglos zu wirken. Anfangs waren wir uns unsicher, fühlten uns ob der vollkommen fehlenden Interaktionen fast ein wenig verschaukelt, aber mit jedem Aufeinandertreffen lernten wir ihn mehr und mehr schätzen. Er tat, was er tun musste und das meint mitnichten, er würde irgendetwas ungern oder missmutig tun, nein - er war stets bei der Sache, bei seiner Sache! Das hier war sein Auftrag und den erfüllte er mit Sorgfalt, Pflichtbewusstsein und einer kaum zu beschreibenden Mischung aus Gehorsam und Selbstsicherheit. Wir waren fasziniert, vor allem, weil er am Abend erneut anwesend war - sein Leben war offenbar hier an diesem Ort angehalten worden, ohne dass ihn das störte. Mal vergaß er ein Bier, mal das Besteck, mal fielen ihm Utensilien zu Boden. Aber diese Versäumnisse wurden ohne widerwärtige Entschuldigungsrituale behoben. Gerade weil er nicht im Ansatz durchblicken ließ, etwas falsch gemacht zu haben, sondern mangels Mimik und Worten schlicht gar nichts ausdrückte, fühlten wir uns so schnell vertraut mit ihm, was freilich niemand von uns Dreien jemals zu äußern oder anzumerken gewagt hätte. Sie wollten noch ein Bier? Sie haben es schon zweimal bestellt? Ja, das ist doch kein Problem: hier ist es. Fast wortlos, aber immer mit Würde. Der Pinguin war Inbegriff von Authentizität, ein Gastgeber, der niemals Besonderes tat und uns genau deswegen noch für lange Zeit verwirren und faszinieren würde. Im Grunde war es eine reichliche Portion Neid und Anerkennung, welche noch in uns gärte, als wir nach dem Frühstück längst gedankenversunken zur Wanderung aufbrachen. Der Pinguin hatte es uns allen gezeigt.

Wanderung zum Aussichtsturm Rozhledna Svatobor

Nichts liegt an diesem schönen Wintertag näher, als eine Wanderung durch die ruhigen, schneebedeckten Wälder der Umgebung. Glücklicherweise führen die Pfade gleich zu Beginn über einen beschrankten Bahnübergang und wie es der "Zufall" will, kommt ein besonderer Zug vorbei. Ein sehenswerter Dieseltriebwagen der Baureihe 842 hat sonntags nämlich einen Reisezugwagen von 1969 im Schlepptau. Es hatte alles gestimmt, was die Wagenreihungstheorie vorsah!

Nach diesem erhebenden Moment widmen wir uns aber wieder dem Wanderweg und halten Ausschau nach der Markierung, einem blauen Pfeil. Dieser führt uns immer weiter in den Wald hinein, zugleich geht es auch ordentlich bergauf. Nur wir, die Bäume, ein paar Spuren von Tieren und sonst nichts - das tut gut. Je höher wir kommen, desto öfter bieten sich auch schöne Aussichten ins Tal.

Unterhalb des Aussichtsturmes kommen wir noch an einem Gasthaus mit Ferienlager vorbei. Es gibt einen kleinen Skilift für Kinder und ein Spielmobil, welches uns ziemlich bekannt vorkommt.

Nun gilt es die letzten Höhenmeter zu überwinden. Die Diskretion verbietet mir auszuplaudern, dass meine Begleitung ziemlich am röcheln und schimpfen war, wovon auch Videomaterial existiert. Dann aber sehen wir ihn vor uns, den ansehnlichen Aussichtsturm Rozhledna Svatobor, 845 Meter über dem Meer.

In unmittelbarer Nähe befindet sich auch ein Gasthaus, welches allerdings verwaist und eingeschlafen wirkt. Auch sind keine Hinweisschilder angebracht oder andere Menschen zugegen. Aus Spaß klinke ich an der Holztür und kann kaum glauben, dass sie sich öffnen lässt. Eilig rufe ich meine fotografierende Freundin zu mir und wir betreten einen warmen, sehr gut gefüllten Gastraum, es duftet nach Speisen und Bier, über dem Kachelofen haben Wanderer ihre Schuhe und Jacken aufgehangen und wir krallen uns den letzten freien Tisch und sind ziemlich glücklich.

Vom überraschenden Mittagessen noch beeindruckt und ein paar leckere Biere später machen wir uns an den Abstieg nach Sušice. Kurz bevor es einen gefährlich steilen und vereisten Trampelpfad nach unten geht, bietet sich noch ein fantastischer Blick auf den Rücken meiner reizenden Assistentin.

