November 2014

BALKAN-RUNDREISE

WIEN, KROATIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA, SERBIEN

3. Teil - von Dubrovnik über Bar, Belgrad und Budapest nach Dresden

Gestern Abend sind wir mit dem Bus in Dubrovnik angekommen, haben unsere winzige, aber mit Meer- und Altstadtblick ausgestattete Ferienwohnung bezogen und bei einem kleinen Rundgang schon mal in die Altstadt geschnuppert. Heute haben wir einen ganzen Tag für Dubrovnik Zeit. Es ist November und daher sind nicht zu viele andere Touristen anwesend, was aber leider keinen Einfluss auf die Preisgestaltung der örtlichen Gewerbetreibenden hat. Ich muss es so deutlich sagen: wir möchten uns ein Essen, sei es Frühstück oder Dinner in einem der Restaurants beim Blick auf die Speisekarte einfach nicht leisten. Also gehen wir an diesem Morgen zu einem Bäcker, versorgen uns mit Teilchen und Kaffee und setzen uns auf eine Bank am Strand: Frühstück am Meer, im Freien und das im November und für wenig Geld - nicht schlecht!

Blick auf Dubrovnik am Morgen

Schnell sind wir uns über das folgende Programm einig: wir möchten die gut 400 Meter über Dubrovnik gelegene Festung Imperial auf dem Berg Srd erkunden. Normalerweise kann man die Höhenmeter mittels einer Seilbahn überwinden, aber diese ist heute wegen des starken Windes nicht in Betrieb, was auch in nicht unerheblichem Maße unser Budget schont, denn eine Berg- und Talfahrt kostet stolze 14 Euro. Der Fußweg beginnt durch kleine lieblich Gassen mit Treppenstufen und ab dem Überqueren einer Hauptstraße windet sich der Weg in nicht enden wollenden Serpentinen nach oben. Nach einem kurzen Waldstück bietet sich auf dem verbleibenden Abschnitt ein baumfreies Wandern und dadurch mit zunehmender Höhe immer fantastischere Ausblicke auf die Stadt und das Meer. 

Oben ist es ziemlich windig und so begeben wir uns rasch in das in der Festung Imperial befindliche Museum, welches die Kriegshandlungen um Dubrovnik zu Beginn der 1990er Jahre eindrucksvoll, aber freilich nicht gänzlich objektiv darstellt. Daher können wir uns einen kleinen ironischen Beitrag im Gästebuch nicht verkneifen. 

konnten wir uns nicht verkneifen

Die Fotos des belagerten und in großen Teilen zerstörten Dubrovniks hingegen sind unabhängig der heroischen Begleittexte schrecklich und wenn man sich insbesondere vor Augen führt, dass dies alles noch gar nicht lange her ist, kann man schon von einem großen Glück sprechen, dass Kroatien heute Mitglied der Europäischen Union ist und sich langsam und unter Berücksichtigung allem Kritischen, was damit auch verbunden ist., doch Vieles zum Guten wendet.

Die Festung selbst stammt aus viel älterer Zeit, wurde aber im Kroatienkrieg letztlich erfolgreich genutzt, um die Stadt während der vor allem von Seeseite ausgehenden Belagerung  zu verteidigen. Ein letztes Wiener Würstchen im Gipfelwind und einige alberne Schnappschüsse mit der Kamera am Abgrund beschließen unseren Aufenthalt hier oben und wir begeben uns wieder auf den Weg zurück, hinunter in die Altstadt. Hier bleibt auch noch Zeit für einen leckeren Kaffee in einer abseits von den Hauptströmen gelegenen Kneipe zu erschwinglichem Preis und abends verbringen wir tatsächlich mehr als eine Stunde damit, die an die Stadtmauer knallenden, ziemlich hohen Wellen zu beobachten, ihnen wie die Kinder johlend auszuweichen, immer und immer wieder fast nass werdend - herrlich!

Am nächsten Morgen heißt es dann Abschied nehmen. Ein letzter Besuch am Meer und schon gehts mit dem Stadtbus zum etwas außerhalb gelegenen zentralen Busbahnhof, wo uns ein weiterer Bus zur Fahrt nach Montenegro erwartet. Der Fahrstil dieser beiden Originale ist nicht wesentlich, aber doch etwas ansprechender als jener vor zwei Tagen. Das Radio wird aufgedreht und beide singen beherzt kroatische Volksweisen mit, während wir neugierig aus dem Fester schauend die Adria und den Flughafen von Dubrovnik hinter uns lassen und in bergigem Gelände schließlich die Grenze zu Montenegro erreichen. Die Kontrollen verlaufen vollkommen unproblematisch, außerdem haben die Busfahrer den Grenzbeamten ein wenig Obst mitgebracht. Auf der weiteren Fahrt an der Küste entlang sehen wir wenig ansehnliche Bettenburgen und etwas schmuddelige Küstenorte, zusammen mit dem diesigen Wetter wirkt alles wenig einladend.

