November 2014

Balkan-Rundreise

WIEN, KROATIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA, SERBIEN

1. Teil - von Dresden über Wien und Zagreb nach Sarajevo

Im Spätherbst des vergangenen Jahres machte ich mich mit meinem Bruder auf zu einer kleinen Balkan-Rundreise mit der Eisenbahn. Von Dresden fuhren wir über Wien, Villach, Zagreb, Mostar, Dubrovnik, Bar schließlich nach Belgrad, bevor es über Budapest wieder zurück ging. Das Wetter gab sich in weiten Teilen nicht nur mild, sondern gar spätsommerlich und so konnten wir so manches Mal selbst Anfang November noch unter freiem Himmel speisen.

Reiseroute

Am Abend starten wir unser kleines Abenteuer am Dresdner Hauptbahnhof. Der Kurswagen am EuroNight METROPOL soll uns aus Kostengründen im sitzschlafend nach Wien bringen. Im Abteil sind noch zwei Damen, die es sich bereits gemütlich gemacht haben, was uns - auf die Fensterplätze gequetscht - nur noch wenig Spielraum zum Ausbreiten lässt. Bis Prag ist das alles noch erträglich und lustig, ab dann wird der Zug aber richtig voll und die Leute stehen im Gang, unterhalten sich relativ laut und an Schlaf ist kaum zu denken.

im EN von Dresden nach Wien beginnt die Reise

In Břeclav kommen wir an den Haken des CHOPIN aus Warschau und gelangen so pünktlich, aber nicht gerade ausgeschlafen nach Wien Meidling. Zuvor haben wir den neuen Wiener Hauptbahnhof haltlos durchfahren, der in wenigen Wochen öffnen wird. Ein Ticket für die S-Bahn und ein paar Stationen Fahrt bringen uns in die Innenstadt, wo die aufgehende Sonne den Dunst vertreibt und für stimmungsvolle Eindrücke sorgt. Neben Straßenbahnen gibt es auch einen pinken Hasen und historische Bausubstanz abzulichten.

Ein Kaffee und ein süßes Teilchen runden den morgendlichen Rundgang durch Österreichs Hauptstadt ab. Und bevor uns die Wiener auf den Geist gehen können (vgl. dazu einschlägiges Liedgut von Georg Kreisler). Am Bahnhof Meidling lassen sich noch diverse ein- und ausfahrende Railjets beobachten, bevor wir selbst in einen solchen steigen und über die landschaftlich ausgesprochen reizvolle Semmeringbahn in Richtung Villach aufbrechen. Der Zug wirkt ein wenig abgenutzt, aber immerhin ist Henry mit an Bord. Sein Frauchen Sabrina versorgt und mit Kaffee und macht auch sonst eine gute Figur. Dann fährt der Zug noch ein wenig am Wörthersee entlang und am Nachmittag schlendern wir schon durch Villach, eine multikulturelle Mischung aus verschlafenem Dorf und ausgwiesenem Urlaubsort.

Pünktlich fährt der EuroCity aus Frankfurt am Main in Villach Hbf ein. Der Großteil des Zuges muss nun nur noch die paar Meter nach Klagenfurt schaffen. Wir aber steigen in einen der drei Kurswagen nach Zagreb, es wird dunkel, erst wegen des Karawankentunnels und dann wegen der hereinbrechenden Nacht. Von Slowenien sehen wir außer vollständig besprühte Nahverkehrszüge nicht viel und zwei Minuten vor Plan erreichen wir schließlich die Hauptstadt Kroatiens, Zagreb.

Ein kurzer Fußmarsch durch düstere Straßenzüge mit sanierungsbedürftigen Bauten bringt uns zu unserer Unterkunft. Hier werden wir nun zwei Nächte bleiben. Es folgt ein erster Rundgang durch die von jungen Leuten in zahlreichen Cafés bevölkerten Innenstadt. Eine großartige Stimmung und unterm Heizstrahler lässt es sich bei wahlweise Kaffee oder Bier gut aushalten und Leute beobachten. Wir haben schon jetzt das Urlaubsgefühl. Am nächsten Morgen dann erst recht, denn der Himmel ist wolkenlos blau, die Sonne strahlt und das Frühstück unter freiem Himmel ist wie auch die folgende Tour durch die Stadt ein absoluter Genuss.

Wir entscheiden uns für eine Fahrt mit der Standseilbahn zur Oberstadt, müssen aber Treppen steigen, weil uns das nötige Kleingeld zunächst fehlt. Am Abend werden wir aber noch einmal hierhin zurückkehren und die Fahrt nachholen.

Oben angekommen haben wir einen überwältigenden Blick auf die Stadt, Erinnerungen an Paris werden wach, ein Musiker spielt und beim Spaziergang durch das Regierungsviertel lässt sich das eine oder andere Fotomotiv entdecken. Zagreb ist eine wunderschöne Stadt.

Ähnlichkeiten rein zufällig?

Heute ist Allerheiligen und deshalb hat es unzählige Katholiken zur Kathedrale verschlagen. Dort warten sie auf Busse, die sie zu den verschiedenen Friedhöfen bringen. Eine beeindruckende Szenerie, welche wir eine Weile bestaunen.

