Juli 2015

Ein tag am Wörthersee

Schnäppchen-Fahrt nach Österreich

Von Dresden nach Pörtschach und zurück

Wie schon eine Woche zuvor meine Fahrt zum Matterhorn beruht auch dieser Kurztrip auf dem glücklichen und zufällig entdeckten Umstand, dass die Deutsche Bahn auf Grund eines Softwarefehlers für einige Tage aus Versehen viel zu günstige Tickets im Internet verkaufte. Und weil man selten für 14,25 € von Dresden an den Wörthersee reisen kann, schlug ich noch einmal erbarmungslos zu und machte mich auf zur zweiten Reise in die Alpen binnen einer Woche. 

Route

Diesmal beginnt alles noch früher, als in der Vorwoche und ich bin allein unterwegs. Außerdem streikt die Autofocus-Funktion meiner Kamera teilweise und eine kurzfristige Änderung musste ich vornehmen: weil für den Abend schwere Unwetter angekündigt sind, entscheide ich mich kurzerhand für die Buchung eines Zimmers, anstatt dem teuren, weil einzigen Zeltplatz in Klagenfurt einen Besuch abzustatten. Es ist 4:26 Uhr, als ich am Bahnhof Dresden-Neustadt in den ersten ICE des Tages steige.

Dresden-Neustadt

Ich nehme Platz im ICE und die Fahrt in Richtung Leipzig beginnt. Mal wieder wissen nicht alle Anwesenden, was den Sinn eines Ruhebereiches ausmacht und so wird sich lautstark unterhalten, während ohnehin zart besaitete Pendler vor Wut schnaufen, sich vertraute Blicke zuwerfen und sich schließlich kurz vor Riesa an die Zugbegleiterin wenden, um sie zu bitten, die Störer zu bitten doch bitte leiser zu sein. Es wirkt. In Leipzig steht die Eisenbahn planmäßig eine halbe Stunde herum, füllt sich dann zusehends und fährt schließlich weiter. In Naumburg/Saale wechsle ich das Gefährt und steige bahnsteiggleich um in den ICE nach München. Im gleichen Wagen am gleichen Platz vertreibe ich rasch einen Falschsitzer und bestelle mir einen Kaffee.

Die Umstiege in Naumburg werden übrigens bald ebenso Geschichte sein (Ende dieses Jahres), wie die ICE-Fahrten durch das enge Saaletal (Dezember 2017). Die Neubaustrecke Halle/Leipzig-Erfurt-Nürnberg wird beides überflüssig machen und obendrein die Fahrzeiten deutlich verkürzen. Noch aber schlängeln sich die Züge der Saale folgend nach Jena und Saalfeld, schrauben sich dann den Frankenwald hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Hinter Nürnberg nimmt mein Zug als eine Art Exot nicht den direkten Weg nach München, sondern nutzt die längere und langsamere Strecke über Donauwörth und Augsburg. Unterwegs begegnet mir ein Triebwagen des Typs Coradia Continental der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB), welche ab Mitte nächsten Jahres das Elektronetz Mittelsachsen betreiben wird. Das Fahrzeug ist grau und hässlich. Nach zwischenzeitlicher Verspätung erreichen wir mit endlich mal auszufahrenden 230 km/h ab Augsburg die bayrische Landeshauptstadt am späten Vormittag pünktlich. Erst hier entdecke ich, dass ich im ICE mit dem Taufnamen DRESDEN unterwegs war. Auch die Zuglok meines Anschlusszuges, dem EuroCity in Richtung Venedig, macht eine gute Figur. Ein Taurus der ÖBB mit elitärer Beklebung. 