Bucht von Kotor

Unser Bus muss nun in einer aufwändigen Fahrt die inneren Buchten von Risan und Kotor umfahren, da der viel schnellere Weg mittels der Autofähre nicht vorgesehen ist. Schier endlos zieht sich die Fahrt um das unter Schutz der UNESCO stehende Gewässer. In Kotor schließlich ist Zeit für einen Besuch der Toilettenanlagen, leider aber nicht für die Stadt. Zurück im Bus gehts auch gleich weiter, als ein Engländer von hinten zum Anhalten ruft, weil wir seine Frau offenbar vergessen hätten. Der Busfahrer gibt sogleich von vorn mit einem breiten Grinsen zu verstehen: "You will find another one!", hält dann aber natürlich trotzdem an und alles wird gut. Wir erreichen am Abend Bar, eine Industrie- und Hafenstadt und sind hier ein wenig schlecht vorbereitet. Weder wissen wir, wo sich der Busbahnhof im Verhältnis zum Bahnhof der Eisenbahn befindet, noch haben wir im Vorfeld eine Fahrkarte oder Reservierung für den Zug nach Belgrad erworben. Aber wir haben knapp drei Stunden Zeit. Inmitten von Palmen und abgewrackten Gewerbeanlagen erreichen wir den ziemlich verlassenen Busbahnhof und erfahren schnell, dass es zum Bahnhof der Eisenbahn nur wenige Hundert Meter sind. Dort angekommen begeben wir uns sogleich an den Fahrkartenschalter: die gute Nachricht ist, dass der Zug fährt und auch eine Double-Reservierung für den Schlafwagen möglich ist. Ein Anruf in der Abstellanlage genügt und schon liegen die Tickets vor uns - allein eine Kartenzahlung ist nicht möglich, nur Bargeld wird akzeptiert. Wir finden im Portemonnaie alle möglichen Währungen außer die benötigten Euro. Und so bitten wir die Dame, auf unsere Fahrkarten gut aufzupassen und begeben uns auf die Suche nach einem Geldautomaten. Im Hintergrund donnert ein herannahendes Gewitter. Vor uns liegen wenig einladende Straßen in Richtung einer Stadt, die wir nicht kennen, erste Straßenhunde sind zu sehen und die drei Stunden Zeit sind plötzlich auch weniger geworden. Ich habe den Kanal jetzt ziemlich voll. Ein Taxifahrer gibt uns zu verstehen, einen Geldautomat gäbe es hier fußläufig mal überhaupt nicht zu erreichen. Wir grinsen gequält zurück und verzichten aber auf sein Angebot, uns zu einem Automaten in die Stadt zu fahren. Doch: auf den Kapitalismus und seine Auswüchse ist auch hier in Montenegro Verlass: an der nächsten Ecke taucht wie aus dem Nichts ein riesiges Einkaufszentrum auf, es bietet nicht nur Bier und Proviant, sondern auch eine Apotheke (Taschentücher) und einen Geldautomaten - hurra! Völlig cool und gelassen schleichen wir kurze Zeit wieder bepackt mir Geld und allem, was wir sonst noch brauchten, wieder am Taxifahrer vorbei - ha ha! Nun können wir die Fahrkarten bezahlen und mir bleibt noch Zeit für einen Besuch im Bahnhofscafe, während draußen unser Zug nach Belgrad bereitgestellt wird.

Das Café besteht aus einem Tresen, einem Campingkocher und einem türkischen Kaffee-Set sowie einer sehr freundlichen Dame, die mir mein Heißgetränk ruhig und mit viel Liebe zubereitet, mir noch einen Stuhl auf den Bahnsteig stellt und mich auch ohne ein Wort zu sagen beinahe rührt. Unser bereitgestellter Zug sieht von außen wenig bis gar nicht einladend aus, im Inneren des montenegrinischen Schlafwagens erwartet uns aber ein gepflegtes und sauberes Abteil, das an längst vergangene Zeiten erinnert. Es folgt bei mir der an dieser Stelle übliche Gefühlsausbruch: ein warmes Schlafwagenabteil, umleitungsbedingt Zeit bis zum nächsten Morgen 10 Uhr, mitgebrachtes Bier, Abendstimmung - ich bin glücklich. Die Grenzkontrollen sind absolut unspektakulär, danach schlafen wir ein und erwachen erst wieder, als es schon hell ist und wir irgendwo in Serbien sind. Unterwegs wurde mehrmals die Lokomotive gewechselt und auch von der schönen Landschaft der Strecke Bar - Belgrad haben wir nichts mitbekommen, weil es ja dunkel war. Ein Tageszug fuhr zu unserer Reisezeit leider nicht, wir wollen das aber auf jeden Fall nachholen, weil die Strecke zu den Schönsten in Europa zählen soll.

