Juli 2015

Ein tag am Matterhorn

Schnäppchen-fahrt in die Schweiz

von Dresden nach Zermatt und zurück

Ausgangspunkt dieser Reise war eine zufällig entdeckte Meldung in einem einschlägigen Eisenbahnforum. Danach war es an jenem Sonntag im Mai auf Grund eines Software-Fehlers möglich, auf der Internetseite der Deutschen Bahn Sparpreise in die Schweiz und nach Österreich für nur 19 Euro zu buchen - und zwar mit jedem Zug, an jedem Tag - ganz nach Belieben. Durch Einsatz meiner BahnCard 25 ergatterte ich mir auf diese Weise eine Fahrkarte nach Zermatt und zurück für sagenhafte 28,50 Euro. So günstig würde ich so bald wohl nicht mehr an das Matterhorn gelangen. 

Route

Am frühen Morgen um 6 Uhr beginnt der sparsame Kurztrip in die Alpen, am Bahnhof Dresden-Neustadt fährt pünktlich der ICE in Richtung Frankfurt am Main ein. Der aus zwei Zugteilen bestehende ICE-T verfügt über eine aktive Neigetechnik, jedoch darf diese Baureihe wegen Problemen mit den Achsen schon seit einigen Jahren nicht mehr bogenschnell fahren - die Züge neigen sich also, befahren die Kurven aber nicht schneller. Für die Fahrt von der Elbe an den Main benötigt der ICE zur Zeit im günstigsten Fall viereinhalb Stunden. Meine Freundin und ich nehmen unsere reservierten Plätze an einem Tisch im als Ruhebereich ausgewiesenen Großraumwagen ein und die Reise kann beginnen. Leider haben wir den Sekt zu Hause im Kühlschrank vergessen, stattdessen begnügen wir uns mit Kaffee.

ICE-T im Bahnhof Dresden-Neustadt

Die Fahrt nach Fulda vergeht schnell und verläuft pünktlich, so dass der bequeme Umstieg in den ICE in Richtung Schweiz am selben Bahnsteig gegenüber problemlos möglich ist. Wir setzen die Reise nun in einem ICE der ersten Generation fort, jene Fahrzeuge also, die 1991 in Betrieb genommen wurden und seinerzeit den Hochgeschwindigkeitsverkehr in Deutschland einläuteten. Mittlerweile wurden die Züge auch einem so genannten Re-Design unterzogen - Sitze, Polster und die Innenausstattung wurden überarbeitet und modernisiert. Dennoch ist es für mich immer noch die gelungenste und bequemste Bauserie aller ICE-Züge. 

ICE 1 in Fulda

Die Fahrt führt von Fulda über eine der am dichtesten befahrenen Bahnstrecken in Deutschland durch das Kinzigtal bis nach Hanau. Von hier aus geht es weiter durch Offenbach bis zum Hauptbahnhof von Frankfurt am Main.

Nach einem kurzen Aufenthalt und einem Fahrtrichtungswechsel fährt unser ICE weiter in Richtung Süden. Über die stark frequentierte Riedbahn erreichen wir schon bald Mannheim, dereinst vom damaligen Bahnchef Mehdorn als "Milchkanne" verunglimpft. Dann geht es mit 250 km/h weiter nach Karlsruhe und von dort im breiten Rheintal am westlichen Rand des Schwarzwaldes entlang bis nach Basel. Die sonnigen Weinlagen Südbadens motivieren uns zum Öffnen einer Flasche Weißwein - so wunderbar kann Reisen sein.

Landschaft im Rheintal bei Offenburg

Wir bleiben auch in der Schweiz noch unserem Zug treu. Dennoch bietet sich bei Aufenthalt in Basel die Gelegenheit, erste Aufnahmen aus dem schweizerischen Eisenbahnbetrieb anzufertigen. Die Schweiz bekennt sich wie kein anderes Land der Welt zur Eisenbahn und ist stolz auf ihr präzises, modernes und pünktliches Netz.

