Oktober 2017

Ein grenzenloses Eisenbahnvergnügen

Die große Südwesteuropa-Runde

4. Teil: Von Italien nach Slowenien

Von Mailand über Venedig und Triest weiter bis nach Laško
Von Mailand über Venedig und Triest weiter bis nach Laško

In Milano Centrale gibt es, wie im letzten Teil des Berichtes angekündigt, zahlreiche verschiedene Züge mit teilweise spektakulärem Design zu besichtigen. Neben den Hochgeschwindigkeitszügen der Trenitalia sind darunter auch Konkurrenzprodukte von Nuovo Trasporto Viaggiatori und von Partnerbahnen, wie der SBB zu finden.

Auffällig ist, dass der Bahnsteigbereich nur nach Durchlaufen einer Fahrkartenkontrolle betreten werden darf, außer man befindet sich, wie ich, quasi im Transit. Autorisierte Gepäckträger stehen hilfsbedürftigen Reisenden für die Hilfe beim Umsteigen zur Verfügung. Besonders beeindruckend ist freilich die Architektur des Empfangsgebäudes, welches ich auf der Suche nach einem Geldautomaten kurz durchwandeln kann.

Da ich Mailand bereits kenne, sieht meine Planung die sofortige Weiterreise vor. Ein  Frecciarossa (roter Pfeil) soll mich nach Venedig bringen. Er kommt ziemlich knapp vor der Abfahrtszeit als 50 Minuten verspätete Vorleistung aus Napoli und ist entsprechend vermüllt -  wir Eisenbahner nennen das Bahnsteigwende. Ich nehme in der gebuchten Business-Klasse Platz und erfreue mich an elektrisch verstellbaren Sitzen und Rollos. Selbstverständlich wird auch hier in der ausgewiesenen area del silenzio ausgiebig telefoniert. Mit nur 5 Minuten Verzögerung geht die Fahrt los.

Auffällig ist, dass der Zug nicht besonders laufruhig ist, dafür bekommt jeder von uns nach der Abfahrt eine kleine Willkommenstüte überreicht, welche ein Erfrischungstuch, einen Bio-Riegel und eine Süßigkeit enthält. Der äußerst freundliche Servicemitarbeiter scheint direkt der Puder Rosa Ranch entlaufen zu sein und serviert mir folgerichtig obendrein noch ein Gläschen Prosecco. Die Fahrkartenkontrolle erfolgt wieder mittels Tablet. Im Barwagen bestelle ich mal wieder ein Baguette, dazu gibts ein ziemlich teures Bier.

Nach knapp zwei Stunden Fahrt sind wir schon auf der berühmten Brücke von Mestre nach Venezia Santa Lucia. Die Stadt der Gondeln ist wie so oft in Nebel und interessantes Licht getaucht, was ihr die gebührende, besondere Stimmung verleiht.

Nach der Ankunft in Venedig setze ich noch einmal die eben genutzte Eisenbahn in Szene. Außerdem weckt ein gegenüber stehender Messzug mein Interesse.

Dann kommt auch für mich der eindrucksvolle Moment, den jeder Venedig-Reisende kennt: das Verlassen des Bahnhofsgebäudes und der damit einhergehende spektakuläre Blick auf den Canal Grande. 

Ehrlicherweise muss ich anmerken, dass ich nur für dieses Erlebnis hierher gekommen bin. Denn Venedig selbst habe ich schon ein paar Mal besucht, heute bleibt es also nur ein kurzer Zwischenstopp zum Umsteigen. Die Entscheidung erweist sich als richtig, denn gleich zwei von mir stets kritisch beäugte Populationen geben sich in der Lagunenstadt ein Stelldichein: Touristen und Tauben.

Vor dem Bahnhof schlendern zwei Carabinieri in den bekannten historischen Uniformen und vermitteln einen sehr gelassenen Eindruck. Am unter anderem auch Deutsch sprechenden Fahrkartenautomaten erwerbe ich ein 1. Klasse-Ticket nach Triest, wo ich übernachten werde. Der lokbespannte Regionalexpress besteht aus acht Wagen und wirkt gleichzeitig modern, wie auch gemütlich.

