Oktober 2017

Ein grenzenloses Eisenbahnvergnügen

Die große Südwesteuropa-Runde

3. Teil: Von den Pyrenäen über Südfrankreich nach Italien

Von Vic über Latour-de-Carol nach Perpignan und weiter über Nizza nach Milano.
Von Vic über Latour-de-Carol nach Perpignan und weiter über Nizza nach Milano.

Es ist Montag und das Kloster in Vic hat sich mit Studenten und Dozenten gefüllt. Nach dem Frühstück in der Kantine begebe ich mich wieder zum Bahnhof. Wie ich einem Foto entnehmen kann, wurde dieser offenbar vor Jahrzehnten tiefer gelegt, das Empfangsgebäude steht heute noch, aber die Gleise verlaufen inzwischen deutlich weiter unten. 

Auf dem Weg durch die Stadt können außerdem noch die aktuelle Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens in Form einschlägiger Fahnen und Plakate an zahlreichen Fenstern dokumentiert werden.

Mein nächstes Ziel mit dem Zug ist Latour-de-Carol. Dieser besondere Gebirgsbahnhof ist Endpunkt der Strecke aus Barcelona und wird nur von wenigen Regionalzügen angefahren, die meisten enden bereits an davor liegenden Stationen. In der Ski-Saison verkehrt zudem ein beschleunigter Wintersportzug am Morgen. Die Fahrkarte muss ich am Automaten erwerben, da der Schalter in Vic nicht mehr besetzt ist.

Der Zug ist fast leer und so kann ich die Fahrt durch die immer schöner werdende Landschaft in Ruhe genießen. Nach und nach gewinnen wir an Höhe und die Pyrenäen rücken näher. Von knapp 500 geht es nun auf beinahe 1.300 Meter hinauf, entsprechend sehenswert ist die mit Tunneln und Brücken geschmückte Strecke.

Auf einigen Stationen sind Relikte aus vergangenen Zeiten abgestellt, allerdings in mehr oder weniger schlechtem Zustand:

Die knapp zweistündige Fahrt wird immer langsamer, teilweise ist nur noch Schrittgeschwindigkeit möglich. Eine ältere Frau hört sich WhatsApp-Audio-Nachrichten an und liest in den Pausen Nietzsche. Ich bin nicht wirklich böse, als sie endlich aussteigt. Nun bin ich fast allein im Zug.

Schließlich passieren wir den letzten spanischen (oder katalonischen?) Bahnhof und überqueren unbemerkt die Grenze zu Frankreich. In Latour-de-Carol auf 1.283 Höhenmetern ist Schluss. Sofort nehme ich die Anlage unter die Lupe. Es handelt sich um den einzigen Bahnhof der Welt, auf dem drei verschiedene Spurweiten aufeinandertreffen. Die von mir genutzte spanische Breitspur aus Barcelona, eine normalspurige Strecke hinunter nach Toulouse und die schmalspurigen Gleise des Train Jaune aus Richtung Perpignan. Ein Aushang vor Ort gibt einen Überblick:

Die beiden französischen Strecken sind zum Zeitpunkt meiner Reise leider auf Grund von Bauarbeiten ohne Zugverkehr, so dass die Regionalbahn zurück nach Barcelona heute einsam und allein die Ehre der Eisenbahn oben halten muss.

Links die Normalspur, rechts die spanische Breitspur...
Links die Normalspur, rechts die spanische Breitspur...
...und die schmale Spur des Train Jaune mit Stromschienen.
...und die schmale Spur des Train Jaune mit Stromschienen.

Der kleine gelbe Zug (Petit train jaune) ist im Gegensatz zu den anderen beiden Strecken nicht mit einer Oberleitung ausgestattet, sondern nutzt Stromschienen am Rand der Gleise, ähnlich wie die S-Bahn in Berlin. Auf diese nicht ungefährliche Tatsache weisen zahlreiche Warnschilder hin.

Die Bauarbeiten waren mir vorab bekannt, dennoch habe ich mich bewusst für die Reise hier entlang entschieden, denn um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, ist es allemal dienlich. Auf jeden Fall werde ich irgendwann noch mal hierher zurück kommen und den kleinen gelben Zug benutzen, welcher in dieser wunderschönen Landschaft seinen Zielbahnhof findet.

