Februar 2018

Böhmischer Winter

Auf der Jagd nach Taucherbrillen und Brotbüchsen

1. Teil: Über Nacht ins gelobte Land - und mehr!

Von Karlsruhe nach Zürich und weiter im Nachtzug nach České Budějovice
Von Karlsruhe nach Zürich und weiter im Nachtzug nach České Budějovice

Die Idee für einen erneuten Kurzausflug nach Böhmen hatte ich schon lange. Leider ist die Anreise mit mehr zeitlichem Aufwand verbunden, seit ich nicht mehr in Dresden, sondern in Karlsruhe wohne. Im Februar um die Faschingstage herum passte es aber und so verband ich das Angenehme mit dem Nützlichen und schenkte die Reise kurzerhand meiner Freundin zum vergangenen Weihnachtsfest. Und so fanden wir uns also an einem frühen Freitagabend im Karlsruher Hauptbahnhof ein, denn schon die Anreise sollte natürlich etwas Besonderes sein.

In einem beschmierten, aber pünktlichen ICE fuhren wir zusammen mit einer Fast Food mampfenden Familie mit dicken Kindern in Richtung Süden nach Zürich. Unterwegs durfte natürlich auch ein Plausch mit einem Arbeitskollegen nicht fehlen, verbunden mit dem Versprechen, ihm Zigaretten aus Tschechien mitzubringen. Wieder einmal erwies sich meine Reiseplanung als professionell, denn ich hatte die Sitzplätze im Wagen 7, erstes Abteil reserviert und zwar am Gang. Es sind solche Kleinigkeiten, die eine Reise stressfrei beginnen lassen, denn zum einen ist der Speisewagen in unmittelbarer Nachbarschaft, zum anderen bieten die Abteilsitze gangseitig im ICE-1 mehr Platz und man muss sich auch nicht mit seinem ganzen Geraffel bis an die Fensterplätze vorkämpfen, zudem sind auch die sanitären Anlagen einfacher zu erreichen. Genug der Schulung! - Ankunft in Zürich.

Der Hauptbahnhof kommt sauber und stattlich daher und sogleich spürt man die Perfektion dieses Landes Schweiz, welches sich bis ins kleinste Detail fortzusetzen scheint. Eine geschickt dargestellte Illusionswelt ohne sichtbare Probleme, welche jedoch ihren Preis zu haben scheint. So finden wir kaum freie Plätze in Restaurants vor und die dargebotenen Speisen sind zumeist allenfalls zähneknirschend zahlbar. Trotzdem ist Zürich ein überraschend schönes Städtchen, wie wir bei unserem von frostiger Kälte begleiteten Stadtrundgang feststellen. Neben vielen kleinen Läden entdecken wir auch das einstige Zentrum des Dadaismus und herrliches Oberleitungswirrwarr. Der letzte Satz beschreibt meine normabweichende Interessen- und Gedankenlage übrigens sehr gut.

Hungrig kehren wir zum Bahnhof zurück, an welchem wir Dank Wechselautomaten (auch in Euro) recht unkompliziert unser Gepäck verstaut hatten. Nun musste also die Bahnhofsgaststätte für unsere Sättigung herhalten. Eine ausgezeichnete Schauspielerkellnerin servierte uns freundlich und tadellos, aber frei von jeder Empathie, Schweizer Spezialitäten und kurze Zeit später waren die monetären Vorräte leer, die Bäuche aber immerhin voll - gemeinsam mit den Nudeln und Käse lagen auch ein paar der 5-Euro-Biere schwer im Magen.

Derart ermattet und schwerfällig taumelten wir zur Schließfachanlage und von dort weiter zum Bahnsteig, wo uns der Nachtzug nach Wien und Budapest mit Kurswagen nach Prag sehnsüchtig zu erwarten schien.

Neben Schlaf-, Liege- und Sitzwagen nach Wien und Budapest gibt es auf der Route via Österreich seit einem guten Jahr einen Schlafwagen in die tschechische Hauptstadt, nachdem man die Verbindung durch Deutschland eingestellt hatte. In der Sommersaison wird sogar noch ein zweiter davon spendiert, der Sitzwagen hingegen wurde zum letzten Fahrplanwechsel wieder eingestellt. Bei unserem Wagen handelte es sich um ein ehemaliges CityNightLine-Fahrzeug, welches Economy- und Deluxe-Abteile bietet. Letztere haben sogar eine eigene Dusche in der Kabine. Unser tschechischer Schlafwagenschaffner spricht hervorragendes Deutsch und ist außergewöhnlich zuvorkommend - das habe selbst ich noch nicht erlebt. Alle Kabinen sind belegt und das internationale Geschnatter im Gang ist lang vermisste Musik für meine eisenbahnfreudigen Ohren. Unter viel Gelächter helfen wir uns mit ein paar Briten gegenseitig beim Entdecken der Funktionsweise der Lochkarten, mit denen die Abteiltüren zu öffnen sind. Herrlich!

