Oktober 2017

Ein grenzenloses Eisenbahnvergnügen

Die große Südwesteuropa-Runde

2. Teil: Enroncamento, Madrid und Katalonien

Ein Ausflug nach Entroncamento, mit dem Nachtzug bis Madrid und weiter nach Katalonien
Ein Ausflug nach Entroncamento, mit dem Nachtzug bis Madrid und weiter nach Katalonien

Die kommende Woche bin ich auf mich allein gestellt. Weil mein Nachtzug in Richtung Madrid erst am späten Abend startet, habe ich beschlossen, einen Ausflug nach Entroncamento zu machen. Das etwa eine Stunde nördlich von Lissabon gelegene Städtchen ist nicht nur ein Bahnknotenpunkt, sondern auch Standort des portugiesischen Eisenbahnmuseums.  Gereist wird in der 1. Klasse eines Intercity-Zuges und selbstredend lasse ich mir auch einen Besuch im Bistro nicht entgehen.

Bei den Wagen handelt es sich um modernisierte Großraumwagen mit recht bequemen Sitzen, nur Steckdosen gibt es nicht. Das Bistro kommt pragmatisch-funktional daher und bietet neben Getränken die übliche kalte Küche in Form von so genannten Snacks und Sandwiches. Mein Kaffee ist gerade ausgetrunken, da bin ich auch schon am Ziel und muss aussteigen. Das man mir zum Abschied "winkt", habe ich erst zu Hause festgestellt:

Der Bahnhof von Entroncamento ist recht interessant aufgebaut. Das Empfangsgebäude mit Fahrkartenschalter befindet sich stadtseitig. Durch ein ausgeklügeltes System von Stegen, die mit Treppen und Aufzügen zu erreichen sind, gelangt der Reisende auf eine Art Inselbahnsteig, auf welchem sich der Warteraum, eine Bahnhofskneipe und das Büro des Stationsvorstehers sowie das Stellwerk befindet. Vom Steg aus habe ich einen guten Überblick. Auf der rechten Seite der Anlagen ist das Eisenbahnmuseum zu erkennen.

Im Eisenbahnmuseum bin ich der erste Gast, es hat nämlich gerade erst geöffnet. Zwei reizende Damen empfangen mich ausgesprochen freundlich und weisen mir den Weg in die Ausstellungsräume. Hier findet sich eine illustre Sammlung an portugiesischen Eisenbahn-Utensilien vergangener Zeiten, darunter verschiedene Fahrkarten-Zangen, alte Verkaufsgeräte und Fahrpläne.

Um das Außengelände zu erreichen, muss man sich wiederum beim Museumspersonal melden, welches den Besucher dann an eine eingewiesene Fachkraft übergibt, der einen wiederum über die Rangiergleise des Bahnhofs Entroncamento zum Lokschuppen und den anderen Ausstellungshallen geleitet. Gelassen wirke ich an der Prozedur mit, denn  mangels Sprachkenntnissen bin ich nicht in der Lage, ihnen deutlich zu machen, dass ich ein betrieblich eingewiesener Eisenbahner mit gültiger UVV-Unterweisung bin. Doch nun wieder ernsthaft! Im Depot kann ich ein knappes Dutzend Dampflokomotiven bestaunen, welche teilweise über 100 Jahre alt sind und nicht selten aus deutscher Produktion stammen.

In einer großen Halle sind verschiedene Reise- und auch einige Güterzugwagen sowie Elektro- und Diesellokomotiven und Triebwagen ausgestellt. Alle Beschriftungen an den Informationstafeln sind auch in englischer Sprache ausgeführt.

Besonderer Stolz der Sammlung ist der restaurierte Zug der portugiesischen Könige, deren letzter Vertreter 1910 abdankte und sich ins Exil verabschiedete.

Das Außengelände ist für mich von besonderem Interesse, denn hier können ehemalige Wagen des Sud-Express besichtigt werden, jener Nachtzug-Linie also, welche ich zur An- und Abreise von und nach Lissabon benutzte und die heute mit Talgo-Fahrzeugen betrieben wird. 

Das Eisenbahnmuseum in Entroncamento wurde erst 2008 eröffnet und begeistert mich wirklich in allen Belangen. Zum Abschluss erwerbe ich noch ein rotes T-Shirt, eine Anstecknadel und einen Aschenbecher der Portugiesischen Bahn. Mit letzten Blicken auf die weiteren Fahrzeuge und alte Plakate beschließe ich meinen Besuch und kehre zurück zum Bahnhof.

