Juli 2017

Ein Urlaub erster Klasse

Wer später fährt, ist früher da!

3. Teil: Die Masuren und eine Kleinbahn namens Popp

Wir verlassen die Ostsee nun nach der ersten Urlaubswoche und reisen weiter in die östlichsten Zipfel der Masuren, wo wir ein Ferienhaus gemietet haben. Die ursprüngliche Idee war, ausgehend davon, dass sich das Haus in der Kreisstadt Augustów befindet, mit dem Zug bis dorthin zu fahren. Etwa zwei Wochen vor dem Urlaub lasen wir dann zum ersten Mal genauer in den Reiseunterlagen und stellten fest, dass - Klassiker! - sich das gebuchte Haus bei Augustów befindet, genauer: im Dorf Kopanica, etwa 30 Kilometer nordöstlich. Wir machten uns nun an die Herausforderung, dennoch mit dem Zug bis Augustów zu fahren, dort einen Einkauf zu tätigen, der eine Woche reicht und dann mit dem Taxi ins Ferienhaus zu fahren. Geistesgegenwärtig entschieden wir uns dann doch für Plan B: Mietwagen ab Białystok. An späterer Stelle wird deutlich, dass dies die günstigere Vorgehensweise war.

Fahrt in die Masuren (Zug bis Białystok und Mietwagen bis Augustów), Ausflug nach Ełk
Fahrt in die Masuren (Zug bis Białystok und Mietwagen bis Augustów), Ausflug nach Ełk

Es ist Samstagmorgen und der Bahnsteig des Danziger Hauptbahnhofs ist gut gefüllt. Wir warten auf TLK 51106 BIEBRZA, welcher uns auf direktem Wege nach Białystok bringen soll. Und obwohl er seine Fahrt erst vor einigen Minuten in Gdingen begonnen hat, ist er bereits verspätet. Das erfährt aber zum Glück nur, wer mittels Smartphone auf die PKP-IC-App zugreift. Die Zugzielanzeigen am Hauptbahnhof Danzig wurden nämlich im Rahmen der Sanierung abgebaut, aber nicht wieder angebracht. Bevor unser Zug endlich einfährt, kommen noch zwei andere Gefährte des Weges daher.

Mit guten zehn Minuten Verspätung fährt der BIEBRZA dann ein. Unser 1.-Klasse-Abteilwagen ist, wie der gesamte Zug, bis auf den letzten Platz ausgebucht. Auch ist in unserem Abteil kein Raum mehr für Gepäck vorhanden, da alle Ablagen bereits belegt sind. Erst viel später auf der Fahrt werden wir feststellen, dass nur ein Bruchteil des in unserem Abteil gelagerten Gepäcks auch seinen Insassen gehörte. Vielmehr erschien es anderen von Vorteil und weniger anstrengend, alles im Abteil Nr. 1 abzustellen. Egal! Die Sitze sind gemütlich, die Fenster zu öffnen und Anschlusszüge brauchen wir heute keine.

Tczew (Dirschau)
Tczew (Dirschau)
ein KIBEL in Elbląg
ein KIBEL in Elbląg

Bis Elbląg waren wir ja gestern bereits gefahren. Ab hier besitzt nur noch die Hälfte von uns Streckenkenntnis. Doch auch meine Fahrt auf dieser Route ist nun schon wieder vier Jahre her und ich bin erneut entzückt, wie viele mechanische Stellwerke mit Formsignalen hier noch zu finden sind. Ich bemühe mich, nur die Schönsten im Bild festzuhalten und in diesen Bericht einzupflegen.

Landschaftlich wird es nun sehr einsam. Weitläufige, hügelige Wiesen, wenige Siedlungen; zahlreiche Tiere sind zu bestaunen. Nur selten findet eine Zugkreuzung auf der eingleisigen Stecke statt, mit jedem Halt steigt die Verspätung ein bisschen an und so muss der freundliche Mitarbeiter mit der Minibar schon deutlich vor Olsztyn (Allenstein) aussteigen, um den Gegenzug noch zu erreichen.

Es ist eine angenehme Reise, weil es nicht zu heiß und nicht zu laut ist, weil wir aufstehen können, wann wir wollen, immer wieder im Gang am Fenster "hängen", den Kopf hinaushalten, die grünen Wiesen angucken... wer Lust hat, liest ein Buch oder schläft eine Runde - gibt es etwas Schöneres? Dann erreichen wir Olsztyn, wo ein paar Wagen am Schluss abgehangen werden und statt einer elektrischen eine Diesellokomotive die Führung übernimmt. Und zwar eine sehr moderne, die Gama aus dem Hause PESA in Bydgoszcz.