Für uns als Economy-Gäste gibt es ein sauberes Gemeinschafts-Bad, welches über Waschbecken, Toilette und Dusche verfügt. Selbstverständlich befinden sich auch in jedem Abteil Waschbecken, zudem gibt es Hausschuhe, Zahnbürste und Zahncreme sowie kostenloses Mineralwasser in rauen Mengen. Nachdem ich die Snack-Karte studiert habe, entscheide ich mich noch für den traditionellen Bierkauf beim Schlafwagenschaffner. Diese Fahrt von Zürich nach Tschechien kostet uns pro Person im Zweier-Schlafwagenabteil übrigens exakt 62,50 € - also tut es uns bitte unbedingt nach!

Ohne Wehmut geht es meistens nicht von statten, bei einer Reise im Nachtzug. Und so blicke ich melancholisch auf die Aufkleber an unserer Tür, die liebevoll in Wort und Bild Sicherheitshinweise zur Fahrt durch den Tunnel nach Kopenhagen geben. Der geneigte Leser weiß selbstverständlich, dass es diese Schlafwagenverbindung schon seit Jahren nicht mehr gibt.

Unser Zug verlässt Zürich pünktlich und beim Bier schauen wir auf die vielen Lichter am nächtlichen Zürichsee. Dann gibt es auch draußen nicht mehr viel zu sehen und noch vor der Grenze nach Österreich schlafen wir ein, verpassen den Arlberg, Innsbruck, das Rangieren in Salzburg und wachen auf, als wir bereits in Tschechien sind. Zur vereinbarten Zeit erhalten wir unser Frühstückspaket und ziehen das Rollo nach oben; sehen die leicht beschneite Landschaft Böhmens. In die Decke eingemummelt schlürfen wir den Kaffee und sind so ausgeschlafen wie glücklich. Die Fahrkarte erhalten wir in einem Umschlag zurück, auf dem man uns für die Reise dankt - es gibt nicht viel Schöneres auf der Welt, als diese Momente im Nachtzug.

Vor lauter Schwärmerei vergessen wir fast, dass wir in České Budějovice (Budweis) aussteigen müssen. Hektisch packen wir zusammen, die Hälfte erst draußen am Bahnsteig. Da fährt er dahin, unser Schlafwagen, der seit Linz am Schluss eines gewöhnlichen Personenzuges hängt.

Eine Bahnbedienstete hat Post zum Zug gebracht und fährt nun wieder in ihr Depot. Am Gleis gegenüber wird rangiert, sonst ist es ruhig an diesem Samstagmorgen. Das Empfangsgebäude kommt landestypisch daher und bietet alles, was man als Reisender benötigt.

České Budějovice, Český Krumlov und Weiterfahrt in den Urlaubsort

Von České Budějovice nach Český Krumlov und weiter nach Sušice
Von České Budějovice nach Český Krumlov und weiter nach Sušice

Wir haben ein gutes Stündchen Zeit, um uns in der Stadt umzusehen und Taschentücher zu erwerben, denn wir sind beide noch immer vom Schnupfen geplagt. Menschen begegnen uns zunächst kaum, wenn man von diesen verbissen dreinblickenden Pendlern absieht, welche vom Bus weg in Richtung der Innenstadt laufen.

Der zentrale Platz in der Altstadt ist nahezu frei von Bausünden und glänzt mit liebevoll restaurierten Häusern - sehenswert. Auf einem Plakat kündigt ein vielversprechend aussehender lokaler Barde  seinen Auftritt an.

Und schon müssen wir auch wieder zum Bahnhof zurückkehren, so sieht es die Planung vor. Dabei drängt sich noch ein vielsagender Schnappschuss aus den Bereichen Regionalzug, Empfangsgebäude und Europäischer Union auf.

Unser nächstes Ziel heißt Český Krumlov. Die eingleisige Strecke dorthin wird im Regionalverkehr von der privaten Eisenbahngesellschaft GW Train befahren, einmal am Tag jedoch auch von der staatlichen tschechischen Eisenbahn und genau diesen lokbespannten Zug haben "wir" uns ausgesucht. Der Schnellzug Ex 531 "Jižní expres" kommt aus Prag und wird hier in Budweis mit einer wunderschönen Diesellok ("Taucherbrille") aus den 1970er Jahren bespannt. Wir nehmen im Wagen der 1. Klasse Platz, wo wir ganz allein sind und hinten eine schöne Sicht auf die Strecke haben.

Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof sind im örtlichen Bahnbetriebswerke zahlreiche Relikte der Vergangenheit in Teils traurigem Zustand zu bewundern, darunter BrotbüchsenTransistoren bzw. Kofferradios und Bardotkas.