Die Hitze treibt mich nach dem Kauf meiner Rückfahrkarte direkt in die Bahnhofsgaststätte. Kurz überlege ich, den Aufzug zu nehmen, entscheide mich dann aber für die sportliche Variante in Form von Treppensteigen. Weshalb das an dieser Stelle betont wird, kläre ich gleich auf. Das Bahnhofs-Bistro entpuppt sich als ein Ort aus längst vergangen Zeiten, mir gelingt sogar ein Schnappschuss der sehenswerten Theke:

Für meinen Zug wird, leider nur in portugiesischer Sprache, eine Verspätung angekündigt. Eine der Wartenden übersetzt mir freundlicherweise die durchgesagte Information - 25 Minuten sind aber zu verschmerzen. Derweil fällt mein Blick auf den Fahrstuhl zum Steg, welchen ich in spontaner Eingebung vorhin nicht benutzt hatte. Die Feuerwehr ist da, unterstützt von Technikern und der Polizei versucht man, eingeschlossene Personen, die sich im stecken gebliebenen Lift befinden, zu befreien. Bis zur Abfahrt meines Zuges allerdings ohne wirklichen Erfolg. Da hatte ich ja mal richtig Glück!

oben rechts: die Feuerwehr versucht sich am steckengebliebenen Aufzug
oben rechts: die Feuerwehr versucht sich am steckengebliebenen Aufzug

Frohgemut fahre ich wieder zurück nach Lissabon, wo mein Rucksack im Schließfach noch ein wenig warten kann. In der Abendsonne nutze ich die Gelegenheit, auf dem ehemaligen Expo-Gelände unweit des Oriente-Bahnhofs für eine Fahrt mit der Seilbahn.

Das war ganz nach meinem Geschmack! Die Kabinen gondeln gediegen über das Gelände der früheren Weltausstellung, immer am Ufer des Tejo entlang. Da heute mein bierfreier Tag ist, bleibe ich bei Cola und Sandwich noch ein wenig in einem der zahlreichen Cafés sitzen und nehme langsam Abschied von der Schönen - von Lissabon. Die neuerliche Fahrt im Sitzwagen des Nachtzuges findet diesmal im Zugteil nach Madrid statt. Die spanische Hauptstadt ist mein nächster Umsteigepunkt. Erst kurz vor dem Erreichen des Bahnhofs Madrid-Chamartin wache ich auf - niemals hätte ich gedacht, dass man im Sitzen so gut schlafen kann.

Es ist Sonntag, am Morgen und Madrid scheint noch zu schlafen. Ich muss mal wieder den Bahnhof wechseln, denn mein Zug nach Barcelona fährt am frühen Nachmittag von der Station Atocha aus. Die kommende Etappe durch Spanien und Frankreich wird von einem etwas unguten Gefühl begleitet, denn irgendwie geht die ganze Terror-Diskussion doch nicht so spurlos an mir vorüber, wie ich es gern hätte. Auch wenn es alles wahrscheinlich Quatsch ist, habe ich einige Bedenken und freue mich schon jetzt auf das vermeintlich sichere Slowenien. Die erste Stunde in der spanischen Hauptstadt vergeht aber ereignislos. Mit einem fast leeren Stadtbus fahre ich vorbei am berühmten Bernabéu-Stadion und steige am Rathaus aus, in dessen Nähe schnell ein Frühstücks-Café gefunden wird. Zufrieden stelle ich fest, dass ich mitten in Madrid draußen, direkt an einer Straße sitze und immer noch lebe.

In der Stadt findet heute ein Herrchen/Frauchen-und-Hund-Rennen statt, viele Straßen sind deshalb abgesperrt und überall sind Hund und ihre Besitzer zu sehen - beide versehen mit gleichfarbigen Tüchern und Trikots. Da mich diese Veranstaltung aber nicht sonderlich reizt, verschwinde ich im herbstlichen El-Retiro-Park, wo es einiges zu entdecken gibt: eine Frau umarmt innig einen Baum, ein Mann spielt auf der Harfe Jingle Bells und zwei Senioren versuchen sich am Inline-Skating:

In dem riesigen Park fühle ich mich nicht nur sicher, sondern sogar wohl. Kleine Cafés laden zum Verweilen ein, man kann Ruderboot fahren oder, wie ich, sich schlicht auf einer Bank niederlassen und ein Buch lesen und die Zeit vergessen. Gutes Stichwort: ich muss leider schon weiter, in Nachbarschaft der Gärten befindet sich der Bahnhof Madrid-Atocha, welcher im März 2004 Schauplatz des grausigen Terroranschlages wurde. Entsprechend sind auch die Sicherheitsvorkehrungen: hat man die große, mit Palmen und allerlei Bäumen bestückte Halle betreten, finden zum Bahnsteig hin Durchleuchtungen des Gepäcks statt. Erst dann erreicht man die Fahrkartenkontrolle und darf schließlich den entsprechenden Bahnsteig betreten.

Hier wartet ein guter Bekannter auf mich: der ICE 3. Allerdings in einer komfortableren Ausführung als in Deutschland, dafür in meinem Fall mit nur einem Zugschluss-Signal. Sei's drum. 

Schnell sind alle Ledersitze der 2. Klasse belegt und die Fahrt kann beginnen. Fast ausschließlich auf der Schnellfahrstrecke geht es nun ohne Halt nach Barcelona: 630 Kilometer in guten zwei Stunden. Wenn der Zug mehr als sechs Minuten Verspätung hat, bekommt man angeblich den Fahrpreis erstattet. Um die Spannung gleich rauszunehmen: wir erreichen Barcelona deutlich zu früh. Unterwegs kann man spanisches Brachland bestaunen, die Großstadt Saragossa lassen wir links liegen. 

