Oktober 2017

Ein grenzenloses Eisenbahnvergnügen

Die große Südwesteuropa-Runde

5. Teil: Laško, Graz und Zagreb

Von Laško nach Graz und Zagreb, dann Heimreise über Zürich nach Karlsruhe
Von Laško nach Graz und Zagreb, dann Heimreise über Zürich nach Karlsruhe

Unter dem Eindruck des slowenischen Speisewagens wende ich mich Laško zu. Hier werde ich zwei Nächte bleiben und der Zufallsfund entpuppt sich als ansehnlicher Volltreffer: der erste Eindruck ist sehr gefällig.

Die 13.000 Einwohner zählende Gemeinde liegt recht romantisch im Tal der Savinja und beherbergt neben der in ganz Slowenien bekannten Brauerei auch ein Thermalbad. Zudem verfügt der Ort über eine ausgezeichnete Eisenbahnanbindung. Ich bin überrascht wie lebendig der Ort ist: es gibt einige Gaststätten und Geschäfte, Menschen spazieren in der Nachmittagssonne. Ich hatte mir das wesentlich verschlafener vorgestellt. Über eine Brücke gelange ich binnen fünf Minuten zu meiner Unterkunft.

Es liegt mit fern, in meinen Reiseberichten für Hotels oder Pensionen zu werben, doch diese hier ist wahrlich empfehlenswert. Die Übernachtung mit ausgezeichnetem Frühstück gibt es für 36 Euro, die Zimmer sind geräumig, modern und äußerst komfortabel und die dazugehörige Kneipe mit Biergarten ist bis abends um elf geöffnet. Direkt am Ufer des Flusses sitzend hat der Gast die Eisenbahnstrecke auf der anderen Seite stets fest im Blick. Wie ich bei einer Zigarette am späten Abend feststelle, bin ich in dieser Nacht ganz allein im Haus. Nur für mich wird dennoch am folgenden Morgen das ganze Repertoire des Frühstück-Angebots aufgefahren. Und auch Laško präsentiert sich von seiner besten Seite.

Ursprünglich war für heute ein Ausflug in die Hauptstadt Ljubljana vorgesehen. Da ich aber festgestellt hatte, dass es bis ins österreichische Graz gar nicht weit ist und dort derzeit eine sehr gute Freundin aus der Ukraine weilt, beschloss ich, dahin zu fahren und sie zu besuchen. Bevor ich am Fahrkartenschalter eine Hin- und Rückfahrkarte nach Graz erwerbe, schaue ich mich aber noch ein wenig im Ort um.

Der Bahnhof von Laško ist mit Fahrkartenschalter, Imbiss, Friseursalon und Blumenladen ausgestattet und wird gerade umfänglich saniert. Immer wieder müssen die emsigen Bauarbeiter das Gleis verlassen, um dem Zugverkehr die Durchfahrt zu ermöglichen. Unter den von mir abgelichteten Eisenbahnen sind Der grüne Zug (Baureihe 711), ein Güterzug und ein Pendolino der Baureihe 310. Dann endlich fährt mein EuroCity CROATIA ein. 

Mein Zug kommt aus Zagreb und ist auf dem Weg nach Wien. Er führt einen österreichischen Speisewagen mit, den ich sogleich aufsuche. Zusammen mit einer Amerikanerin suchen wir den Restaurant-Mitarbeiter und finden ihn schließlich tief und fest schlafend auf einem Stuhl hinter dem Tresen. Nachdem sie ihn geweckt hat, kann auch ich meine Bestellung aufgeben. Ich wähle einen Verlängerten und Orangensaft. Der eben noch schlummernde Henry am Zug äußert dann mit Nachdruck, wie wenig auf dieser Strecke los sei. Und in der Tat: der Zug ist sehr schwach besetzt.

Bei bestem Ausflugswetter durchfahren wir Maribor. Den Besuch dieser Stadt werde ich auf meine nächste Slowenien-Reise vertagen. Dennoch gelingen auch hier ein paar nette Motive aus dem Zug heraus:

Nach anderthalb Stunden Fahrt im gemütlichen Abteilwagen erreichen wir die slowenisch-österreichische Grenze. Im beschaulichen Bahnhof von Spielfeld wird die Lokomotive gewechselt und in meinem Abteil nehmen zwei charakteristische Seniorinnen Platz. Die Mutter (sehr alt) fragt die Tochter (alt) in feinster österreichischer Mundart: "Hoast jetzt die goanzen Wuarschtsemmeln schon weggessen?" 

Und schon kommen wir in Graz an. Am Gleis gegenüber wartet in der Sonne ein guter, alter Bekannter: der EuroCity nach Saarbrücken mit seinem in die Jahre gekommenen InterRegio-Halbspeisewagen.

Ich trenne mich von den Zügen und begebe mich auf den Platz vor dem Bahnhof, wo ich meine Freundin aus Lemberg treffe. Zusammen erkunden wir die Stadt und den besten Überblick hat man natürlich von ganz oben. Also gilt es, die Höhenangst einmal mehr zu bezwingen und mit der Standseilbahn ziemlich steil hinauf zum Schlossberg zu fahren. Der Mut wird mit einer sehr schönen Aussicht und leckerem Gebäck und Kaffee belohnt.