Weite Teile der Fahrt ist der Zugbegleiter damit beschäftigt, die 1. Klasse von zweitklassig reisenden Pendlern frei zu halten, was ihm mal besser, mal schlechter gelingt. Zum Abfahrauftrag an den Unterwegshalten schwingt er interessanterweise ein grünes Tuch in Richtung des Lokführers. Triest erreichen wir im Dunkeln. Passend dazu steht der Nachtzug nach Rom am Gleis gegenüber bereit. Ich aber verziehe mich in mein liebevoll verunstaltetes Hostel, unweit des Bahnhofs.

Es ist müßig, länger als nötig über Farbgestaltung und Preis-/Leistungsverhältnis zu sinnieren. Daher besorge ich mir in einer Pizzeria um die Ecke eine Diavolo und im nahe gelegenen Lebensmittelladen italienisches Starkbier. Geraucht wird heimlich am Fenster,die lichtdurchlässige Zimmertür dichte ich mit letzten Kräften ab, indem ich den Kleiderschrank davor schiebe.

Der Morgen danach. Eigentlich wollte ich heute mit dem Bus rüber nach Koper (Slowenien) und von dort per Mittags-Schnellzug weiter Richtung Ljubljana. Bei Überprüfen der Verbindung am Vorabend stellte ich allerdings Bauarbeiten und Schienenersatzverkehr fest, weshalb ich kurzerhand eine alternative Route entwickelte, die sogar vom DB-Navigator angeboten wird: Mit dem Zug binnen einer guten halben Stunde von Triest nach Gorizia, dort auf die slowenische Seite wechseln und weiter per slowenischer Eisenbahn ins Landesinnere. Zuvor gibt es aber noch "Frühstück", ein Traum aus trockenen Backwaren und mit ohne Teller:

Zurück am Bahnhof Triest Centrale statte ich wieder meinem Freund, dem sprechenden Fahrkartenautomaten, einen Besuch ab. Außerdem ist noch Zeit, das  Gebäude von innen und außen im Bild festzuhalten.

Während der Lokführer zu seinem Arbeitsgerät schlappt, suche ich mir im leeren Regionalzug einen schönen Sitzplatz aus.

Ein bisschen morgendliche Adria im Nebel bekomme ich sogar noch zu sehen, dann biegt die Strecke nach Norden ab und wir erreichen schließlich Gorizia, dessen slowenisches Pendant als Gorica bezeichnet wird.

Von hier aus kann man nun knapp drei Kilometer zum slowenischen Bahnhof laufen oder aber täglich außer Sonntags eine EU-finanzierte Buslinie nutzen, die beide Bahnhöfe zum fairen Preis von 1,30 € pro Person miteinander verbindet. Ich habe mich für letztere Variante entschieden und kann somit die Wartezeit mit dem Besuch der Bahnhofskneipe überbrücken. 

Draußen vor dem Bahnhof herrscht eine wunderlich provinzielle Stimmung, in die sich etwas Balkan-Gefühl mischt. Zur veröffentlichten Zeit kommt tatsächlich ein Kleinbus angefahren, der mich zu den genannten Konditionen hinüber nach Slowenien bringt. Selbstredend bin ich der einzige Fahrgast.

Eine Viertelstunde später stehe ich vor dem Empfangsgebäude des slowenischen Bahnhofs Nova Gorica. Die Fahrkartenschalter sind zwar nicht geöffnet, aber es gibt - selbstverständlich - ein kleines Café auf dem Bahnsteig. Wunderbar! Zudem sind öffentliche Toiletten, ein kleiner Souvenirladen, ein Tabakgeschäft und unzählige Eisenbahnbedienstete vor Ort. Und das bei sechs Zügen pro Tag und Richtung...

Wegen der kurzfristigen Routenänderung ist mir nicht bewusst, welche Fahrt mich nun erwartet. Fehlende Oberleitungen sind aber für jeden Eisenbahnfreund ein interessantes Indiz für besondere Fahrzeug- und Streckenerlebnisse. Und siehe da: es fährt ein sehr gemütlicher, vollkommen überhitzter Dieseltriebwagen ein. Fahrkarten gibt es im Zug vom freundlichen, ganz in türkis eingekleideten Zugbegleiter.