Auch in diesem Zug gibt es die Möglichkeit, einen Kaffee zubereitet zu bekommen. Auch dies geschieht wieder mittels eines Campingkochers. Das Wetter ist vielversprechend, die Geschwindigkeit des Zuges gemütlich und ein paar Signalstörungen später erreichen wir endlich Belgrad, die Hauptstadt Serbiens.

Der Belgrader Hauptbahnhof war wohl mal ein einzigartiger Ausgangspunkt zu vielen fernen Zielen, ein wenig von diesem Flair ist noch erhalten, das meiste aber leider verloren gegangen. Denn Züge fahren nur noch sehr wenige, die Anzeigetafeln sind längst außer Betrieb und investiert wird nicht mehr, weil ein gigantisches Großprojekt geplant und bisweilen auch im Bau befindlich ist, welches den alten Bahnhof durch einen unterirdischen Neuen nebst neu gebautem Stadtteil ablösen soll. Am Bahnsteig angekommen bemerken wir auch, dass unser Zug einen Autotransportwagen mitführte, zwei PKW nutzten diese Möglichkeit. Unser Weg führt zum Hostel und ich bin ein wenig geschockt: auch von Städten, in denen ich noch nie war, entwickel ich häufig eine bestimmte Vorstellung, ein Bild im Kopf. Dies unterscheidet sich hier dramatisch von der Realität. Ich sehe Schmutz, rieche komische Dinge, erlebe eine hektische und verbaute Großstadt und fliehe erstmal in ein mir vertrautes Schnellrestaurant, um ein wenig runterzukommen. Dann bin auch ich bereit für Belgrad und alles wirkt nun entspannter, Neugier löst Stress ab. Das Hostel (10 Euro pro Nacht) ist auch für landestypische Verhältnisse sehr "einfach" eingerichtet, im Grunde ist es eine Zumutung, aber egal, wir lassen uns davon nicht stören, spazieren in der Sonne zur Donau und essen im Freien zu Mittag. Danach besichtigen wir die imposante Festungsanlage von Belgrad um schließlich in der Innenstadt von einem Cafe aus das Treiben ein wenig zu beobachten. Abends bestaunen wir das Parlamentsgebäude und Werbetafeln zur fragwürdigen(?) Kooperation zwischen Russland und Serbien.

Der nächste Tag soll auch noch Belgrad gehören und am Abend wollen wir mit dem Nachtzug weiter nach Budapest. Doch am Hauptbahnhof erfahren wir schmallippig, dass es zwar einen Nachtzug, aber keinen Schlaf- oder Liegewagen gibt. Den Grund dafür erfahren wir nicht. Nach kurzer Beratung beschließen wir, noch eine Nacht in Belgrad zu bleiben, kehren noch einmal an den Fahrkartenschalter zurück und bestellen ein Ticket für den Tageszug nach Budapest. "No train, only night" ist alles, was die Dame zu sagen hat und so ziehen wir etwas ratlos ab. Das weitere Vorgehen werden wir später besprechen, jetzt schauen wir uns erstmal noch ein bisschen am Bahnhof um.

Belgrad Hbf

Nach ein paar Recherchen in diesem Internet und einem wunderbaren Frühstück in der Bahnhofsgaststätte (Tisch direkt auf dem Bahnsteig in der Sonne) schmiede ich den folgenden Plan: Bus bis Subotica, dann mit dem Zug über die Grenze nach Szeged und von dort weiter nach Budapest. Wir kaufen am Busbahnhof ein Ticket für morgen Früh und begeben uns weiter zum Stadtrundgang. Gestern hatten wir in einem Cafe inmitten der Fußgängerzone den von uns so genannten The hunting Bob kennen gelernt. Er saß am Nachbartisch und sprang jedes Mal zuverlässig auf, wenn ein in seinen Augen attraktives Mädchen den Weg passierte, stellte ihr dann nach, verwickelte sie in ein Gespräch und kam erstaunlich oft mit einer Telefonnummer wieder zurück. Nach einer Weile gesellte sich The hunting Bob zu uns und weihte uns vertraulich in seine Flirtgeheimnisse ein. Eine zentrale Rolle spielte wohl seinen Angaben zufolge, dass man Fremder sein und Englisch sprechen soll, damit würde man jedes Herz (und weitere Organe) erreichen. Amüsiert bedankten wir uns für die "Tipps" und zogen weiter.

