Juli 2017

Ein Urlaub erster Klasse

Wer später fährt, ist früher da!

1. Teil: Von Karlsruhe über Prag und Warschau nach Danzig

Der diesjährige Sommerurlaub führte uns einmal mehr nach Osteuropa. Zunächst besuchten wir für einige Tage Danzig, von wo aus auch Ausflüge zur Halbinsel Hela und nach Frauenburg auf dem Programm standen. Anschließend ging es weiter in die Masuren, wo wir für eine Woche ein Ferienhaus mit Ruderboot angemietet hatten. Den krönenden Abschluss bildete dann ein mehrtägiger Aufenthalt im ukrainischen Lemberg. Von dieser abenteuerlichen Reise, bei der fast 5.000 Kilometer bis auf wenige Ausnahmen mit der Eisenbahn zurückgelegt wurden, erzählt dieser Bericht.

Gesamtstrecke des Urlaubs, Eisenbahn (schwarz) und Auto (orange)
Gesamtstrecke des Urlaubs, Eisenbahn (schwarz) und Auto (orange)

Die Fahrt beginnt mit dem ICE von Karlsruhe nach Frankfurt und der dortige 11-Minuten-Umstieg zum Anschlusszug nach Dresden ist "die Achillesferse der ganzen Reise" (O-Ton des Autors). Nachdem es sich ein Mann ungehemmt auf unseren Plätzen gemütlich gemacht hat, weisen wir ihn freundlich auf den Umstand der Reservierung hin und vertreiben ihn erfolgreich. Dann beginnt das bange Zittern um die Pünktlichkeit. Kurz vor Frankfurt wird klar, es wird reichen und schließlich verkündet es auch der Zugführer: der ICE nach Dresden wartet direkt am Gleis gegenüber. Doch an der Einfahrt kommen wir doch noch einmal zum Halten und wichtige Minuten rinnen dahin. Als wir endlich im Bahnhof zum Stehen kommen, bleiben uns noch sportliche 25 Sekunden und das Türpiepen am Zug nach Dresden gegenüber macht uns klar: hier wartet mal gar nichts. Beherzt greife ich verbotenerweise in die Betriebsabläufe ein und stemme mich zwischen die sich schließende Tür des ICE. Somit kommen wenigstens wir beide noch mit und so entgeht uns auch das Kaffeetrinken mit meiner Mutter in Dresden nicht. Dann ist endlich Urlaub.

Die Knödelpresse "Lucka" bringt uns und unseren Speisewagen nach Prag
Die Knödelpresse "Lucka" bringt uns und unseren Speisewagen nach Prag

Drei Bier und einen Gulasch mit Knödeln später erreichen wir die tschechische Hauptstadt. Flugs geben wir unsere Koffer ab und fahren mit der Straßenbahn hinauf zur inzwischen schwer bewachten Prager Burg. Von hier bietet sich ein wunderbarer Ausblick auf die Stadt.

Zu Fuß begeben wir uns wieder hinab und mitten in die Altstadt, nicht jedoch ohne zuvor ein weiteres Bier verkostet zu haben. Auch entdecken wir einen gut zu diesem Vorgang passenden Brunnen.

So sehenswert Prag im Sommer ist, so voll von Menschen ist es leider auch. Besonders beeindruckend zu erleben ist das auf der weltberühmten Karlsbrücke. Also, Rucksäcke und Handtaschen festhalten und los gehts!

Deutlich mehr Bewegungsfreiheit bietet hingegen der Wenzelsplatz. Die Sonne geht unter und es wird Zeit unser Domizil für die Nacht aufzusuchen: den Schlafwagen nach Warschau. Zuvor rauche ich noch die letzte Zigarette meines Lebens. Ich meine: die letzte Zigarette meines Lebens bis jetzt.

Prag, Wenzelsplatz
Prag, Wenzelsplatz
Die markanten Aufzugstürme des Prager Hauptbahnhofs im Abendlicht
Die markanten Aufzugstürme des Prager Hauptbahnhofs im Abendlicht

Wir fahren mit dem SLOVAKIA bis Bohumin mit und werden dort dann mitten in der Nacht an den CHOPIN aus Budapest und Wien gehangen, bevor es weiter nach Warschau geht. Unser Zug steht schon bereit, der Kurswagen aus Eger und die Autotransportwagen in die Slowakei warten noch auf die Rangierlok. Die für uns zuständigen Schaffner bestätigen schmallippig meinen Verdacht, dass in polnischen Schlafwagen kein Bier verkauft wird. Beherzt eile ich noch einmal nach unten in einen der Läden in der Bahnhofshalle.