Im Zug Richtung Venedig, den ich nur eine Stunde lang begleiten werde, herrscht das übliche Chaos. Viel zu viele Menschen mit viel zu großen Koffern suchen Platz in viel zu wenig Wagen. Schließlich kommen aber doch alle unter und das österreichische Zugbegleitpersonal gibt sich zudem wesentlich humorvoller und freundlicher, als sein deutsches Pendant. Außerdem gibt es Abteilwagen, was mich wie immer sehr freut. Selbst heute, wo mich ein illustres Pärchen aus Tirol mit ihren Plattitüden und Dialogen fast zur Weißglut treiben. Er erzählt unentwegt vom gerade zurückliegenden Skandinavien-Urlaub und verpflichtet alle unschuldigen Mitreisenden im Abteil zum Anhören seiner Weisheiten ("Sehr teuer dort. Vor allem Alkohol.", "Oslo - nur Drogensüchtige, ganz abgefucked!", "Da muscht schoa nördlicher, wenn d'noch adventure suachst...") und zum Ansehen seiner Urlaubsbilder auf der Kamera ("Hier schaust geil aus Baby", "Boah schau, hier schaust aber auch geil aus Schatz", "Des is a geiles Bild, schau!"). Ich nehme es mit Humor, schreibe nach Kräften mit und verlasse in Wörgl mit blutenden Ohren Abteil und Zug. Nun gehts mit dem TRANSALPIN weiter, dem letzten noch existierenden lokbespannten Reisezug von Zürich über Innsbruck nach Graz. Doch so groß der Name auch klingt - bis auf einen schweizerischen Panoramawagen der 1. Klasse handelt es sich um einen recht normalen EuroCity, der zudem noch ausgesprochen schwach besetzt ist. In meinem Abteil leistet mir eine hübsche schwedische Familie Gesellschaft. Bei Henry am Zug erwerbe ich einen "Verlängerten", das Wetter draußen ist durchwachsen.

Der Zug ist vorn und hinten jeweils mit einem Taurus bespannt. Die durchfahrenen Orte heißen hier beispielsweise Bruck-Fusch oder Hinterglemm-Mitterlengau. Der Himmel ist bedrohlich dunkel, als ich in Schwarzach-St. Veit aussteige. Ich werde nun in Richtung Süden umsteigen und Tirol zu Gunsten von Kärnten verlassen. Doch zuvor gilt es 20 Minuten Verspätung meines Anschlusszuges zu überbrücken. Der einsetzende Starkregen bietet mir prompt die eingeforderte Ablenkung. 

Irgendwann trifft dann endlich der Zug nach Klagenfurt ein. Drei weibliche Teenager teilen mit mir ein Abteil und haben ausschließlich die wechselnde Empfangsqualität ihrer Mobilfunknetze zum Thema. In Dorfgastein verabschieden sie sich immerhin höflich und ich setze die Fahrt allein im Abteil fort. Durch den Tauerntunnel und sehr gefällige, alpine Landschaft gelange ich schließlich nach Villach. Hier werden die letzten drei Wagen abgehangen und als Kurswagen nach Zagreb weitergeführt. Trotz der entsprechenden Durchsage in mehreren Sprachen sitzen nach der Abfahrt in Villach noch etliche Reisende im falschen Zugteil, ich jedoch nicht, obwohl mir Kroatien als Reiseziel auch mal wieder gefallen würde.

Mit Pörtschach am Wörthersee habe ich mein Ziel fast erreicht. Ich steige aus und denke mir beim obligatorischen Blick auf die Anzeigetafel und hoch zum bedrohlich dunklen Himmel dass ich Glück gehabt haben muss, denn alle Züge aus Richtung Wien - Klagenfurt sind bereits wegen Unwetterschäden als mehrere Stunden verspätet gemeldet.  Hier ist es aber noch trocken und so kann ich den kleinen Bahnhof Pörtschach im letzten Schönwetterlicht des Tages ablichten, bevor ich zur Bushaltestelle hinübergehe. 

Ein einziger anderer Fahrgast und ich werden vom letzten Postbus des Tages und seinem freundlichen Lenker ins nächste Dorf oberhalb des Sees gefahren. In St. Martin am Techelsberg beziehe ich mein Zimmer in der Pension. Im selben Moment bricht das Unwetter über den kleinen Ort herein. Regen, Hagel, Blitz und Donner - alle Lichter gehen aus und die nächsten fünf Stunden verbringe ich stromlos im Dunkeln meines Zimmers. Erst gegen halb zwölf nachts kehrt die Elektrizität zurück.

Verhagelte Ankunft

Am folgenden Morgen berichtet mir die Wirtin von großen Schäden zum Beispiel an durch Hagel zerstörte Autoscheiben und umgestürzte Bäume. Ich bin froh, mich gegen den Zeltplatz entschieden zu haben und mache mich nach dem Frühstück (Musik: "Zeig mir den Weg durch die Sterne heut Nacht") bei nun wieder gutem Wetter auf nach Velden. Von hier oben habe ich auch immer wieder einen schönen Blick auf den See. 

Ich möchte zum berühmten Schloss am Wörthersee, doch ich beachte nicht, dass weite Teile des Weges durch den Wald führen, in welchem das Unwetter vergangene Nacht sein übriges getan hat. Etliche umgestürzte Bäume müssen also überklettert werden, so dass ich am Ende des Weges - vornehm ausgedrückt - aussehe wie ein Schwein.