Besonders das durch NATO-Luftangriffe 1999 zerstörte, ehemalige Verteidigungsministerium, welches als Ruine erhalten geblieben ist, beeindruckt uns bei unserem Rundgang. Aber auch der mittlerweile fast fertiggestellte Dom der Heiligen Sava, an dem mit Unterbrechungen bereits seit den 1920er Jahren gebaut wird, ist sehenswert. Und natürlich die Beobachtung des Alltages und Treibens auf den Straßen von einem der vielen Cafes aus, das gute Essen, das preiswerte Bier gefallen uns sehr. Befremdlich dagegen sind die Souvenierstände, an denen noch immer T-Shirts und Basecaps verurteilter Kriegsverbrecher ungeniert zum Kauf angeboten werden. Beim Essen in einer der niedlichen Gassen bestellen wir leckere Bifteki und serbischen Salat, letzteren gibt es für mich aber aus unverständlichen Gründen nicht. Nur Bifteki ja, nur serbischen Salat ja, beides zusammen: nein. Na gut.

leckeres Essen

Der Tag geht schneller als uns lieb ist vorüber und im Morgengrauen sehen wir uns bereits am Busbahnhof wieder, von wo aus wir über die Autobahn und Novi Sad nach Subotica gelangen, an die serbisch-ungarische Grenze. Routiniert ordern wir am Fahrkartenschalter ein Ticket nach Szeged, aber außer einem Kopfschütteln der Mitarbeiterin tut sich nichts. Eine von uns herbeigerufene, englischsprechende Kioskbesitzerin übersetzt uns dann freundlicherweise, dass es heute keine Züge Richtung Szeged gäbe. Aha. "Wie sollen wir denn jemals nach Budapest kommen?" grummel ich sie an. Da horcht die Schalterbeamtin wiederum auf und erklärt wie selbstverständlich, dass ein Zug nach Budapest natürlich fahren würde. Es ist jener, den wir ab Belgrad nutzen wollten, derAVALA. Nur eben ab hier. Und erst später zu Hause schließt sich der Kreis, als wir erfahren, dass der ganze Zirkus wohl mit einem Streik zu tun hat.

Draußen vor dem Bahnhof ziehen gefühlte Hundertschaften der Polizei auf. Ob das mit uns zu tun hat? Nein, erfahren wir von einem Plakat, Belgrad spielt heute in Subotica. Für die Fußballfans wird also ein Zug erwartet - merkwürdig. Die ganze Stimmung ist ohnehin recht eigenartig. Auf dem Bahnsteig stehend deute ich meinem Bruder nach Norden und gebe zu, dass ich momentan froh sei, wenn wir wieder in europäischen Gefilden sein würden. Hier - und das waren ungelogen meine Worte - fehle ja nur noch ein alter Mann, der eine Ente in einem Korb anschleppt. Aussehen der mit uns Wartenden und das Flair auf diesem Bahnsteig brachten mich nämlich zu dieser Aussage. In jenem Moment kommt ein etwa 90 Jahre alter Mann um die Ecke, bei sich trägt er einen geflochtenen Holzkorb, darin befindet sich eine lebende Gans. Ich kann nicht mehr! Unser Ersatz-AVALA wird bereitgestellt, es gibt WLAN und Fenster zum Öffnen, die man aber nicht Öffnen sollte, wenn die Zugbegleiterin es mitbekommt. Auch sollte man offensichtlich nicht unnötig durch den Zug laufen und seinen Sitzplatz nicht einfach so wechseln. All das wird mit unverständlichem Kopfschütteln der genervten MÁV-Mitarbeiterin und wüstem Gemurmel kommentiert, gerade so, als hätte man gegen ihre persönliche Hausordnung verstoßen. Trotzdem erreichen wir unbeschadet und pünktlich den Banhof von Budapest Keleti, gegenüber steht der echte AVALA nach Prag, den wir aber fahren lassen, weil wir ja mit dem METROPOL nach Hause wollen.

Bahnhof Budapest Keleti
no comment

Wir schließen unser Gepäck ein, drehen noch eine Runde durch die Stadt, trinken einen viel zu teuren Kaffee und begeben uns dann an Bord des Nachtzuges nach Dresden, den wir in einem viel zu hell beleuchteten Großraumwagen ertragen müssen. In Bratislava möchte mein Bruder am Bahnsteig schnell eine Zigarette genießen, doch ehe er den ersten Zug einatmet, haben ihm auflauernde Polizisten bereits eine Bußgeldquittung ausgestellt. Das lässt die positive Erinnerung an die Reise freilich nicht trüben und in Dresden steigen wir pünktlich, müde, aber zufrieden aus dem Zug.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0