August 2017

Die Schlaf- und Speisewagentour

Genuss und Verdruss in fünf Tagen und vier Nächten

3. Teil: Vom Paradies zurück in die Realität

Von Košice durch das slowakische Paradies, über die Hauptstrecke zurück, dann nachts nach Bratislava
Von Košice durch das slowakische Paradies, über die Hauptstrecke zurück, dann nachts nach Bratislava

Bereits zum zweiten Mal bei dieser Tour erreiche ich das morgendliche Košice, diesmal bin ich jedoch über die Hauptbahn via Žilina gefahren, wovon ich allerdings dank eines guten Schlafes nichts mitbekommen habe. Bei Sonnenaufgang stelle ich erfreut die Pünktlichkeit meines Zuges fest, so kann ich mich in Margecany, jenem Ort, wo gestern noch der Lokschaden war, meiner Morgentoilette widmen und den mir zustehenden Kaffee genießen. Dazu werden erneut Reiswaffeln mit Leberwurst und Nutella gereicht. Freilich könnte ich hier auch schon aussteigen, denn der Höhepunkt des Tages, die Befahrung der Strecke durch das slowakische Paradies, beginnt hier in Margecany. Aber dann wäre die Wartezeit zu lang und weil wir ohne Verspätung unterwegs sind, kann ich es mir leisten, bis Košice liegen zu bleiben, um dann sogleich wieder hierher zurück zu fahren.

Das Wetter verspricht sich nach ersten laienhaften Einschätzungen von seiner besten Seite zu zeigen. Beschwingt verlasse ich also meinen Schlafplatz und begebe mich umgehend zum Bahnsteig 1, um mit dem Schnellzug zurück nach Margecany zu fahren. Natürlich komme ich nicht umhin, auch diese halbe Stunde im Speisewagen zu verbringen und zur dreierseitigen Überraschung ist das Personal dasselbe wie gestern, also die nette junge Kellnerin und der sehr dicke Koch. Ein wenig wunderlich wirke ich auf beide wohl schon ob meiner erneuten Anwesenheit, aber dafür bedarf es beim Bestellen keiner langen Worte. "Omelette und Kaffee?" fragt sie mich routiniert und ich muss nichts mehr tun, als bestätigend mit dem Kopf zu nicken. Schon hört man die Butter in der Pfanne brutzeln und mit Abfahrt des Zuges steht bereits alles auf dem Tisch.

Da ist es wieder: das Wagon Slovakia-Omelette.
Da ist es wieder: das Wagon Slovakia-Omelette.

Kaum ist alles verspeist, sind wir auch schon in Margecany. Also nichts wie raus und gleich über alle Gleise rüber gehüpft zum Personenzug nach Banská Bystrica. Dieser besteht aus vier Wagen und fährt auf der Gesamtstrecke noch gerade zweimal am Tag. Bis vor wenigen Jahren gab es sogar noch ein Schnellzugpaar über diese Strecke, von Košice bis nach Bratislava, aber die Zeiten des legendären HOREHRONEC sind leider vorbei. Entsprechend wenig ist zunächst auch los, im letzten Abteil des letzten Wagens finde ich ein gemütliches Plätzchen.

 

aus dem Zug links bin ich ausgestiegen und nach ganz rechts muss ich
aus dem Zug links bin ich ausgestiegen und nach ganz rechts muss ich

Während mein Schnellzug ohne mich und ohne Lokschaden seine Reise in Richtung Bratislava fortsetzt, begutachte ich noch einen gut erhaltenen Triebzug der Baureihe 460 (fast) im Farbdesign der Deutschen Reichsbahn und eine rechts neben mir wartende Brotbüchse. Ich selbst sitze in einem herrlichen alten Schnellzugwagen, der neben einer Toilette (mit ohne Absaugen) auch über ein reines Badezimmer mit Waschbecken verfügt. Das allerwichtigste heute aber sind die zu öffnenden Fenster. Gezogen werden wir von einer Taucherbrille, jener wunderschönen Diesellok aus den 1970er Jahren, die mich bereits in der ersten Nacht dieser Reise nach Košice gebracht hatte.