Graz wirkt auf mich im guten Sinne provinziell und idyllisch. Der sonnige Herbsttag bietet zudem den passenden Rahmen für kleine Spaziergänge, den Besuch einiger Biergärtchen und für gute Gespräche. A propos Völkerverständigung:

In der Nachmittagssonne brechen wir langsam wieder in Richtung Hauptbahnhof auf, schließlich möchte ich ja noch heute wieder nach Slowenien zurückkehren.

Mit dem Gegenzug von heute Morgen fahre ich wieder in Richtung Laško. Dieser ist wegen eines Lokschadens zwischen Wien und Graz etwa 30 Minuten verspätet. Der österreichische Speisewagen erhält selbstredend eine zweite Chance. Es wird ein Kalbsbutterschnitzel mit faschierten Laibchen serviert, das ausgezeichnet schmeckt. Dazu gibt es ein deutsches Weißbier.

An der Grenze werde die beiden österreichischen Loks gegen eine Slowenische getauscht und auch das Zugbegleitpersonal wechselt. Interessant ist das Abfertigungsverfahren in Slowenien. Erst der Pfiff, dann der Abfahrauftrag und schon setzt sich der Zug in Bewegung. Um die Einstiegstüren kümmert sich niemand, diese schließen ja ab ca. 5 km/h von selbst. 

In meinem Laško steige ich als einziger aus. Zuvor war ich noch einmal durch den Zug gelaufen und hatte die erbärmliche Zahl von 14 Fahrgästen gezählt. Mit diesen Eindrücken laufe ich über die Brücke zur Villa und lege mich schlafen. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen. Mit viel Lob und dem Versprechen wiederzukommen wandere ich wieder zum Bahnhof. Am heutigen Samstag ist der Fahrkartenschalter geschlossen, also werde ich das Ticket im Zug kaufen. Es fährt ein: der Schnellzug von Maribor nach Koper und er bringt ziemlich historisches Wagenmaterial mit. 

Der freundliche türkise Schaffner kann mir den Fahrschein leider nicht bis Zagreb verkaufen, nur bis zur Grenze nach Dobova. Das macht jedoch gar nichts, denn an meinem Umsteigebahnhof in Zidani Most gibt es einen Schalter, der dazu in der Lage ist. Überhaupt Zidani Most: winziger Ort und bedeutender Eisenbahnknoten. Hier mündet die Strecke von Maribor in die Hauptbahn Villach - Zagreb. Ich hätte sogar direkt Anschluss an den legendären EuroCity MIMARA nach Frankfurt am Main. Aber ich möchte ja nach Kroatien. Also ist ein bisschen Zeit zum Fotografieren.

Auch in Zidani Most gibt es eine gut besuchte Bahnhofskneipe. Ich gönne mir einen Kaffee und nutze die Zeit, meiner Freundin telefonisch zum Geburtstag zu gratulieren. Dann fährt der kunterbunte EuroNight Zürich - Belgrad ein, dessen Gegenpart ich heute Abend zur Heimreise nutzen werde.

Ich nehme in einem der bequemen Abteile Platz und komme sogleich mit einem älteren Mann aus Ljubljana ins Gespräch, der sehr gut Deutsch spricht. Nachdem er mir ein wenig die Landschaft erklärt hat und wir uns über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage in Slowenien ausgetauscht haben, frage ich ihn noch nach dem Grund seiner Reise. Er ist schon länger nicht mehr mit der Eisenbahn gefahren und scheint ziemlich aufgeregt zu sein, wenngleich er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Da sitzt dieser mindestens 70-jährige Mann, grinst milde und verschmitzt und verrät mir schließlich stolz: "Ich habe heute eine Rendezvous". Gerührt erfahre ich, dass er im Internet eine Frau aus Dobova kennen gelernt hat und sich nun  zum ersten Mal mit ihr treffen wird. Er sieht adrett aus, trägt ein perfekt gebügeltes Hemd, hat sich sorgfältig rasiert und erläutert, dass er zwei Nächte bei ihr bleiben wird und sie ihn dann am Montag mit ihrem Auto wieder zurück nach Ljubljana bringen wird. Schon wegen solcher Geschichten werde ich den Reisen mit der Eisenbahn niemals untreu werden. Ich wünsche ihm alles Gute, als er im slowenisch-kroatischen Grenzort aussteigt. Eine halbe Stunde später bin auch ich am Ziel: Zagreb.

Im Hauptbahnhof der kroatischen Hauptstadt werden dem Zug die Schlaf- und Liegewagen abgenommen, zum Ausgleich erhält er ein paar neue Sitzwagen, die weiter nach Belgrad fahren. Die Abfahrt verzögert sich aber einige Zeit, weil es an einem der heruntergekommenen serbischen Wagen ein Problem mit der Luftleitung gibt. Geduldig und dienstbeflissen warte ich die Störungsbehebung ab und verlasse den Bahnsteig erst, als alles in Ordnung gebracht und der Zug abgefahren ist.