Unser Wagen war zuletzt auf der inzwischen eingestellten Nachtzug-Strecke von Köln nach Warschau eingesetzt, im legendären JAN KIEPURA. Das Ende dieser Verbindung konnte das Display außen an der Tür offensichtlich nicht verkraften und stellt den ehemaligen Laufweg daher bis heute treu für alle sichtbar zur Schau. In der tiefen Überzeugung, in Prag und nicht in Köln zu sein, legen wir uns in die gemachten Betten und schlafen bald ein. Kurz vor Warschau wachen wir auf. Es regnet in Strömen. Im unterirdischen Bahnhof Centralna ist davon freilich nichts zu spüren. 

Das durchwachsene Wetter und die Suche nach einem Frühstück treiben uns zunächst in die U-Bahn und dann in ein Kellerrestaurant, wo wir bei Kaffee und Omelette von all dem da draußen nichts mitbekommen. Und siehe da: als wir gesättigt wieder ans trübe Tageslicht kommen, hat der Regen fast aufgehört. Zeit für einen kleinen Stadtrundgang. Warschau hat in der Tat - wie bereits an anderer Stelle berichtet - sehr schöne Seiten.

Dann finden wir uns (noch) guter Dinge wieder am Bahnhof ein, denn die Reise soll weiter nach Norden gehen: einige Tage Danzig stehen auf dem Programm. Aber unser TLK-Schnellzug wird mit 55 Minuten Verspätung angegeben. Als gut geschulter Eisenbahner und überzeugter Europäer besinne ich mich also meiner Fahrgastrechte und versuche im Kundenzentrum von PKP IC eine Bestätigung der Verspätung und die Erlaubnis zur Benutzung eines anderen Zuges einzuholen. Es gibt acht Schalter, von denen fünf geöffnet sind. Ich ziehe die Nummer 217, als die 174 aufgerufen wird und die Anwesenheit des mit Schlagstock ausgerüsteten Sicherheitsmannes erschließt sich mir auf einmal.

Schön, wenn man beim Warten anderen beim Warten zuschauen kann: Warschau Hauptbahnhof
Schön, wenn man beim Warten anderen beim Warten zuschauen kann: Warschau Hauptbahnhof

Die mentale Verarbeitung der beginnenden Unwegsamkeiten prägt schließlich - nicht ohne ironischen Unterton - zum ersten Mal die überzeugende Kernaussage dieser Reise: Über diesem Urlaub liegt ein Fluch

Bis zur planmäßigen Abfahrt unseres Zuges sind es noch 45 Minuten. Hinzu kommt die inzwischen auf 70 Minuten erhöhte Verspätung. Zeit genug also noch, sowohl für den nächsten, schnelleren und bislang pünktlichen Express-Intercity-Premium (EIP), als auch für die ursprüngliche Variante. Einige koffeinhaltige Heißgetränke später bin ich dann endlich an der Reihe. Es dauert keine zwei Minuten und unser Ticket ist für den EIP gültig geschrieben, mitsamt Reservierung. Gut, dass ich mich hier vor anderthalb Stunden angestellt habe, denn bis zur Abfahrt sind es nun noch sieben Minuten. Wir nehmen unsere Plätze ein und begeben uns nach einer angemessenen Zeit selbstverständlich zum Speisewagen. Hier zeigt sich das Personal so erfinderisch, wie launisch. Während Żurek und Bier schmecken, überzeugt der vor Öl nur so triefende Salat leider gar nicht. Die angepriesenen Zutaten werden erst nach energischer Intervention meinerseits lieblos nachgeliefert. Exakt elf Schinkenwürfel kommen auf einem kleinen Tellerchen an den Stehtisch. Ich suche den Zugchef auf und bringe mein Missfallen deutlich zum Ausdruck. Dann sind wir endlich in Danzig.

Ähnlich kühl wie das Gastro-Personal im Zug ist auch das Wetter in der Freien Stadt. Immerhin aber kein Regen. Und das Empfangsgebäude des Bahnhofs sowie die ersten Eindrücke rund um unsere nahe gelegene Ferienwohnung sind vielversprechend.

Nimm das, "Ihr Einkaufsbahnhof"! Der würdige Danziger Hauptbahnhof mit Menschen.
Nimm das, "Ihr Einkaufsbahnhof"! Der würdige Danziger Hauptbahnhof mit Menschen.

Ein erster kleiner Rundgang durch die Stadt und an der Mottlau entlang stimmen uns auf die bevorstehenden Urlaubstage ein. Der Dichter Georg Greflinger schrieb bereits im 17. Jahrhundert in "Das blühende Danzig" vollkommen zu recht: "Apollo helfe mir, ich will von Danzig singen und es mit Ehren an die Sterne bringen, dahin es auch gehört." 

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