Als die Lok pünktlich um 6:46 Uhr losröhrt und der Feinstaub wohltuend bis nach hinten in mein Abteil zieht, gibt es kein Halten mehr. Wie ein Flummi springe ich vom Fenster zum Gang und zur Stirnwandtür meines letzten Wagens, um alle Eindrücke mental und fotografisch festzuhalten. Die Strecke ist eingleisig und nicht elektrifiziert. Die Trasse bis zum ersten planmäßigen Halt meine Zuges, Gelnica, besteht seit 1884 und ist Teil der ehemaligen Göllnitzbahn. Die sich anschließende Abschnitt bis Červená Skala wurde erst in den 1930er Jahren eröffnet. Er führt durch das slowakische Erzgebirge und am südlichen Rand des reizvollen slowakischen Paradieses entlang. Der Bau dieser Strecke war einigermaßen aufwändig, denn die Züge schrauben sich bis auf 957 Höhenmeter hinauf, in Vernár (930 m über NN) werden wir den höchstgelegensten normalspurigen Haltepunkt der Slowakei erreichen.

Gleich am ersten Halt erfolgt die erste Zugkreuzung (mit einer Brotbüchse aus Nálepkovo).
Gleich am ersten Halt erfolgt die erste Zugkreuzung (mit einer Brotbüchse aus Nálepkovo).

Um den Streckenverlauf für den geneigten Leser zu verdeutlichen, habe ich eine weitere Karte erstellt. Auf ihr sehen Sie den Streckenverlauf von Margecany nach Banská Bystrica. Hier fahren durchgängig nur noch die beiden Zugpaare, in dem morgendlichen davon befinden wir uns gerade. Der Abschnitt bis Nálepkovo wird durch regelmäßige Brotbüchsen mit Halt auf allen Stationen bedient. Auf dem schönsten Teil der Strecke zwischen Nálepkovo und Brezno gibt es nur noch die angesprochenen beiden Personenzüge. Der höchste normalspurige Haltepunkt der Slowakei, Vernár, wird dabei nur noch durchfahren, hier halten derzeit keine Züge mehr. Dem Aufstieg auf fast 1000 Meter schließt sich eine gediegene Talfahrt an. Um den Höhenunterschied zu bewältigen, wurde hier bei Telgárt 1933 ein Kreiskehrtunnel erbaut. Die Strecke folgt dann dem Fluss Hron über Brezno bis nach Banská Bystrica.

Am dritten Halt des Zuges, in Mníšek nad Hnilcom, findet erneut eine Kreuzung statt. In den Morgenstunden wird dieser Streckenabschnitt also von Brotbüchsen gut versorgt. Doch auch bei uns steigen trotz der frühen Tageszeit immer mehr Fahrgäste zu, vor allem Wanderer und Fahrradfahrer.

Die Sonne setzt sich langsam durch, lässt den blauen Himmel zum Vorschein kommen und der Nebel steigt über den Wäldern auf. Dazu wird Nebenbahnromantik vom feinsten geboten.

Bahnhof Nálepkovo. Ab hier fahren nur noch zwei Züge am Tag in westliche Richtung.
Bahnhof Nálepkovo. Ab hier fahren nur noch zwei Züge am Tag in westliche Richtung.

Für die knapp 200 km lange Strecke von Margecany nach Banská Bystrica benötigen wir übrigens laut Fahrplan fast vier Stunden. Trotzdem kommen mir die gefahrenen Geschwindigkeiten überraschend annehmbar vor. Stellenweise fahren wir so schnell, dass ich wegen des Geruckels kaum noch meine Notizen aufschreiben kann. 

In Hnilec wird eine junge Frau von ihrem Freund per Auto sehr nah an den Zug gebracht.
In Hnilec wird eine junge Frau von ihrem Freund per Auto sehr nah an den Zug gebracht.