Und der Haifisch, der hat Zähne...
Und der Haifisch, der hat Zähne...

Während der planmäßig 18-minütigen Wartezeit, aus der in unserem Fall eine gute halbe Stunde wird, bietet sich die Gelegenheit, noch mehr Eisenbahnen abzulichten.

Die Fahrt geht nun weiter in nordöstlicher Richtung bis nach Korsze. Etwa 30 Kilometer nach der Abfahrt in Olsztyn kommen wir im Bahnhof Czerwonka zum Halten. Nach ca. zehn Minuten fahren wir am Halt zeigenden Ausfahrsignal vorbei ins Gegengleis. Der Zustand des Regelgleise legt den Verdacht nahe, dass dieses Betriebsverfahren keine Besonderheit des heutigen Tages darstellt. Am nächsten Bahnhof geht es dann wieder nach rechts hinüber.

Ab Korsze, wo wir Russland fast so nah, wie vorgestern in Frombork sind, biegen wir wieder  in südöstlicher Richtung ab und vollziehen in Kętrzyn  (Rastenburg) die nächste Zugkreuzung.

Dann werden die Seen links und rechts zahlreicher, wir sind jetzt mitten in den Masuren und erhalten Einfahrt nach Giżycko (Lötzen), wo die große Mehrheit der Fahrgäste aussteigt.

Der vor uns liegende Abschnitt bis Ełk (Lyck) zieht sich ein wenig, für unseren Zug gibt es zudem laut Fahrplan keine Haltebahnhöfe. Da unsere Verspätung inzwischen auf 50 Minuten angestiegen ist, muss der TLK Łódź - Giżycko in Ełk auf uns warten, zumal er offensichtlich unsere Diesellok benötigt, während seine E-Lok nun wieder für die Fahrt unseres Zuges in Richtung Süden bis Białystok vorgesehen ist. Da beide Züge mit dieser betrieblichen Rochade einen Moment lang abgelenkt sind, kann ich eine kleine Fehlplanung meiner Reisebegleiterin wieder gut machen und im Bahnhofslädchen unseren Wasservorrat auf ein vernünftiges Maß aufstocken. Rechtzeitig zur Abfahrt sitze ich wieder auf meinem Platz, der Zug ist nun deutlich leerer, auch aus unserem Abteil sind Gepäck und Mitreisende inzwischen verschwunden.

Die Reisegeschwindigkeit hat sich auf diesem seit 1990 elektrifizierten Abschnitt nun wieder ein wenig erhöht, die Bahnhöfe unterwegs sind noch in teilweise historischem Zustand. Im beschaulichen Mońki steht noch einmal das Abwarten eines Gegenzuges auf dem Programm. Ein Mann im bahnsteignahen Häuschen klopft indes seinen Teppich.

Endlich donnert unser Zug seinem Zielbahnhof entgegen. Nach acht von sieben geplanten Stunden fahren wir in den großzügig angelegten Bahnhof von Białystok ein, welcher - wie wunderbar! - ebenfalls noch mechanisch gestellwerkt wird.

Wir steigen am Hausbahnsteig aus und ohne größere Schwierigkeiten ist auch schon der Mietwagen organisiert. Er wird uns direkt auf den Parkplatz vor dem Bahnhof gebracht. Nach knapp zwei Stunden Autofahrt erreichen wir das vollkommen verregnete Augustów und stellen vor Ort erst einmal fest, dass der so genannte "Bahnhof" ziemlich weit vom Ort entfernt liegt und regelrecht verwaist ist. Einmal mehr wird uns klar, wie dämlich wir geschaut hätten, wären wir hier mit unserem Gepäck aus dem Zug gestiegen, um dann irgendwo im 4 Kilometer entfernten Ort bei Regen die Einkäufe für eine Woche zu erledigen, bevor uns vielleicht ein Taxi ins Ferienhaus gebracht und dort möglicherweise am Samstag darauf rechtzeitig 5 Uhr morgens wieder abgeholt hätte.

Willkommen am Bahnhof Augustów - Welches Taxi möchten Sie?
Willkommen am Bahnhof Augustów - Welches Taxi möchten Sie?

Am nächsten Morgen haben wir es uns in dem traumhaften, aber nicht ganz günstigen Ferienhaus bereits gemütlich gemacht. Das Wetter ist auch besser, das Ruderboot seetüchtig.