Velden ist ein kleines touristisches Dorf und hat außer einer Seepromenade, vielen Rentnern und dem berühmten "Schloss am Wörthersee" nicht all zu viel für mich zu bieten. Letzteres fungiert heute übrigens als Nobelhotel und so wundert mich nicht, dass die Fußballer von Schalke 04 hier gerade zum Sommertrainingslager verweilen. Ich ziehe jedoch eine Schiffsfahrt vor, denn so lässt sich der See sicher auf geeignete Weise entdecken. Mit 14 Euro für eine Tageskarte bin ich an Bord.

Ich entscheide mich für ein Gedeck aus Kaffee und Kuchen, in der Karte als Angebot für nur 5,50 € angepriesen. Der Kellner versucht es dennoch mehrmals mit dem regulären Preis, aber ich gebe nicht nach. Zur Strafe bestelle ich aber keine weiteren Getränke. Die Fahrt an sich ist aber schön, die Sonne brutzelt mich in den gut zwei Stunden ordentlich braun, dann und wann gibt es touristische Erläuterungen durch den Kapitän.

Die Fahrt führt einmal über den gesamten See bis nach Klagenfurt, wo ich bei einem zweistündigen Landgang ein wenig verweile und den Aufbauarbeiten zur Beachvolleyball-EM zuschaue. Leider kann man am Wörthersee fast nur in kostenpflichtigen Strandbädern baden, weite Teile des Seeufers sind gar nicht zugänglich, da in Privatbesitz. Die Stimmung ist mir fast ein wenig zu gediegen und ruhig, ich sehe viele alte und sehr wenig junge Menschen, die Preise sind verglichen mit Zermatt moderat und die ganze Szenerie erinnert mich ein bisschen an einen Aufenthalt an der Mosel, dieses Gefühl, die besten Jahre lägen schon ein Stück weit zurück. Gegen 16 Uhr ist es Zeit wieder an Bord zu gehen, diesmal gönne ich mir ein kleines Weißbier und einen erneut fantastischen Blick auf den See und die Karawanken.

Wörthersee

Der ganze Stolz der Reederei ist übrigens ein Raddampfer aus Dresden - angeblich der älteste seiner Art, welcher 1909 gebaut wurde und nun am Wörthersee eine Heimat gefunden hat. In Pörtschach gehe ich wieder an Land und der Postbus bringt mich wieder in mein kleines Bergdorf. Hier verziehe ich mich nach einer Dusche nochmal in den nahe gelegenen Wald, um auf meinem eigens mitgeführten Campingkocher ein Nudelgericht zuzubereiten.

Am nächsten Morgen kann ich mein Frühstück sogar auf der Terrasse im Freien genießen, bevor ich mich wieder zu Fuß auf den Weg ins Tal mache. Es ist der letzte Schultag in Österreich, die Kinder verbringen den Vormittag brav in der Kirche und ich freue mich auf die Rückreise nach Hause, nicht ohne jedoch dem See einen letzten Besuch abgestattet zu haben und am Bahnhof Pörtschach ein paar Eisenbahnbilder zu machen.

Ein Intercity wird mich zunächst nach Salzburg bringen. Es ist Freitag und Ferienbeginn und entsprechend gut ist die Eisenbahn ausgelastet. Zwei ältere Damen und drei außerordentlich reizend anzusehende Mädchen sind meine Reisebegleitung im Abteil für die kommenden dreieinhalb Stunden. Ich helfe beim Verstauen der Koffer und erfreue mich an der Geschäftigkeit im Zug, an der Zeitung, welche mir von einer Mitreisenden zum Lesen überlassen wurde und an der spektakulären Paralleleinfahrt mit dem TRANSALPIN in Schwarzach-St. Veit. Und an den Mädchen natürlich. In Salzburg schleppe ich noch ein wenig Fremdgepäck zu einem anderen Bahnsteig und steige dann in den EuroCity nach München. Von dort geht es im rappelvollen und verspäteten ICE-2 über die Neubaustrecke nach Nürnberg, wo glücklicherweise der Wackeldackel nach Leipzig noch auf mich wartet. Dort muss ich noch einmal umsteigen, bevor ich eine halbe Stunde nach Mitternacht endlich wieder in Dresden ankomme. Fazit: der Wörthersee ist schön, aber sehr ruhig. Eisenbahnfahrten in Österreich machen Spaß, in Deutschlands Großraumwagen hingegen finde ich keine große Freude mehr. Freitags sollte man immer eine Sitzplatzreservierung haben. In Skandinavien ist der Alkohol teuer. Für 14,25 € werde ich auch nach Österreich nicht mehr so schnell kommen.

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