Nach einer guten Stunde haben wir in Mlynky eine kleine Pause. Wir warten hier planmäßig den Gegenzug ab. Es bietet sich die Gelegenheit, bei der Holzverladung (leider auf einen LKW) zuzugucken oder verbotenerweise das dem Bahnsteig abgewandte Gleis zu betreten, um den Zug zu fotografieren. Kurze Zeit später fährt Os 1781 nach Margecany pünktlich ein, außerdem findet ein Austausch des Zugbegleitpersonals statt. Wenn alles vorbei ist, muss der Fahrdienstleiter erst um 16 Uhr zurückkehren, dann findet hier die zweite Zugkreuzung des Tages statt.

Wir lassen Mlynky und den Gegenzug hinter uns und setzten unsere Fahrt in westlicher Richtung fort. Ich stehe an der Stirnwandtür des letzten Wagens und schaue ihm noch ein bisschen nach, sehe wie wir die Weichen des Bahnhofs passieren und dann wieder allein auf der Strecke sind. 

Es beginnt der schönste Abschnitt der Strecke. Wir haben uns auf stattliche 700 Höhenmeter hoch gearbeitet, als wir Dedinky (dt.: Dörfel) am Stausee Palcmanská Maša erreichen. Obwohl der Ort keine 300 Einwohner hat, liegt er doch in einer touristisch beliebten Region. Davon zeugen die Skilifte an den Hängen und der relativ große Fahrgastwechsel am Zug. Spätestens jetzt bin ich leider nicht mehr der einzige, der Kopf und Kamera dauerhaft aus dem Fenster hängt.

Gute 200 Meter nach oben fehlen uns noch, bis wir den Scheitelpunkt der Strecke erreichen. Es mehren sich nun auch kleinere Tunnel, vom zweitschönsten Platz im Zug aus freilich ein besonderes Vergnügen. Aber kein Grund für das Zugpersonal, die Wagenbeleuchtung einzuschalten. Recht so! Amüsiert muss ich daran denken, wie ich im wahren Leben im ICE Einstiegstüren abschließen muss, wenn die Beleuchtung der Trittstufe defekt ist und sende im Geiste kopfschüttelnd Grüße an das Eisenbahnbundesamt.

Passend zu den Tunneln halten wir dann in Dobšinská ľadová, in dessen Nähe sich eine bekannte Eishöhle befindet, von der wir im Zug jedoch nichts mitbekommen. Im Gegenteil: längst habe ich die kurzen Sachen angezogen, denn es wird warm heute. Auch hier ist selbstverständlich ein Fahrdienstleiter anwesend, der sich gewissenhaft um die insgesamt vier Züge am Tag kümmert. Außerdem belegt der Blick aus dem Fenster eindrucksvoll, weshalb die Region den Namen Slowakisches Paradies trägt.

Die Spannung steigt. Der Zug ist nun gut besucht, aber mich hat man in meinem Abteil dankenswerterweise nicht mit Mitreisenden bedacht. Dann durchfahren wir den Haltepunkt Vernár und nähern uns dem bereits angesprochenen Kreiskehrtunnel bei Telgárt. Fast unmittelbar vor dem Tunnel befahren wir ein Eisenbahn-Viadukt, unter welchem sich der nächsten Haltepunkt, Telgárt Penzión, befindet. Der Zug biegt in eine Rechtskurve ein und das Tunnelportal wird sichtbar.

Der Tunnel ist 1.240 m lang und hat ein (in diesem Fall Gefälle) von 12,5 ‰. Fast am Ende kommt der Zug zum Stehen, denn der Haltepunkt Telgárt Penzión befindet sich unmittelbar am Ausgang des Tunnels. Allerdings passen nicht alle vier Wagen an den Bahnsteig, weswegen meiner noch im Tunnel steht, was die aussteigenden Fahrgäste aber nicht zu stören scheint.

Nach zwei Minuten setzen wir unsere Fahrt fort und endlich kann auch ich den Haltepunkt, den Tunnelausgang und das vorhin befahrene Viadukt bestaunen.

Kreiskehrtunnel mit Haltepunkt Telgárt Penzión, oben links das Viadukt.
Kreiskehrtunnel mit Haltepunkt Telgárt Penzión, oben links das Viadukt.