Der Weg führt vorbei an einer geheimnisvollen Quelle hinunter in die Stadt, welche an diesem Sonntagnachmittag eher einem Geisterdorf gleicht. Trotzdem können wir ein paar hübsche Gebäude ablichten, unterdessen lösen sich leider meine treuen Wanderstiefel auf. Gerade so schaffen wir es noch zum Bahnhof.

Ein gut erhaltenes Klubhaus "Völkerfreundschaft" mit Saal usw.
Ein gut erhaltenes Klubhaus "Völkerfreundschaft" mit Saal usw.

Der Bahnhofsvorplatz präsentiert einen wunderbar erhaltenen Busbahnhof, der unbedingt bildliche Erwähnung finden muss. Auch sonst glänzt - wie so oft in Tschechien - selbst diese Provinz-Station in gut erhaltenem Zustand, bietet Reisendeninformationen, einen Fahrkartenschalter und einen Ort für überwinternde Zimmerpflanzen und Hemmschuhe.

Mit einer überdurchschnittlich besetzten RegioNova fahren wir eine Station zurück zu dem Ort, der unser vorübergehendes Zuhause geworden ist. Die Baureihe RegioNova wurde übrigens aus zwei Brotbüchsen zusammen gebaut und kann so auch einen niederflurigen Einstieg ermöglichen. Die Fenster lassen sich öffnen und die verwinkelte Sitzlandschaften werden fast allen Bedürfnissen der Reisenden in ausreichendem Maße gerecht.

Bevor wir ins Hotel zurückkehren, wird dem Bahnübergang von heute Morgen noch einmal ein Besuch abgestattet. Der Grund: es hat sich eine Brotbüchse angekündigt, die sogar ihren modernisierten Nachfolger mitzuschleifen im Stande ist. Oder wer zieht hier an wem? Ich ziehe dann aber an meiner Freundin, denn es wird dunkel und wir sind hungrig und wollen schwimmen und essen und in die Sauna - morgen ist ja auch wieder ein Tag.

Ausflug nach Bayrisch Eisenstein

Nach einem guten Frühstück treffen wir wieder routiniert am örtlichen Bahnhof ein. Ein wenig Planung ist schon notwendig, denn nach dem 9:47 Uhr-Zug kommt hier für lange Zeit nichts. Heute wollen wir in den "richtigen" Schnee, also rauf in den Böhmerwald zu den Taucherbrillen, Liften und verschneiten Wanderwegen. 

Beinahe jede Zugfahrt ist ja auch immer ein Erlebnis. Wer die Reise nicht als leidliche, auszuhaltende Überwindung von Kilometern interpretiert, sondern den Blick auf das lenken kann, was kleine Freuden, Ausblicke, Begegnungen bietet, der hat verstanden, worum es uns geht, wenn wir von der Faszination Eisenbahn schwärmen. Apropos Begegnungen: diese mit einem kleinen Bauzug gehört zum Beispiel auch dazu. Und zugleich hält sie eine Szenerie fest, die in Ländern wir Tschechien, wo die Eisenbahn oft noch liebenswerter Bestandteil des Lebens ist, typischerweise alltäglich beobachtet werden kann. 

Eine wahre Freude sind für den kundigen Zugreisenden natürlich Fenster, die sich noch öffnen lassen. Auf diese Weise ist es zum Beispiel möglich zu ergründen, weshalb der Zug mitten in der hübschen Landschaft zum Stehen gekommen ist. Alles klar, das Einfahrsignal steht noch auf Halt! "Signal auf Rot - Startverbot" war einer der Slogans auf alten Plakaten in hiesigen Dienststellen. Ein weiteres postulierte: "Der Fahrplan ist Gesetz - Eisenbahner! Erzwingt die unbedingte Pünktlichkeit!".

Oh je, ich schweife schon wieder ab. Widmen wir uns also schnell dem Umsteigebahnhof in Klatovy. Hier finden sich zu meiner großen Freude noch einwandfrei funktionierende Fallblattanzeiger (nicht: Faltblattanzeiger). Das ist ja fantastisch! Auch auf der Rückfahrt am Nachmittag erhalten sie noch einmal meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Am Bahnsteig stehen unsere eben genutzte RegioNova und ein Schnellzug nach Pilsen bereit. Und zudem noch unser Gefährt in Richtung des Böhmerwaldes. Eine am Vortag bereits schon einmal abgelichtete Garnitur aus Dieseltriebwagen und Reisezugwagen. In letzterem nehmen wir vorfreudig Platz.

Die eben genutzte RegioNova und im Hintergrund unser Zug in den Böhmerwald
Die eben genutzte RegioNova und im Hintergrund unser Zug in den Böhmerwald
Schnellzug nach Pilsen
Schnellzug nach Pilsen

Die Fahrt nach Süden in die Berge führt zunächst einmal am örtlichen Fahrzeugdepot vorbei. Und da sind sie wieder: wunderschöne Brotbüchsen!