In gemächlichem Tempo fahren wir durch böhmisches Niemandsland und erreichen nach einer knappen Stunde den Zielbahnhof. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, endlich die so geschätzte Zuglok abzulichten, bevor sie samt Wagen in Richtung Abstellung dieselt.

Der Bahnhof von Český Krumlov ist im Grunde tot und liegt recht außerhalb sowie deutlich oberhalb der Stadt. Ein halbstündiger Fußmarsch ins Tal mit vorfreudigen Aus- und traurigen Anblicken führt uns folgerichtig ins Tal.

Die Altstadt zählt zum UNESCO-Welterbe und ist - das muss man sagen - eindrucksvoll und unbedingt einen weiteren Besuch wert. Burg und Schloss, ein romantischer Flusslauf und historische Gebäude, wohin das Auge reicht. Wir trauen uns sogar auf einen kleinen Mittelaltermarkt, tauschen Tschechische Kronen in wunderliche Münzen und bekommen daraufhin warmen Saft ausgeschenkt, was bei der Kälte genau das richtige ist. Für alles weitere lasse ich an dieser Stelle besser die Bilder sprechen.

Die Zeit reicht selbstverständlich auch für den Besuch eines warmen, tschechischen Gasthauses, in welchem wir mit leckerem Bier und gutem traditionellen Essen bewirtet werden - zu Preisen, die in Zürich niemand nachvollziehen könnte.

Fünf Stunden vergehen wie im Zug und der schwierigste Teil des Ausflugs steht uns noch bevor, der Aufstieg zurück zum Bahnhof. Aber auch das gelingt und es bleiben sogar noch ein paar Minuten, um sich ein bisschen umzusehen. Zu bestaunen gibt es ein Geschäft aus längst vergangenen Zeiten, Mülltonnen, die ihren Namen noch verdienen und einen kleinen Aufenthaltsraum im Bahnhofsgebäude mit Tisch Stühlen, Bildschirm und Kaffeeautomat.

Der preiswert gebaute Spielzeugtriebwagen von GW Train wird uns nun zurück nach Budweis bringen. Fahrkarten erwirbt man an einem einfach zu bedienenden Automaten im "Zug". Die Kontrolle erfolgt mittels Kugelschreiber durch die Schaffnerin.

Nach meinen obligatorischen Fotos füllt sich die kleine Sardinenbüchse zunehmend mit Wanderfreunden und Österreichern, die Stimmung ist gut. Die Strecke weiter südlich in Richtung Moldau-Talsperre steht übrigens auf meinem Plan ziemlich weit oben. Im Sommer soll auch ein VT 628 der DB-Tochter Arriva dorthin finden. Wir widmen uns nun aber wieder der richtigen Eisenbahn. Lokbespannt und mit Fenstern, die man öffnen kann, fahren wir in Richtung unseres Bestimmungsortes bei Sušice (Schüttenhofen), wo wir einen Ferienplatz erhalten haben. Aber halt! Keine Abfahrt ohne Foto!

Gut informiert über die auf dieser Linie fehlende Bordgastronomie haben wir uns im Bahnhof von Budweis noch mit Kaffee und Plätzchen eingedeckt. Dazu ein gemütliches Abteil - was braucht es mehr? Getrübt wird die Romantik nur kurz bei der Fahrkartenkontrolle, denn ich habe vergessen, eine neue Applikation auf meine tschechische Bahncard zu laden. Das Problem wird aber gegen Nachzahlung von 1,50 € und sofortiger Aufladung einer neuen dreijährigen 25-Prozent-Ermäßigung mittels Mobiltelefon unbürokratisch behoben.

Es wird schon wieder dunkel draußen, an diesem Nachmittag. Dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, am offenen Abteilfenster meiner Chronistenpflicht nachzukommen. Zum Beispiel bei einem kurzen Kreuzungsaufenthalt. Nur noch wenige Fernverkehrslinien in Tschechien bieten diese herrlich alten, unklimatisierten Abteilwagen - Sie sollten sich also beeilen!

In einem Ort, dessen Namen ich beim besten Willen nicht aussprechen kann, steigen wir um in einen RegioNova-Triebwagen und lassen uns nach Hrádek u Sušice schütteln. Dort führt ein zehnminütiger Fußmarsch durch das dunkle Dorf zu unserem Schloss-Hotel. 

Wir sind uns sicher, dass niemand sonst hier jemals mit dem Zug angereist ist, diese tollkühne Behauptung wird jedoch schon bald widerlegt. Nachdem wir unser Zimmer bezogen und das Schwimmbad getestet haben, lassen wir es uns bei Dammwildschlegeln auf Hagebuttensosse und feinem Semmelknödel gut gehen. Morgen wird gewandert!

Lesen Sie weiter im 2. Teil.

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Kommentare: 1
  • #1

    Frank H. (Samstag, 24 Februar 2018 09:11)

    Eine wunderbare Tour, die würde ich auch mal gern machen... Da muss ich mal dem Weihnachtsmann einen Tipp geben...