Interessant sind die "Schusswaffen verboten"-Schilder an Kindergärten, Schulen und Bahnhöfen. In letzterem erwerben wir zwischendurch übrigens die Fahrkarte für die morgige Reise nach Sarajevo. Sie wird per Hand ausgefüllt, die Vorfreude steigt.

Fahrkarte für morgen

Am Hauptbahnhof ist nicht viel los. Lediglich ein Wackeldackel (VT 612) nach Split steht einsam röhrend rum. Also besichtigen wir lieber noch ein bisschen die Stadt. Nun muss die moderne Zagreber Straßenbahn für eine Fahrt herhalten, denn mein Bruder möchte unbedingt mal zum Fußballstadion von Dinamo Zagreb. Dort bietet sich uns in der Abenddämmerung dann eine schaurige Kulisse. Das menschenleere Stadion steht etwas abgewrackt und wenig einladend herum, eine Rolltreppe voller Müll führt nach oben auf die Ränge, ansonsten kein Ort, an dem man sein möchte, wenn nicht gerade ein Fußballspiel stattfindet. 

Der Tag findet viel zu schnell ein Ende und morgen müssen wir schon wieder los, um mit dem Zug nach Sarajevo zu reisen. Der Tag beginnt im Nebel. Für mich ist neben diesem und der damit verbundenen Stimmung besonders beeindruckend, dass bereits so früh und an einem Sonntagmorgen Straßenreiniger unterwegs sind, um für Sauberkeit in der Stadt zu sorgen. Am Hauptbahnhof sehen wir im Nebel eine Dampflok und einen nicht mehr ganz so neuen Triebzug der Baureihe 6112 der kroatischen Eisenbahn.

Fußweg zum Hauptbahnhof am Morgen

Da unser Zug nach Sarajevo leider keinen Speisewagen mitführt, decken wir uns beim Bäcker noch mit allerlei Plunder und Getränken ein und begutachten dann endlich den Zug, indem wir uns die nächsten neun Stunden zu Hause fühlen wollen. Zuvor werfen wir natürlich noch einen Blick auf den vielsagenden Wagenstandsanzeiger.

alles klar?

Unser Zug besteht aus einer Lokomotive und drei Reisezugwagen, einem bosnischen und zwei der Republik Srpska, in einem der letzteren nehmen wir Platz. Das Abteil ist warm und urgemütlich, mit deutschsprachigen Aufklebern beschriftet und verspricht Gemütlichkeit. Die Toiletten sind heruntergekommen. Zur Freude meines Bruders gibt es noch Raucherabteile. Später merken wir dann aber, dass der Zug de facto nur aus Raucherabteilen besteht, denn außer mir rauchen auf dem Balkan scheinbar alle, ständig und überall.

In keinem schlechten Tempo geht die Fahrt bei schwacher Besetzung voran in Richtung Südosten. Bald erreichen wir den Bahnhof Volinja und damit die Grenze zu Bosnien-Herzegowina, wo die Lokomotive gewechselt wird. Es folgt eine unspektakuläre Passkontrolle auf beiden Seiten des Flusses Una und schon sind die ersten Minarette zu sehen - wir haben das Gefühl, in eine andere Welt zu fahren. 

Die Sonne hat den Nebel nun endgültig abgelöst und wir erleben eine gemütliche Fahrt, sind noch immer allein in unserem Abteil, essen, schlafen, gucken aus dem Fenster - so könnte es ewig weitergehen, das ist noch Eisenbahn.

In Kostajnica müssen wir eine ganze Weile auf den Gegenzug warten, was uns eine gute halbe Stunde Verspätung einbringt. In Doboj wird erneut die Lok gewechselt, jene der Republik Srpska wird von einer bosnischen abgelöst. Unterwegs sehen wir auch noch Wagen im originalen Reichsbahndesign, allerdings in bedauernswertem Zustand.

Reichsbahnausbesserungswerk?

Der Zug füllt sich nun mit Studenten, in der Folge ziehen sich die letzten Stunden recht zäh, wir verbringen sie auf sehr engem Raum und die Ankunft in Sarajevo - inzwischen ist es dunkel - empfinden wir dann doch als eine Art Erlösung. Flugs heben wir noch etwas Geld ab, um dann die lustige Straßenbahn zu besteigen (Tickets gibt es beim Fahrer) und in unsere Ferienwohnung zu fahren. Hier erwartet uns ein sehr freundlicher, junger Gastgeber, der sich sehr freut, Gäste aus Dresden zu begrüßen, haben jene Ultras und die aus Sarajevo doch neben einer Fanfreundschaft noch einiges mehr gemeinsam. Er selbst erzählt, er wäre gestern erst bei einem Spiel gewesen und gab grinsend zu Protokoll: "They had a nice fight with the police". 

der Abend kommt und damit Sarajevo

Das Appartement ist modern und sauber, die Neugier bei uns noch zu groß, um gleich schlafen zu gehen, also drehen wir nochmal zu Fuß eine Runde durch die nur einen Steinwurf entfernt liegende Altstadt. Morgen haben wir den ganzen Tag Zeit für eine ausgiebige Erkundung der Stadt.

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