Wir befahren die so genannte Wocheiner Bahn, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde und einst eine wichtige Verbindung von Villach nach Triest darstellte. Grenzüberschreitenden Verkehr gibt es heute nur noch selten für Güterzüge, im Reisezugverkehr auf slowenischer Seite hat die Strecke keine größere Bedeutung mehr. Gleich am ersten Halt Solkan sind am Bahnsteig österreichisch-kaiserliche Spuren zu finden - ein kleiner Friedhof mit Mahnmal und Inschrift: "Ich hatte einen Kameraden". Unmittelbar nach Solkan befahren wir die Salcanobrücke, welche als größte gemauerte Steinbogenbrücke der Welt gilt. Durch das liebliche Tal des Isonzo geht es nun weiter flussaufwärts.

Die eingleisige Strecke bietet spektakuläre Aussichten, führt durch über 40 Tunnel und die meisten Stationen unterwegs sind schön hergerichtet und mit Bahnhofsvorstehern besetzt. Begeistert hänge ich am zu öffnenden Fenster.

In Grahovo ist Kreuzung, ziemlich genau auf der Hälfte der Strecke. Gute Gelegenheit, dem Schaffner bei einer Zigarette mitzuteilen, wie positiv überrascht ich von dieser Landschaft bin - "Come again!" ist seine Antwort. Ich nicke eifrig.

Aus dem Gegenzug ist ein Revisor zugestiegen. Alle Fahrkarten werden durch ihn noch einmal kontrolliert, unser Schaffner schleicht triumphierend hinter dem Mann im Anzug her, denn er weiß: er hat jedem einen Beleg gegeben und alles richtig gemacht. Am Fenster überbieten sich weiter hohe Berge und herbstlich gefärbte Wälder.

Der über sechs Kilometer lange Wocheiner Tunnel durchquert die Wasserscheide von Isonzo und Save. Die Julischen Alpen als südlicher Teil der Karawanken bilden eine hervorragende Kulisse für die letzten Minuten dieser tollen Reise, bevor wir den Bahnhof Jesenice erreichen, wo die Hauptstrecke Villach - Ljubljana den Endpunkt dieser Fahrt bildet.

Der EuroCity SAVA aus Villach zur Weiterfahrt ins kroatische Vinkovci fährt pünktlich ein und bringt mich bis in die slowenische Hauptstadt Ljubljana. In einem der herrlichen Abteilwagen finde ich einen Platz und bezahle beim Schaffner anstandslos die 1,90 € Aufpreise "for international train". 

In Ljubljana kann ich mir noch einen Überblick über die Zugbildung verschaffen. Neben slowenischen sind auch kroatische Wagen dabei, ein frisch lackierter und noch nicht besprühter Waggon der Slowenischen Bahn wird am Zugschluss noch beigestellt.

Überraschenderweise kann ich sogar einen polnischen Kibel ablichten. Die markanten Triebwagen kommen in Slowenien nur noch selten zum Einsatz.

Von der Terrasse eines Bahnhofs-Cafés habe ich anschließend einen sehr guten und aber auch vollkommen überfordernden Aus- und Einblick auf die weibliche slowenische Jugend und natürlich auf das Geschehen am Gleis. Ein Union-Bier sorgt für die dringend notwendige Abkühlung.

Nur noch anderthalb Stunden trennen mich von meinem Tagesziel. Das kleine Städtchen Laško hatte ich eher durch Zufall bei der Reisevorbereitung entdeckt. Zur Fahrt dorthin nutze ich den EuroCity EMONA in Richtung Wien. Nur in diesem Zug befindet sich noch planmäßig und zuverlässig ein slowenischer Speisewagen. Am Schalter kaufe ich mir die Fahrkarte und am Bahnsteig ist die Freude groß, dass der Zug wie erwartet und erhofft gebildet ist.

Der höfliche, deutsch sprechender Koch und Kellner in Personalunion bedient mich sogleich standesgemäß mit einem Laško und offeriert mir Wiener Schnitzel mit Pommes. Einige Sekunden später brutzelt in der Küche bereits die Pfanne. Weitere Gäste stellen sich allesamt als heimfahrende Eisenbahner heraus und belassen es bei Bier. Das Essen schmeckt ausgezeichnet.

In meiner Begeisterung verabschiede ich mich mit einem etwas zu guten Trinkgeld, denn leider sind wir gleich an meinem Zielbahnhof. Wehmütig steige ich in Laško aus und blicke dem slowenischen Speisewagen sehnsüchtig nach. Wie schön ist doch eine Reise mit der Eisenbahn!

Lesen Sie weiter im 5. Teil.

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