Februar 2018

Böhmischer winter

Auf der Jagd nach Taucherbrillen und Brotbüchsen

3. Teil: Die Schöne und ein paar Leichen im Keller

Der vorletzte Tag soll im Zeichen der Brotbüchse und weiterer kultureller Bereicherungen stehen. Wie der Blick durch das geöffnete Fenster in den Schlossgarten zeigt, ist heute der Frühling nach Böhmen gekommen. Bester Laune wandern wir also - wie gehabt - zu unserem niedlichen Bahnhof.

Die RegioNova bringt uns zuverlässig ins Städtchen Klatovy, welchem wir heute einen Besuch abstatten möchten. Unterwegs besteht einmal mehr die Möglichkeit, durch das geöffnete Fenster hindurch Eindrücke der Landschaft und Gleisanlagen festzuhalten, unter anderem auch eine Langsamfahrstelle mit Eimer und meine Assistentin, die offensichtlich in selbigem ist.

Zum Aussteigen wählen wir den Stadt-Haltepunkt, um dann durch Klatovy zu schlendern und vom Hauptbahnhof aus am Nachmittag wieder in unser Dorf zurückzukehren.

Das Städtchen mit etwas mehr als 20.000 Einwohnern existiert bereits seit dem 13. Jahrhundert und präsentiert sich restauriert und sauber, sogar ein bisschen touristisch. Es gibt ein paar ansehnliche Kirchen, ein Audio-Informations-Terminal mit Sprachauswahl (zum Abspielen muss man es zuvor wie ein Fahrraddynamo aufladen) und für meine Freundin eine neue Winterjacke. Am Fuße einer Pinnwand entdecke ich eine sozialistische Einheits-Stecknadel-Dose, die mir irgendwie bekannt vorkommt.

In den Katakomben des ehemaligen Jesuitenklosters lagern seit dem 17. Jahrhundert über 100 mumifizierte Leichen, welche Dank eines ausgeklügelten Belüftungssystems sehr gut erhalten sind und allerdings auch entsprechend unheimlich wirken.

Mit den Mumien in keinerlei Zusammenhang stehend ist das folgende Foto des großartigen Biene-Maja-Sängers Karel Gott. Bereits jetzt bereue ich, das kuschelige Kultkissen nicht erworben zu haben.

Von dem ganzen Off-Topic gesättigt widmen wir uns nun aber wieder der Eisenbahn. Am Hauptbahnhof von Klatovy gibt es allerlei zu entdecken, unter anderem eine zum Reparaturfahrzeug aufgewertete Brotbüchse, die geduldig auf ihren nächsten Einsatz wartet, während der Personenzug aus Pilsen an ihr vorbeirollt.

Das Empfangsgebäude und die Bahnhofshalle befinden sich in einwandfreiem und nostalgischem Zustand. Im Mittelpunkt des Interesses stehen erneut die Fallblattanzeiger: ihr zuverlässiges Umschlagen ist Musik in unseren Ohren.

Der Wartesaal ist dem Innenraum einer Kirche nicht unähnlich, auf langen Holzbänken kann hier verweilt werden während über dem Altar neue Destinationen, Abfahrtszeiten und Zuggattungen vorgeschlagen werden. Es herrscht andächtige Stille und knisternde Spannung.

Die Zeiten der Bahnhofsgaststätte scheinen indes längst vorbei zu sein. Nur die einstmals modernen Anschriften an den bekannten, aber inzwischen verschlossenen Schwenktüren, sind noch Zeugen jener Epoche, da hier im großen Stile geraucht und getrunken wurde.

Wir riskieren einen Blick auf den Hausbahnsteig und können uns über die nächste Brotbüchse freuen. Die Schöne wird gerade am Gleis 2 bereitgestellt und weiß ihre Reize auch zu Beginn des vierten Jahrzehnts ihres Bestehens noch geschickt einzusetzen.

Auf dem Weg zurück in die Wartehalle werden wir auf eine kleine Tür aufmerksam, in deren unmittelbarem Umfeld energisch für Bier, Kaffee und einen kleinen Imbiss geworben wird. Was mag sich dahinter verbergen? Eine kitschbeladene Spelunke, in der Touristen von halbtrunkenen Vormittagssäufern eindringlich gemustert und anerkennend skeptisch beäugt werden, während die selbstsichere Chefin mit einer großen Portion Herzenswärme und viel Gestik und Mimik versucht, auch auf unsere durstgetriebenen Wünsche einzugehen?

Es kommt genau so, wie beschrieben und erhofft! Für mich gibt es ein kühles Bier vom Fass und meine Freundin wählt ein Gericht, das sie nicht übersetzen kann und erhält in Erwartung einer Bockwurst die letzte verfügbare Tagessuppe. Vortrefflich! Eingerahmt von trinkfesten Schicksalsgenossen und unzähligen Pferde-Postern genießen wir dieses wunderbare Juwel böhmischer Situationskomik. Eine Sternstunde unserer Reise, der gut und gern zwei einzelne Fotos zugedacht werden können.

Kein Einkaufsbahnhof dieser Welt kann ersetzen, was hier noch zu erleben ist. Glücklich taumeln wir zu unserem Zug, eine Fahrt mit der uns wieder wachrüttelnden Brotbüchse ist genau das, was wir jetzt brauchen.

Der Motor wird gestartet und gemächlich schaukeln wir aus Klatovy heraus in die böhmische Prärie - niemals mehr dürfte diese Fahrt zu Ende gehen.