Bis zur Abfahrt meines Busses in Richtung Tal sind noch zwei Stündchen Zeit. Zum Glück gibt es eine Bahnhofsgaststätte mit Freisitz, welche Bier und Pizza für mich bereithält.

Die Wirtin ist sehr freundlich und neben Speisen und Getränken sind auch Postkarten erhältlich. Einige Einheimische nutzen in der warmen Mittagssonne die Gelegenheit für eine Erfrischung. Vor dem Empfangsgebäude haben derweil schon mal die Busse des Schienenersatzverkehrs Stellung bezogen. Es folgt, ähnlich wie seinerzeit auf dem Balkan, eine der grauenvollsten und spektakulärsten Busfahrten meines Lebens.

Mein persönlicher Fahrer heißt klischeegerecht Jean. Schnell ist klar, dass ich sein einziger Fahrgast bin. Da gute zwei Stunden Fahrt vor uns liegen, machen wir uns schnell miteinander bekannt und versuchen, so gut es geht, zu kommunizieren. Jean ist ein alter, hagerer Mann mit großem Herz und ausgeprägtem Willen zur Pünktlichkeit. Deren Statistik wird gleich am ersten Halt ruiniert, denn die Autos vor dem kleinen Bahnhofsgebäude von Bourg Madame haben so geparkt, dass wir zwar irgendwie rein-, jedoch nicht mehr rauskommen.

Schnell findet Jean die Bauarbeiter, deren Fahrzeuge im Weg sind und wir können unsere Fahrt fortsetzen. Eine Weile lang fahren wir noch auf dem Plateau, dann aber wird klar, dass es bis zum Ziel Villefranche noch ordentlich bergab gehen wird.

Da unterwegs niemand ein- und aussteigt und es auch sonst keine Verkehrsbehinderungen mehr gibt, stellen wir auf der Hälfte der Strecke zufrieden und übereinstimmend fest, dass wir längst wieder à l'heure sind. Sogar vor Plan. Also ist Gelegenheit für ein kleines Päuschen.

Dann geht es auf ziemlich abenteuerliche Weise hinunter ins Tal. Zwar hat Jean seinen Bus unter Kontrolle, mir reichen die vielen Kurven und steilen Abhänge jedoch längst. In einer Mischung aus Angst, Respekt und Begeisterung kralle ich mich an den Haltegriffen fest, währendes rechts ziemlich tief nach unten geht. Entschädigt werden wir von einer grandiosen Aussicht, vor allem auch auf die baulichen Meisterwerke der Eisenbahnstrecke.

Endlich sind wir unten und erreichen den Endpunkt der Fahrt, den Bahnhof Villefranche – Vernet-les-Bains. Jean eilt nach Ankunft ins Bahnhofs-gebäude und kommt mit einer schlechten Nachricht zurück. Wegen eines dreitägigen Streiks der Regio-Lokführer findet kein Zugverkehr statt. Zwar würde in etwa einer Stunde noch ein Bus nach Perpignan angeboten, mein Tagesziel Collioure und damit auch meine gebuchte Unterkunft würde ich aber nicht mehr erreichen. Ich bedanke mich für seinen Einsatz und die schöne Fahrt und verabschiede mich von ihm. 

Nun ist Zeit für einen kleinen Plausch mit dem Schalterbeamten über den Sinn und Unsinn von Streiks und die Interpretation von Fahrgastrechten. Ihm ist es sichtlich unangenehm, dass ich heute nicht mehr an mein Ziel komme, kann mir aber auf Grund der Umstände ("höhere Gewalt") auch nicht weiterhelfen. Kurzerhand buche ich mir ein Zimmer in Perpignan. Wenn jemand Verständis für derartige Situationen hat, dann ja wohl ich! Bis der nächste Bus kommt, ist  noch Zeit, um wenigstens auf den abgestellten Train Jaune von weitem einen Blick zu werfen.

Immerhin erfahre ich noch, dass trotz der auch morgen noch andauernden Arbeitsniederlegungen der Mittagszug nach Avignon verkehren soll. Mit dieser guten Nachricht lasse ich mich dann per Bus nach Perpignan bringen und beziehe mein Quartier, welches sich direkt gegenüber vom Bahnhof befindet. Am nächsten Morgen geht es weiter in Richtung Provence. 