Ganz in der Nähe unseres Dorfes, in Płocicznie, gibt es eine Waldbahn, mit der heute touristische Fahrten unternommen werden können. Wir machen uns vor Ort einen kleinen Eindruck, verzichten jedoch auf eine Mitfahrt.

Nach einem Tag Müßiggang beschließen wir am Dienstag einen Ausflug nach Ełk (Lyck). Mit im Auto haben wir selbstredend das Büchlein So zärtlich war Suleyken von Siegfried Lenz. In der Kurzgeschichte Eine Kleinbahn namens Popp wird auf ziemlich lustige und verständliche Weise die Geschichte der Lycker Kleinbahn beschrieben, mit welcher wir heute eine Fahrt ins nicht weit entfernte Sypitki unternehmen wollen. Am Bahnhof von Ełk kann man gut parken und erreicht durch einen Fußgängertunnel den auf der anderen Seite gelegenen Kleinbahnhof.

Die Kleinbahn fuhr bis 2001 noch im planmäßigen Personenverkehr. Heute gibt es im Sommer etwa drei- bis viermal pro Woche einen Museums- bzw. Ausflugsbetrieb bis nach Sypitki. Außerdem können in Ełk einige Fahrzeuge besichtigt werden. Wir erwerben unkompliziert die Fahrkarten und schnappen den armen Kindern noch zwei Plätze im offenen Aussichtswagen weg. Als die heutige Auslastung für das Zugpersonal deutlich wird, hängen sie kurz vor Abfahrt noch schnell einen Wagen ab.

Dann beginnt die Fahrt. Schnell sind die Industriegebiete von Ełk hinter uns und wir sind inmitten einer herrlichen Landschaft. Rehe, Greifvögel, Pferde und Kühe bieten eine ansprechende Abwechslung am Streckenrand. Ab und zu durchfahren wir noch ehemalige Haltepunkte und Bahnhöfe. Sogar eine Rotte Gleisarbeiter ist anwesend und mit Schrittgeschwindigkeit passieren wir die vorübergehende Langsamfahrstelle.

Gleisbauarbeiter sorgen für Sicherheit an der Strecke
Gleisbauarbeiter sorgen für Sicherheit an der Strecke

In einem Waldstück komm der Zug schließlich zum Halten. Wir sind nach einer Stunde Fahrt am Zielbahnhof Sypitki angekommen und ich träume davon, wie es wäre, wenn man hier einen kleinen Imbiss einnehmen könnte. Als wir aussteigen entdecken wir am Bahnsteig einen Tisch, dahinter eine junge Frau. In einem Tongefäß ist frisches Fett, es gibt Brot und Messer zum Bestreichen. Für eine kleine Spende kann man sich hier einfach bedienen. Wir sind begeistert.

Unmittelbar auf dem Bahnhofsgelände ist außerdem ein Lagerfeuer vorbereitet, Kinder und Eltern beginnen sofort, ihr mitgebrachtes Grillgut zu erwärmen. Wir beschließen, uns im Dorf ein wenig umzusehen. Außer vielen, vielen Störchen gibt es noch ein kleines Gemeindehaus, in welchem - extra für die Tagesgäste aus der Kleinbahn - zwei alte Damen aus dem Dorf Kaffee und selbstgebackenen Kuchen zum Unkostenpreis verkaufen. Im danebenliegenden "Souvenirladen" kann man im Ort hergestellte, handgemachte Andenken erwerben. Ich entscheide mich sofort für eine selbstgebastelte Zp-9-Scheibe. Keine Wurstbuden, kein Kommerz, keine Coca-Cola - hier ist alles noch wie in einer anderen Welt. Wir liegen auf einer Wiese, essen den Kuchen und lesen aus Siegfried Lenz. Jedem sei dieser Ausflug unbedingt ans Herz gelegt!

Nach anderthalb Stunden ist alles wieder vorbei. Die Lok hat umgesetzt, die Fahrgäste haben wieder Platz genommen, wir verlassen Sypitki und das kleine Dorf kehrt für zwei Tage wieder zur gewohnten Ruhe zurück.

Als wir wieder in pünktlich in Ełk ankommen, besteht noch die Möglichkeit, einige Fahrzeuge zu besichtigen. Die Erklärungen in den Waggons sind sogar in deutscher Sprache.

Ziemlich beeindruckt und glücklich verlassen wir die Lycker Kleinbahn wieder. Wer auch immer im Sommer in der Nähe ist, sollte dieses Erlebnis auf keinen Fall versäumen.

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