In Bern schließlich verlassen wir unseren ICE und steigen um in einen Intercity der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Der Zug ist aus zehn Doppelstockwagen gebildet und sowohl im Unter- als auch im Obergeschoss kann man von einem Wagen zum anderen übergehen - das habe ich bisher noch nicht erlebt. Wir nehmen kurz im Bistrowagen Platz, aber die dortige Hitze, die erschreckend hohen Preise in der Karte und das Fehlen von Schweizer Franken unsererseits lassen uns doch noch einmal umziehen. Im Obergeschoss eines Wagens finden wir dann einen schönen Platz mit herrlicher Aussicht. Nur die Klimaanlage des Zuges erscheint etwas unterdimensioniert. Während der Thunersee vorbeizieht träumen wir also folgerichtig von einem abkühlenden Sprung in selbigen.

Thunersee

Kurz vor Erreichen unseres nächsten Umsteigebahnhofs Visp wird es dunkel. Wir durchfahren einen Tunnel, aber nicht irgendeinen: es handelt sich um den 2007 fertiggestellten Lötschberg-Basistunnel. Er ist mit gut 34 Kilometern Länge derzeit der drittlängste Eisenbahntunnel der Welt und wird mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 km/h befahren. Unweit des südlichen Ende des Tunnels liegt der Bahnhof von Visp. Hier steigen wir um in Richtung Zermatt.

Regionalzug nach Zermatt

Der letzte Abschnitt unserer Hinfahrt verläuft über die eingleisige, schmalspurige (1000 mm) Strecke von Visp nach Zermatt, die auch vom berühmten Glacier-Express täglich fahrplanmäßig befahren wird. Wir nutzen aber einen normalen Regionalzug der Matterhorn Gotthard Bahn, der allerdings zu unserer Freude auch aus Panoramawagen besteht, so dass die beeindruckende Bergwelt auch von uns gebührend bestaunt werden kann. Bevor es los geht, erhält aber der erwähnte und heute leicht verspätete Glacier-Express zunächst Ausfahrt, während wir uns noch ein wenig gedulden müssen.

Glacier-Express

So entsteht die erste Verspätung des Tages also ausgerechnet im Pünktlichkeits-Vorzeigeland Schweiz und es soll nicht bei ein paar Minuten bleiben. Denn wenn auf einer eingleisigen Strecke erst einmal etwas aus dem Takt ist, kann dies nur schwer wieder aufgefangen werden. Und so müssen wir immer wieder unterwegs wegen Zugkreuzungen warten und sehen die entsprechende Anzeige auf den Info-Bildschirmen sehr oft wieder.

Die Verspätung summiert sich letztlich auf 45 Minuten, was uns aber aus vielerlei Gründen völlig egal ist: wir benötigen keinen Anschlusszug mehr, wir haben noch mehr Eisenbahn für noch immer 14,25 € und die Landschaft ist so schön, dass wir sie ausgesprochen gern noch ein bisschen länger anstarren.

Kreuzung mit dem Glacier-Express

Schließlich erreichen wir Zermatt. Der Ort unterhalb des Matterhorns zählt zu den teuersten Pflastern der Welt. Auch deshalb haben wir uns für zwei Übernachtungen auf dem Campingplatz entschieden. Hierbei handelt es sich allerdings mehr um eine Art Acker mit für die Schweiz absolut untypisch unmodernen Sanitäranlagen und einem mehr als merkwürdigen, nach Urin stinkenden Zeltplatzwächter, in dessen Gegenwart es sich nur schwer aushalten lässt. Ansonsten ist aber alles in Ordnung: mit uns campieren nur etwa 20 weitere Bergfreunde, der Platz liegt außerdem unmittelbar am Bahnhof (Eisenbahn-Beobachtungen sind also jederzeit möglich) und vom Zelt aus haben wir einen Blick auf das Matterhorn. Das ist natürlich was!

Blick auf das Matterhorn

Die Preise im Ort sind jenseits von gut und böse und so wird selbst der Einkauf im Supermarkt zum finanziellen Spießrutenlauf. Zum Glück findet sich ein Dosenbier für akzeptable 80 Cent, Nudelgerichte für den Campingkocher haben wir ohnehin von daheim mitgebracht. Zermatt ist für den Autoverkehr praktisch gesperrt, alle Besucher reisen vom nahe gelegenen Täsch mit Pendelzügen an. 