Ein bisschen fallen mir jetzt doch die Augen zu, denn die Nacht war kurz. Aber das ist nicht schlimm, weil die Höhepunkte der Strecke vorerst passiert wurden und noch ein ganzes Stück Fahrzeit vor uns liegt. In Červená Skala befinden wir uns dann wieder auf einem Abschnitt, der immerhin noch von zwei weiteren Zugpaaren am Tag von Brezno aus bedient wird (und natürlich wieder zurück). Hier sind nun pro Richtung also vier Züge täglich unterwegs und diese Verdoppelung der Verkehrsleistung veranlasst zwei einladend zu mir winkende Wirtsleute offenbar, eine kleine Haltepunkts-Kneipe in Beňuš zu betreiben. Vielleicht sollte ich verrückt sein und einfach auf ein paar Bier aussteigen! Aber nein - das Leben nach Fahrplan verlangt Verlässlichkeit. Und so bleibe ich leider sitzen und schaue ihnen winkend nach.

Biergärtchen am Haltepunkt: meine Slowakei!
Biergärtchen am Haltepunkt: meine Slowakei!

Wenig später nähern wir uns dem Eisenbahnknötchen Brezno. Von hier aus stellt eine reizvolle Nebenstrecke mit abschnittsweisem touristisch genutztem Zahnradbetrieb, die Verbindung zur im Süden verlaufenden Hauptbahn Košice - Zvolen her. Aus Zeitgründen kann ich diesmal leider nicht umsteigen, aber sie steht auf der Liste für die nächste Slowakei-Reise ganz oben. Mir fällt aber ein, dass ich hier in Brezno schon einmal war. Beim Jahresausflug eines einschlägig bekannten Eisenbahnforums war ich von der Schmalspurbahn in Čierny Balog abends hierher zurück gelaufen. Den Abzweig zu dieser Bahn werden wir kurze Zeit später noch in Chvatimech sehen.

Mein Zug und ich verlassen den überdimensioniert wirkenden Bahnhof von Brezno und kommen an einem kleinen Brotbüchsen-Depot und einem Flügelsignal vorbei. Der lichtelektrische Ablöser (?) steht aber schon direkt dahinter bereit.

Nun sind wir im eben angesprochenen Chvatimech. Damals, beim Forenausflug, hatte hier der inzwischen eingestellte HOREHRONEC extra für uns gehalten, damit wir in die Schmalspurbahn nach Čierny Balog umsteigen konnten. Heute wartet nur eine grimmig dreinschauende Bedienerin der Schrankenanlage.

Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer und ein Schade-schon-vorbei-Gefühl stellt sich ein. "Bitte nochmal", würde ich auf dem Jahrmarkt vielleicht betteln. Aber die Taucherbrille ist stärker als meine Sehnsucht und drückt in Richtung des Zielbahnhofes noch einmal aufs Tempo.

Schwarzer Rauch steigt auf: das bedeutet, wir sind gleich da.
Schwarzer Rauch steigt auf: das bedeutet, wir sind gleich da.

Einfahrt in den Bahnhof Banská Bystrica, welcher sogar unter Fahrleitung steht. Auf den großen Gleisanlagen ruhen sich allerdings nur wenige Fahrzeuge aus. Morgen Abend wird meine Reise hier fast zu Ende gehen, heute habe ich nur ein Stündchen zu überbrücken und das gelingt am besten mit dem ersten Bier des Tages in der Bahnhofswirtschaft.

Ein Schneepflug, noch im Sommerschlaf, begrüßt uns bei der Einfahrt in Banská Bystrica.
Ein Schneepflug, noch im Sommerschlaf, begrüßt uns bei der Einfahrt in Banská Bystrica.

Vor dem Empfangsgebäude finden gerade umfangreiche Bauarbeiten statt. Das hindert mich und die anderen Trinker aber nicht, im direkt an den LKW und Baggern angrenzenden Biergarten Platz zu nehmen. Der Durst ist bei allen groß, denn es ist bereits 10:45 Uhr. Die anwesende Statue und ich betrachten das Geschehen.