Unterwegs gibt es kurze Kreuzungsaufenthalte, schneebedeckte Berge im Hintergrund und zunehmend auch immer mehr Tunnel zu bestaunen. Nachvollziehbar, dass auch meine liebevoll indoktrinierte Freundin inzwischen nicht mehr vom Fenster wegzubekommen ist. Kein Wald-vor-lauter-Bäumen-Trivia an dieser Stelle.

Kurz vor dem Aussteigen in Špičák durchfahren wir den 1747 Meter langen Spitzbergtunnel. Als wir ihn verlassen, befinden wir uns in 840 Metern Höhe und in einem kleinen Wintermärchen. Sofort findet mein durstiger Blick die beworbene Bahnhofsgaststätte. Und weil es schon längst nach 11 Uhr ist, begießen wir unsere Ankunft im Herzen des Böhmerwaldes standesgemäß mit einem kühlen Pils in der Sonne, während sich viele andere Reisenden nüchtern zu den Skiliften begeben.

Hastig stillen wir unsere durstigen Kehlen und können in der Sonne am Bahnsteig die Vorbeifahrt eines Schwerkleinwagens beobachten. Doch wir warten eigentlich auf den mit Taucherbrille bespannten Schnellzug nach Prag, schicken uns also eilig an, einen guten Fotostandort einzunehmen.

Endlich röhrt und dieselt es von der Ferne und dann erhält sie auch schon Einfahrt in den Bahnhof, eine der schönsten Diesellokomotiven, die ich kenne. Lassen wir also die Bilder sprechen.

Zeit, es dem Zug nachzutun und sich ein wenig zu bewegen. Wir wollen zur deutsch-tschechischen Grenze wandern, statten aber dem Dorf Špičák, seinen Schneemassen und einem Sessellift noch einen kurzen Besuch ab.

Auf halbem Weg kehren wir in eine Gaststätte ein, um böhmische Klischee-Speisen zu verzehren. Das Radio dudelt, die Preise sind niedrig, der Gastraum ist warm, mit ein paar unserer Landsleute besetzt und herrlich geschmacklos eingerichtet, die deutschsprachige Bedienung angemessen freundlich - im Grenzgebiet hat sich überhaupt gar nichts verändert - warum auch?

Kurz vor Erreichen der Grenze erhaschen wir sogar einen Blick auf den Großen Arber, dem höchsten Berg des Bayrischen Waldes. Und auf das unfassbar überdimensionierte Empfangsgebäude des Bahnhofs Železná Ruda-Alžbětín.

Die Waldbahn aus Plattling trifft hier einigermaßen emotionslos auf die lokbespannten Kollegen aus Tschechien. Nur die Gleise, welche für die Lok-Umfahrung benötigt werden, sind vom Schnee geräumt. Ansonsten herrscht winterliche Trennung beider Länder, aber das man trotzdem einfach so hin und her hüpfen kann, war lange keine Selbstverständlichkeit und wird mir an solchen Orten immer wieder bewusst. Ein grenzenloses Europa - wie schön! Gleichermaßen grenzenlos ist meine Freude über die beiden abgestellten Züge mit Taucherbrillen.

Eine von beiden wird uns gleich zurück nach Klatovy ziehen und der Lokführer zeigt schon mal im Stand, was sein Gefährt alles so kann. So schön kann Feinstaub sein!

Unkonventionell und flexibel, wie wir die Tschechische Bahn kennen, hängt man uns planmäßig noch eine RegioNova an. Wir sitzen derweil längst im warmen Abteil, ein selbstverständliches Bier genießend.

Eisenbahn - das ist aus dem Fenster schauen, sich an Mitreisenden stören oder erfreuen, Bekanntschaften machen, daran teilhaben, wie andere von Wartenden begrüßt werden oder sich sehnsüchtig verabschieden, das ist die Sicherheit, nach einem festgelegten Fahrplan von einem Ort zum anderen zu kommen und das Abenteuer, auszuhalten, nicht alles in der eigenen Hand haben zu können, zu improvisieren, sich zu ärgern und irgendwann die Erkenntnis, dies alles als Teil der Reise, vielleicht sogar des eigenen Daseins zu begreifen. Ein Ort zum träumen, reden, arbeiten, sinnieren, spielen oder nichts tun. Es ist die Freiheit, nach der wir uns sehnen - mit allen Einschränkungen, die wir verfluchen. Und deshalb gehört sie zu meinem Leben.

Lesen Sie weiter im 3. Teil.

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