Mit einem Croissant und einem Café au lait im Bahnhof von Perpignan beginnt der neue Tag. Einer der wenigen Regionalzügen, die heute trotz des Streiks verkehren, steht in Form von drei aneinander gekuppelter Triebwagen bereit und wird mich bis nach Avignon bringen. Die Fahrt dauert über zwei Stunden und zunächst bin ich fast allein im Zug, später ist er dann bis auf den letzten Platz besetzt.

Anfangs führt die Strecke entlang mehrerer so genannter Étangs, Binnengewässer, die häufig mit dem Meer verbunden sind und die vor allem in früheren Zeiten für die Salzgewinnung genutzt wurden. Heute sind sie vor allem Lebensraum unzähliger Tierarten. Links und rechts der Gleise sind unter anderem Flamingos, Schafe und Pferde zu sehen, am Rand der Gewässer ist das abgelagerte Salz sichtbar.

Die Fahrt zieht sich dann ziemlich und ich bin froh, als wir endlich in Avignon ankommen. Mit dieser Stadt bin ich schon vertraut, denn einige Urlaube führten mich bereits hierhin. Zu Fuß erreiche ich nach einer knappen halben Stunde die berühmte Pont d'Avignon, deren Reste heute mitten im Ostarm des Flusses Rhône enden. Ihr hölzerner Vorgänger aus dem 12. Jahrhundert war seinerzeit die längste Brücke Europas. Durch Kriege und Hochwasser wurde auch der steinerne Nachfolger aus dem 14. Jh. in Teilen immer wieder zerstört bis man im 17. Jh. von weiteren Sanierungen absah und die Brücke schließlich stehen ließ, wie sie sich noch heute den Besuchern von Avignon zeigt.

Von 1309 bis 1377 hatten insgesamt sieben Päpste ihren Sitz in Avignon, statt in Rom. Aus dieser Zeit stammt der Papst-Palast, welcher heute eine weitere Sehenswürdigkeit der Stadt ist, die auch sonst durch liebliche Architektur sowie kleine Gassen mit Geschäften und schattige Plätze begeistert.

Es ist Zeit für eine Stärkung. In einem kleinen griechischen Restaurant serviert man mir eine leckere Grillplatte und für den Durst ein kühles Mythos-Bier. "Was für eine friedliche Welt" notiere ich in meinem Reisetagebuch.

Zurück am städtischen Bahnhof ist es mit Frieden und Romantik abrupt vorbei. Neben mir an der Ampel steht ein im Gesicht blutverschmierter Mann, in der Hand hält er ein längeres Messer und blickt einigermaßen verwirrt um sich. Unter Schock gelingt es mir nicht einmal, auf Abstand zu gehen. Schnell klärt sich aber, dass die Aggression nicht mir gilt. Offenbar war er in einen Streit verwickelt und ist nun selbst nicht mehr Herr seiner Sinne. Sein Kumpel brüllt ihn an, das Messer wegzustecken, da er sonst möglicherweise erschossen werden würde. Das tut er dann auch endlich und beide begeben sich, von mir in gebührendem Abstand gefolgt, in Richtung des Empfangsgebäudes, vor welchem Einlasskontrollen stattfinden. Der blutende Mann wird kurz abgetastet und dann mit seinem Begleiter in den Bahnhof gelassen. Das Messer in seiner Hosentasche bleibt unbemerkt und ich stelle mir daraufhin gleich mehrere Sinnfragen zum Thema Sicherheit an Bahnhöfen. Nichts wie weg hier!

Im Pendelverkehr gelangt man binnen weniger Minuten zum Fernbahnhof Avignon TGV. Dieser befindet sich außerhalb der Stadt und wurde eigens dafür gebaut, die Stadt an die Schnellfahrstrecke anzuschließen. Der Blutdruck sinkt langsam wieder.