Gut, dass meine Stimme jetzt geölt ist, denn ich werde angesprochen. Und ausnahmsweise mal nicht von einem Schaffner. Vielmehr sucht ein gewisser Miroslav das Gespräch mit mir, der aussieht, als gehöre er schon längere Zeit zum Inventar der Kneipe und der recht gut deutsch spricht. Wir tauschen kurz unsere Lebensgeschichten aus. Bis 1979 sei er als Tänzer in den Theatern von Neubrandenburg und Gera beschäftigt gewesen und seitdem hätte er sich fast niemals wieder mit jemandem auf Deutsch unterhalten. Er ist wirklich sehr liebenswert und auch nicht aufdringlich, aber trotzdem verabschieden wir uns, denn mein Zug fährt bald ab. Mein Portemonnaie ist noch da.

Jetzt ist was los an den Bahnsteigen! Am Gleis 1 wartet immer noch mein Zug von heute Morgen und ich erfahre, dass die treue Lokomotive eine Dame war und auf den Namen Daniela hört. Ihr gegenüber pausiert ein modernisierter, namenloser Kollege.

Weiter drüben hat ein Personenzug Ausfahrt. Drei in nicht allzu gutem Zustand befindliche und noch dazu mit Graffiti beschmierte Wagen lassen sich bereitwillig  in Richtung Zvolen ziehen.

Vašo, die Lok meines nächsten Zuges, hat sich mit seinen Anhängern ein wenig Zeit gelassen. Dafür präsentiert sich die Brille in einem ansprechenden, roten Kleid. Ich nehme Platz und die Fahrt nach Vrútky kann beginnen.

Der Schnellzug R 946 STREČNO ist unterwegs von Zvolen nach Žilina. Der von mir befahrene Abschnitt bis Vrútky ist teilweise spektakulär. Wir durchfahren  unter anderem den mit 4.700 m längsten Eisenbahntunnel der Slowakei - nur einer von insgesamt 22 Tunnels auf dieser ebenfalls in den 1930er Jahren gebauten Strecke. Und auch landschaftlich bieten sich einige tolle Ansichten. Viele Fotos sind bedauerlicherweise nicht möglich, denn die Fenster lassen sich nicht öffnen.

Nachdem wir die Tunnel und Kehren hinter uns gelassen haben, mündet die Strecke auf die schon seit dem 19. Jahrhundert bestehende, einst wichtige Bahnlinie Budapest - Žilina ein, welche in ihrem Gesamtverlauf heute keine Bedeutung mehr hat, auf slowakischem Gebiet aber in weiten Teilen noch genutzt wird. In der etwa 30 Kilometer weiter nördlich liegenden Stadt Martin muss ich an meinen Bruder denken und an das gleichnamige Bier. Es gilt als eines der besten slowakischen Biere, wird jedoch längst nicht mehr hier, sondern in Nitra, etwas 90 Kilometer östlich von Bratislava, gebraut.

Ein wenig mitgenommen: das Empfangsgebäude der Stadt Martin.
Ein wenig mitgenommen: das Empfangsgebäude der Stadt Martin.

Im unweit gelegenen Vrútky, das sich an der inzwischen bekannten Bahnstrecke Žilina - Košice befindet, steige ich aus. Mein Plan sieht eigentlich vor, nach Štrba Poprad-Tatry weiterzufahren, um dann einen kleinen Abstecher mit der Tatrabahn zu machen. Aber daraus wird wohl nichts, denn der Rýchlik (Schnellzug) 605 DARGOV wird mit 70 Minuten Verspätung angekündigt. Später werden es 135 sein. Das ist auch insofern ärgerlich, weil mein Magen langsam knurrt und ich mich auf den Speisewagen gefreut hatte. Den ersten Frust versuche ich durch Fotografieren des Betriebsgeschehens abzubauen. Da Freitag ist, sind die Züge und Bahnhöfe sehr gut besucht.

An Zugverkehr mangelt es in Vrútky nicht. Nur meiner fehlt.
An Zugverkehr mangelt es in Vrútky nicht. Nur meiner fehlt.
Auch die gelbe Konkurrenz lasse ich passieren. Sie führt keinen Speisewagen.
Auch die gelbe Konkurrenz lasse ich passieren. Sie führt keinen Speisewagen.