Ein Blick in das Bordbistro zeigt weitere kleine Unterschiede zum ICE 3 der Deutschen Bahn. Auch diesmal sind Speisen im Wortsinne Fehlanzeige. Aber es gibt immerhin warme Sandwiches, die gar nicht mal so übel schmecken. Außerdem beherbergt der Wagen noch die gute alte Telefonzelle - in Deutschland ist diese längst ausgebaut. Interessant: während der Fahrt treffe ich auf keinen Zugbegleiter, das Dienstabteil ist unbewohnt.

In Barcelona habe ich kurz Zeit für ein Zigarettchen. Außerdem erwerbe ich eine Fahrkarte nach Vic, meinem Übernachtungsdomizil für heute. Das kleine, knapp zwei Stunden von der Hauptstadt Kataloniens entfernte Städtchen liegt am Fuße der Pyrenäen. Zu erreichen ist es mit einem Regionalzug, welcher den Gebirgsbahnhof Latour-de-Carol zum Ziel hat, zu dem ich morgen weiterreisen werde.

Nach ungefähr der Hälfte der Strecke steigt plötzlich ein merkwürdiger Mann zu und setzt sich an den Vierer-Platz gegenüber zu einer älteren Frau, obwohl der Zug fast leer ist. Seinen Rucksack setzt er äußerst vorsichtig neben sich ab. Gespannt schauen die mitreisende Oma und ich dem wunderlichen Verhalten zu. Schließlich holt er verdächtig konzentriert eine Art Schatulle heraus und öffnet sie in unendlicher Verzögerung, während er ziemlich verwirrt um sich und zu uns blickt. Die Spannung ist nun kaum noch auszuhalten. Dann endlich die Erlösung: in der kleinen Dose sind penibel zusammengerollte Kopfhörer, welche er schließlich an sein Mobiltelefon anschließt. Als der Schaffner kommt, zeigt er seinen Schwerbehindertenausweis vor. Dann erreichen wir Vic und ich steige aus.

Zu Fuß gelange ich in etwa zehn Minuten an ein ehemaliges Kloster am Rande der Innenstadt. Der Parkplatz vor dem imposanten Gebäude ist vollkommen leer, Schilder oder Hinweise, dass sich hier ein Hotel befindet, suche ich vergebens. Trotzdem versuche ich mein Glück an der großen, schweren Eingangstür, welche sich problemlos öffnen lässt. Im großzügig angelegten Foyer sitzt eine junge Frau an einer Art Rezeption und sieh da: ich bin richtig. Nach Erledigung der Formalitäten schreite ich durch die langen, menschenleeren Gänge und finde nach einer Fahrt mit dem Aufzug im 3. Stock mein Zimmer. Fantastisch!

Vom Fenster des modern eingerichteten Raumes habe ich eine tolle Aussicht auf die Pyrenäen und den Sonnenuntergang. Auch endlich mal wieder duschen zu können, tut recht gut.

Das Kloster wird heute einerseits als Hotel, zum anderen aber auch für Seminare verschiedener Universitäten genutzt. Es gibt sogar eine Kantine, welche bis 23 Uhr abends geöffnet ist. Zunächst ziehe ich es jedoch vor, die Altstadt von Vic ein wenig zu erkunden. 

Es ist am Abend zwar kühler geworden, dennoch finde ich mich im Freisitz eines kleinen Burger-Ladens in einer niedlichen Gasse wieder. Während ich esse, nehmen zwei junge Männer am Nachbartisch Platz, die ich mental auf Grund ihrer fehlenden Haare mit der Skinhead-Szene in Verbindung bringe. In Erinnerung an das Missverständnis im Zug wenige Stunden zuvor - der vermeintliche Bombenzünder stellte sich ja als harmloser Junge mit geistiger Einschränkung heraus - zwinge ich mich diesmal jedoch unverzüglich, die Aufschriften der Skinhead-Shirts im Internet zu recherchieren. Wolfsbrigade stellt sich nämlich nach wenigen Sekunden als schwedische Hardcore-Punk-Band heraus. Beschämt lasse ich das Smartphone auf den Tisch gleiten und tadele mich still und in Demut für die neuerlichen selbstgemachten Ängste und Vorurteile. 

Zwei leckere Bier später stelle ich immerhin fest, dass meine Laune nicht nachhaltig getrübt und der Selbsthass längst verflogen ist. Ich mache mich auf den Heimweg in mein Kloster. Unterwegs entdecke ich in einer Seitengasse - quasi einfach mal so - einen gut erhaltenen römischen Tempel aus dem 2. Jahrhundert. 

Grillen und Zikaden zirpen in den Zypressen und Büschen, welche die flachen Treppen zum Kloster hin säumen. Ich bin zum ersten Mal hier und das erst gute vier Stunden, aber an diesem Abend fühlt es sich ein bisschen wie heimkommen an. 

Ein schnelles Bierchen an der Bar der Kantine ist noch drin, dann ziehe ich mich zum Schlafen zurück. Morgen früh geht die Reise schon weiter. Sind Sie dabei?

Lesen sie weiter im 3. Teil.

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