Mein TGV kommt aus Brüssel und fährt weiter über Marseille nach Nizza, wo ich als nächstes übernachten werde. Auf einem bequemen Einzelsitz in der 1. Klasse komme ich zur Ruhe und kann sogar einen Blick auf den 1.912 Meter hohen Mont Ventoux erhaschen, jenen charakteristischen Berg der Provence, auf dem ich auch schon selbst zweimal war.

Im Bahnhof von Marseille findet ein Fahrtrichtungswechsel statt, außerdem wird einer der beiden Zugteile abgekuppelt. Eine gute Gelegenheit für eine Zigarette und zum kritischen Beobachten der Mitreisenden. Im Fokus ist diesmal ein wunderlicher junger Mann ohne Gepäck, welcher zu häufig den Sitzplatz wechselte, unruhig wirkt und mich mehr als mir lieb ist beäugt. 

Nach Abfahrt in Marseille beschließe ich, den Barwagen aufzusuchen. Zu Testzwecken lasse ich mein Ladekabel am Sitz zurück und bestelle mir ein Baguette mir légumes du soleil und Rotwein. Als ich nach einer knappen Stunde an meinen Platz zurückkehre, sitzt der Verdächtige schon wieder woanders und mein Ladekabel ist auch weg. Menschenkenntnis oder Vorverurteilung? Die Tat bleibt unaufgeklärt, auch weil ich nicht an weiteren Ermittlungen interessiert bin. 

Es geht zurück in den Speisewagen, wo ich einen verrückten Kanadier kennen lerne. Bei Bier (für ihn) und Rotwein (für mich) bekomme ich ungefragt zahlreiche Einblicke in sein Leben. Die aktuelle Reise gerade hat er zum Beispiel an seinem Geburtstag vor einem Jahr unter starkem Alkoholeinfluss gebucht. Daran erinnern konnte er sich am nächsten Tag schon nicht mehr, so handhabe er das Jahr für Jahr und so hätte er schon viele interessante Überraschungen gebucht oder erworben. In Cannes steigt er aus, in Nizza tue ich es ihm nach und schlafe nach einem hervorragendem Menü in einem Bahnhofs- und Hotelnahen Restaurant sehr gut angetrunken ein.

Da ich Nizza bereits kenne und der Reiseplan zudem kein weiteres Verweilen zulässt, verlasse ich die Stadt am Morgen in Richtung Italien. Der THELLO-Zug nach Milano wird bereitgestellt, die Großraumwagen erinnern mich stark an jene des portugiesischen Intercity. 

Vor der Abfahrt erfolgt noch die Ansage, dass Interrail- und Eurail-Fahrkarten keine Gültigkeit haben. Zusammen mit meinem Affen sitze ich in der 1. Klasse und bestaune gemeinsam mit einer älteren Dame, welche auf dem Weg zur Arbeit nach Monaco ist, den Sonnenaufgang über dem Mittelmeer.

Die Kontrolle der Fahrkarten erfolgt durch Zugbegleiter mittels Tablet und Gästeliste. Das "Thank you, Tom" hinterlässt dabei einen guten Eindruck. In Ventimiglia ist Lokwechsel und schon gehts weiter durch Italien bis Genua - immer entlang der sehenswerten Küste. Da es auch in diesem Zug ein Bistro gibt, steht dem Genuss von Kaffee und belegtem Baguette nichts im Wege.

In Genua kann dann die Invasion der Kreuzfahrer erlebt werden. Bis auf den letzten Platz ist der Zug nun gefüllt, darunter auch zahlreiche deutsche Pauschaltouristen, die offenbar am Morgen über Bord ihres Clubschiffes gegangen waren und sich nun auf der vom Anbieter subventionierten Heimreise nach Süddeutschland befinden. Endlich sind auch wieder dir bekannten Anschluss-Angst-Diskussionen zu hören, obwohl wir mit 10 Minuten Verspätung sehr gut unterwegs sind. Seinerzeit, 1998, waren es auf dieser Strecke in meinem Falle mal drei lange Stunden gewesen, weil die Lokomotive den Geist aufgab. Heute aber klappt alles und wir erreichen fast pünktlich den imposanten Mailänder Hauptbahnhof, auf dem es sehr viele verschiedene Züge zu bestaunen gibt. Seien Sie also gespannt, wie es weitergeht!

Lesen Sie weiter im 4. Teil.

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