Als ich zweimal um den Bahnhof geschlichen bin, folge ich der Devise "Zwei Bier sind auch ein Schnitzel" und nehme in der Bahnhofskneipe Platz. Sie ist sehr zu empfehlen, weil sie liebevoll mit früher verwendeten Eisenbahn-Devotionalien eingerichtet wurde. Auch die anwesenden Gäste sind wieder wahre Typen. Ihre Geschichten zu erahnen bedarf es keiner Sprachkenntnisse. Nach einer guten Stunde beschließe ich, ein Stück mit dem Intercity in Richtung Hohe Tatra zu fahren. Leider ist der Speisewagen hoffnungslos überfüllt, was zu erneutem Frust führt. 

In Liptovský Mikuláš steige ich genervt aus und versuche, meinem emotionalen Tiefpunkt mit weiteren Bieren eine Trendwende zu geben. Die kleine Kneipe im Bahnhof ist dafür der richtige Ort.

Die angekündigten zwei Stunden sind um, aber es kommt der im Takt nächste Schnellzug zuerst, er hat meinen stark verspäteten Zug unterwegs überholt. Schlau wie ich sein will, nehme ich diesen, den alle nehmen, nicht.

Andrang wie in besten Eisenbahnzeiten, als nach zwei Stunden ein Schnellzug in  Richtung Košice kommt.
Andrang wie in besten Eisenbahnzeiten, als nach zwei Stunden ein Schnellzug in Richtung Košice kommt.

Ich mach es kurz: endlich kommt der gewünschte und lang ersehnte Zug. Er ist nicht besonders voll, aber im Speisewagen herrscht Endzeitsstimmung. Koch und Kellner sitzen desinteressiert und arbeitsscheu auf einem umgedrehten Bierkasten in der Küche, die Tische sind allesamt mit benutztem Geschirr zugestellt. Meine Frage, ob es noch etwas zu essen gäbe, wird als rhetorisch gemeint aufgefasst. Alles aufgegessen, alles ausgetrunken und nichts mehr für mich da. Also gut, dann eben nicht. Die Tatra zieht an mir teilnahmslos vorüber und irgendwann sind wir endlich in Košice. Ich beschließe, in der Stadt auf Nahrungssuche zu gehen.

Košice, Hoffnung meines Magens
Košice, Hoffnung meines Magens

Von der eigenen schlechten Laune ebenso enttäuscht, wie von der Unfähigkeit, sie wieder zu steigern, lande ich zu allem Überfluss auch noch in einer schlechten Pizzeria. Als sich dann am Nachbartisch auch noch eine laute Gruppe niederlässt, die mir mehrmals den Stuhl ins Kreuz rammt, lasse ich die halbe Pizza stehen, zahle und schimpfe über alle und hoffe, mein Handeln wird ganz Košice eine Lehre sein und merke auf dem Rückweg zum Bahnhof, dass ich der einzige Mensch auf dieser Welt bin, dem ich mit diesen Gedanken gerade schade. Diese (zum wievielten Mal erlebte?) Erkenntnis und zwei Bier in einer Kneipe im Bahnhof sorgen dann endlich für den erhofften Stimmungswandel. Der Blutdruck fährt langsam runter, die vernachlässigte Leber betätigt sich endlich wieder sinnvoll und die Wirtin an der Bar ist so einfühlsam und gleichzeitig zurückhaltend, dass sie wohl durchschaut hat, in welcher Gemütslage ihr Gast am Tresen sitzt. Ich zahle, gehe zum Bahnsteig und beziehe mein Nachtquartier im Langschläfer-Kurswagen nach Bratislava. Es ist wieder ein alter Görlitzer Schlafwagen. Der Zug fährt los, ich bin allein, keine Kinder, keine Störer, keine aufreibenden Nachdenklichkeiten. Nur das bequeme Bett, das Ruckeln der Weichen und die genussvolle Stille der Zugfahrt.

Lesen Sie weiter im 4. Teil.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0