Campingplatz

Im Ort selbst fahren nur zahlreiche Elektro-Autos, an deren leises Summen man sich aber schnell gewöhnt. Es gibt derartige Fahrzeuge für den Transport von Hotelgästen und Waren, für Post und Polizei und sogar jene, die für das Gießen der Blumen im Ort zuständig sind. Dekadenz im Endstadium.

Die Eisenbahn spielt nicht nur in der Schweiz allgemein, sondern auch hier in Zermatt eine besonders wichtige Rolle. Beinah alle Waren werden täglich auf der Schiene angeliefert. Viele Betriebe und Supermärkte im Ort haben eigene Güterwagen, mit denen morgens alles frisch und umweltfreundlich nach Zermatt gebracht wird. Ein eigener kleiner Umschlagbahnhof ermöglicht auch die notwendigen Rangierbewegungen und die Warenverladung.

Den folgenden Tag nutzen wir für eine kleine Wanderung entlang der Berge oberhalb des Ortes. Immer wieder begegnen uns die typischen, aus Holz errichteten und mit Steinplatten vor Getier geschützten Speicherhütten. Außerdem behalten wir natürlich das Matterhorn im Auge, dessen Erstbesteigung sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt.

Einen besonderen Höhepunkt stellt sicher eine Fahrt mit der Gornergrat-Bahn dar. Aus finanziellen Gründen war uns dies leider nicht möglich, aber ein paar Fotos der spektakulären Bahn möchten wir dem geneigten Leser dennoch nicht vorenthalten. Die elektrisch betriebende Zahnradbahn fährt unmittelbar neben dem Bahnhof Zermatt ab und erreicht nach gut 9 Kilometern und einer halben Stunde Fahrt die 3089 Meter hoch gelegene Station auf dem Gornergrat. Eine Fahrt nach oben und wieder zurück kostet stolze 86 Euro pro Person.

Am Nachmittag bietet sich mir noch die Gelegenheit, ein paar weitere Eisenbahnmotive abzulichten. Hierfür wandere ich zum am Ortseingang befindlichen Hubschrauber-Landeplatz, den die Züge in einem Tunnel unterqueren. Für gut 800 € sind 20-minütige Helikopter-Rundflüge um das Matterhorn möglich.

Am nächsten Morgen müssen wir schon wieder Abschied nehmen. Was bleibt ist ein schöner Tag in den Alpen bei bestem Sommerwetter, viele Eisenbahn- und Bergfotos und die Erinnerung an horrende Preise wie 22 € für eine Pizza oder 6 € für eine Kugel Eis. Am Bahnhof von Zermatt steigen wir in den Regionalzug, der uns auf schmaler Spur und unter abschnittsweiser Zuhilfenahme von Zahnstangen zurück nach Visp bringen wird.

Nachdem wir uns am Bahnhofsvorplatz von Visp ein letztes Nudelgericht zubereitet und verspeist haben, begeben wir uns wieder auf den Bahnsteig, wo ich die normalspurige Welt der SBB noch einmal in ein paar Bildern festhalten kann.

Ein ziemlich gut gefüllter Pendolino bringt uns schließlich wieder bis nach Basel. In dem aus Mailand kommenden Zug geht es bisweilen lustig zu. Wir sitzen im Speisewagen und gönnen uns ein kühles Bier zum kopfschüttelnden Preis, bekommen dafür aber eine wunderbare internationale Theatervorstellung geboten. Der überforderte italienische Kellner ist auf Grund einiger technischer Probleme (Kaffeemaschine, Kasse) sichtlich fertig, seine temperamentvolle, aber dennoch freundliche Art im Umgang mit den anspruchsvollen Gästen aus aller Welt ist aber einfach nur herrlich anzusehen. So etwas erlebt man nur im Speisewagen.

Pendolino nach der Ankunft in Basel SBB
ICE in Basel SBB

Der ICE bringt uns dann über Frankfurt am Main wieder pünktlich nach Hause. Es ist Freitag, die Züge sind warm und ziemlich voll und die lange Fahrt bis nach Mitternacht zieht sich zugegebenermaßen. Trotzdem bleibt die Erinnerung an einen schönen Tag am Matterhorn - für einen Preis, den es so wohl lange nicht mehr geben wird.

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