Ein nachvollziehbares Bedürfnis und die Neugierde ermutigen mich, die Zugtoilette aufzusuchen. Das legendäre dreieckige Plumpsklo, das kleine Waschbecken mit Seife und der Papierhalter mit dem Logo der tschechoslowakischen Eisenbahn - es ist alles noch da. 

An einem Bedarfshaltepunkt ohne weitere Siedlungsnähe bitten wir das Zugpersonal, uns aussteigen zu lassen. Der Grund dafür ist einleuchtend: der Gegenzug soll auch eine Brotbüchse sein und genau die möchten wir von einem als Fotopunkt prädestinierten Acker aus in Szene setzen.

Kurzerhand wird mittels eines beherzten Sprunges ein Bächlein überwunden und im matschigen Feld Stellung bezogen. Dann röhrt sie auch schon leise aus der Ferne und zieht schließlich unbeeindruckt an uns vorüber: die Schöne.

Die Zeit bis zu den nächsten Zügen überbrücken wir durch eine kleine Wanderung, schließlich müssen wir ja irgendwann auch wieder in unserem Schloss ankommen. Auf halber Strecke gilt die ungeteilte Aufmerksamkeit noch einer alten Burgruine, die im Hotelprospekt beworben wurde.

Wir wenden uns leicht enttäuscht von den steinernen Relikten ab und begeben uns wieder ins Hier und Jetzt, das immer noch historisch genug zu sein scheint. Endlich heißt es an einem unbeschrankten Bahnübergang wieder: "Pozor vlak"!

Einer RegioNova von links folgt geraume Zeit später eine Brotbüchse von rechts. Im letzten Licht des Tages wird beiden ein würdiges Andenken erstellt.

Zurück im Schloss wählen wir ein letztes Mal aus der Speisekarte und nehmen Abschied von diesen herrlichen Tagen hier an diesem Ort, der uns schnell zum zu Hause geworden ist. Und weil es ja ein winterlicher Reisebericht werden soll, hat man uns zur Abreise auch extra nochmal Schnee geschickt.

Die Spur eines vor uns fahrenden Reisekoffers und der gute Orientierungssinn von Teilen unserer zweiköpfigen Gruppe führen uns schließlich ein letztes Mal zum Bahnhof. Was nicht kommt, ist der Zug. Also haben wir Gelegenheit, den Wartesaal und die darin befindliche, liebevoll gestaltete Pinnwand zu bestaunen. Aber seht selbst:

Jemand hat sich hier eine große Mühe gemacht und informiert Besucher des Dörfchens mit kleinen ausgeschnittenen Bildchen über verschiedene Züge, die in der Region im Laufe der Zeit gefahren sind. Weiter unten wurden sorgfältig lebensbejahende oder auch nachdenkliche Weisheiten kleiner und großer Vordenker angebracht. Ist das nicht toll?

Mit gut 40 Minuten Verspätung kündigt sich dann endlich unser Triebwagen an. Die Kreuzung mit dem Gegenzug wurde deswegen hier in diesen Bahnhof verlegt, was natürlich ein riesiges Glück ist, denn so können wir miterleben, wie die Fahrdienstleiterin gewissenhaft durch den Schnee stapfen muss, um sich von der Vollständigkeit der Schlusssignale zu überzeugen. Eisenbahn in ihrer schönsten Form - und wie im Lehrbuch.

Unsere RegioNova schleppt zur Krönung des ganzen auch noch eine Brotbüchse mit sich - schöner kann Zugverspätung nicht sein!

Dann ein letztes Mal der Umstieg in Klatovy. Ein letzter Blick auf Brotbüchsen und Fallblattanzeiger. Wehmut!

Der Zug nach Pilsen kommt leicht verspätet aus seiner Vorleistung. In Rekordgeschwindigkeit wird die Lok abgehangen, eine andere übernimmt unterdessen vorn die Arbeit. Fenster auf, die Fahrt beginnt!

Die wirklich letzte Brotbüchse des Urlaubs begegnet uns unterwegs in einem Bahnhof - es ist eine alte Bekannte von gestern.

Bei der Einfahrt nach Pilsen sehen wir dann unseren eigentlichen Anschlusszug davon fahren, was aber nicht weiter tragisch ist, denn die Reiseplanung bietet ausreichend Puffer. Und so werden wir noch Zeuge einer Überraschung: am Hausbahnsteig des wunderschönen Pilsener Hauptbahnhofs wartet der Silberne Pfeil, ein Dieseltriebwagen von 1939, von dem nur dieses eine Exemplar gebaut wurde.

Rasch begießen wir das freudige Erlebnis mit einem Bier in der geschäftigen Kantine des Bahnhofs. Dann fährt uns ein zeitgemäßer RegioShark aus polnischer Produktion mit einem Umstieg zum Grenzbahnhof Cheb. 

Dort erfolgt wie gehabt der Umstieg in den Regionalexpress nach Nürnberg. In weiser Voraussicht haben sich noch ein paar Flaschen Gambrinus im Gepäck versteckt, deren nachdrücklicher Bitte, sie zügig auszutrinken, wir im Sonnenuntergang gern nachkommen. Und das war es dann auch schon - der böhmische Winter liegt hinter uns, mit vielen schönen Erlebnissen, lustigen Begegnungen und dem Versprechen, bald wiederzukommen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0