Weil ich den ganzen Nachmittag Zeit habe, beschließe ich, dem kroatischen Eisenbahnmuseum einen Besuch abzustatten. Schon auf dem Weg dorthin sind abgestellte Lokomotiven und Wagen in den Abstellanlagen des Bahnhofs zu sehen, die vermutlich vergeblich auf bessere Zeiten warten.

Das so genannte "Museum" entpuppt sich als grüne Wiese am Rande der Gleisanlagen, auf denen mehr oder weniger imposante Loks und andere Fahrzeuge nachlässig abgestellt sind. Beschriftet mit vergilbten, laminierten aber immerhin zweisprachigen Beschreibungs-Zetteln rostet alles vor sich hin. Der Eintritt ist frei.

Etwas enttäuscht bin ich nach 20 Minuten mit der Besichtigung fertig. Verglichen mit Entroncamento war das hier natürlich ein schlechter Scherz. Andererseits, so ist es eben in Kroatien, wo quasi das gesamte Streckennetz des Landes im Logo untergebracht ist :-) 

Ein kleiner Stadtrundgang macht mich hungrig, aber es ist derart voll mit Menschen, dass ich längere Zeit suchen muss, bis ich endlich einen Platz in einer Pizzeria finde.

Anmerkungen aus dem Reisetagebuch: pünktlich um 12 war der berühmte Kanonenschuss über die Stadt geschallt. Des weiteren überfordern mich Anwesenheit, Intensität und Bekleidung der kroatischen Damen. Ich ersuche dringend Ablenkung am Bahnhof. Zuvor fallen mir aber noch eine DB-Agentur und die Nachbildung der Berliner Mauer auf.

Nach zwei Wochen Reise bin ich ein bisschen müde geworden und freue mich auf meinen Schlafwagen. Dieser steht schon in der Abstellung bereit.

Eine Alternative wäre übrigens die Übernachtung im Hostel-Schlafwagen, allerdings mit dem Nachteil, nicht von der Stelle zu kommen:

Jetzt zieht es sich alles etwas. Noch eine knappe Stunde bis mein Zug aus Belgrad kommt. Immerhin ist er als pünktlich angekündigt, was mich schon erstaunt. Als es dunkel wird, kann ich Position beziehen und zugucken, wie mein Schlafwagen zurechtrangiert wird.

Endlich geht es los. An einer Art Theke werde ich vom kroatischen Schlafwagenschaffner empfangen und mir wird meine Kabine zugewiesen, die einen gepflegten Eindruck macht. 

Im Wagen gibt es auch Bier zu kaufen und so entstehen wieder ein paar dieser typischen Nachtzug-Gespräche auf dem Gang mit recht wunderlichen Menschen, von denen man in Teilen gar nicht detailliert wissen möchte, was sie schon alles erlebt haben, insbesondere um sich nicht selbst mitschuldig zu machen. In Ljubljana und Villach bieten sich außerdem Gelegenheiten für ein gemeinsames Zigarettchen am Bahnsteig. Dann gehts ins Bettchen.

Kurz vor der Einreise in die Schweiz wache ich auf, einmal mehr konnte ich ganz hervorragend schlafen und habe nichts von den Fahrtrichtungswechseln und Kupplungsmanövern unterwegs mitbekommen. Die ersten Gäste krähen nach dem Frühstück, aber zuvor steht noch die Zollkontrolle an. Draußen im Nebel regnet es.

Mit dem Frühstück kurz vor Zürich findet auch diese Nachtzugfahrt ihr jähes Ende. So langsam wird es Zeit für ein Resümee. Was bleibt von dieser Reise? Erinnerungen an übertriebene ängstliche Momente in Spanien und Frankreich, an den herrlichen Abend im Speisewagen des Sud-Express nach Lissabon mit der Weisheit einer 80-jährigen Mitreisenden ("Hauptsache, sie haben Wein"), an den Busfahrer in den Pyrenäen, der mir mit Händen und Füßen alles erklärte, an den Mann aus Slowenien, der jetzt gerade hoffentlich sein Rendezvous genießt...

Ein letzter, melancholischer Blick auf den stolzen Zug aus Zagreb und Graz, der nun seinen Abstellplatz für den Tag finden wird.

Besonders beeindruckend ist während meiner Wartezeit in Zürich der kleine Reinigungsroboter. Geschickt ändert er seine Richtung, sobald sich jemand ihm in den Weg stellt und setzt unverdrossen seine Arbeit fort.

Nach dieser selbstreinigenden Erfahrung ist es Zeit, zum Bahnsteig zu gehen und der Bereitstellung des EuroCitys Richtung Karlsruhe beizuwohnen.

Der nette SBB-Zugbegleiter wünscht mir bei der Fahrkartenkontrolle eine "Gute Reise". Ich erzähle ihm schmunzelnd, dass dies nur noch die letzten Kilometer nach Hause sind und wo ich überall gewesen bin, woraufhin er mir anerkennend zulächelt. Und damit ist dann auch alles gesagt.

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