Juli 2017

Ein Urlaub erster Klasse

Wer später fährt, ist früher da!

4. Teil: Über Krakau und Lemberg zurück nach Hause

Einige Tage werden wir noch in unserem schönen Ferienhaus am See verbringen und dann sind wir endlich wieder auf Reisen. Mit einem Zwischenstopp in Krakau und ein paar Tagen bei unseren Freunden in Lemberg wollen wir die letzte Urlaubswoche genießen.

Mit dem Auto wieder nach Białystok, dann mit dem Zug über Krakau und Lemberg nach Mannheim
Mit dem Auto wieder nach Białystok, dann mit dem Zug über Krakau und Lemberg nach Mannheim

Nach der Ausfahrt mit der Kleinbahn namens Popp in Ełk (Lyck) haben wir noch Zeit und so entschließen wir uns, mit dem Auto weiter westlich bis nach Giżycko (Lötzen) zu fahren, das wir bereits bei der Anreise mit dem Zug kurz passiert hatten. Das schöne Wetter vom Picknick eben ist allerdings schlagartig vorbei, ein Gewitter zieht über den Masuren auf. Bei Starkregen retten wir uns in eine Gaststätte unmittelbar an der berühmten Drehbrücke und mit einem kleinen Rundgang durch den verregneten Badeort ist der Ausflug dann auch wieder beendet. Auf der Eisenbahnbrücke kann ich immerhin noch rasch einen Schnellzug mit GAMA und Taucherbrille ablichten.

In den folgenden Tagen stehen noch folgende Programmpunkte an: eine Rundfahrt mit dem Ausflugsschiff auf den Seen und Kanälen rund um Augustów und ein Foto von einem der wenigen Schnellzüge zu machen, die zwischen Białystok und Suwałki unterwegs sind. Beides gelingt uns.

Die von unserem Schiff genutzte Schleuse wird noch per Muskelkraft bedient. An Bord gibt es Musik, einen kleinen Kiosk und ein paar Erläuterungen in polnischer Sprache.

Auf der Rückfahrt zu unserem Ferienhaus legen wir uns dann noch fix nördlich des Bahnhofs von Augustów auf die Lauer, denn TLK 13112 HANCZA (Suwałki - Kraków) hat sich angekündigt. Auch wenn die Sonne kurz bevor der Zug um die Ecke kommt, verschwindet: ich bin mit der Aufnahme zufrieden.

Weil es so schön ist, gibt es für den geneigten Lese sogar noch einen sonst so verpönten Nachschuss zu sehen:

Zum Abschied begeben wir uns noch einmal mit unserem Ruderboot auf den See und lassen den Abend schließlich am Lagerfeuer im Garten ausklingen. Die letzte Nacht in den Masuren bricht an.

Sehr früh am Morgen fahren wir dann mit dem Mietwagen wieder zurück nach Białystok. Dort gibt es noch einmal die Gelegenheit, ein paar Eindrücke vom anlaufenden Eisenbahnbetrieb zu gewinnen. 

Der 1. Klasse-Wagen ist wunderbar alt, die Fenster lassen sich öffnen, die Sitze sind sehr bequem und es gibt Kaffee. Nur die schnurgerade Strecke nach Warschau ist ein wenig fad.

Der Einfahrt in die Bahnhöfe der polnischen Hauptstadt möchte ich besondere Aufmerksamkeit widmen, da sie Dank des offenen Fensters, der kleinen Skyline und des guten Wetters wahrhaftig ein Erlebnis darstellt.          

Ein Blick in die einschlägigen Auskunftsmedien offenbar übrigens schnell: auch heute hat es unser Anschlusszug nicht geschafft, einigermaßen rechtzeitig für uns bereit zu stehen. Enttäuscht über derartiges Verhalten pilgern wir - inzwischen gut geübt - zum Kundenzentrum von PKP IC und ziehen unsere Nummer. Erstaunlich schnell sind wir diesmal dran. Nach kurzem Gespräch wird uns mittels einiger Ausdrucke und Stempel gestattet, den pünktlichen (und wesentlich schnelleren) Express-Intercity Premium für die Fahrt nach Krakau zu benutzen. Jedoch in der 2. Wagenklasse, denn - so verdeutlicht man uns nachdrücklich - es handelt sich ja um einen höherwertigen Zug, als ursprünglich von uns gebucht. Also gut, dann nix wie rein in den Pendolino und es gibt es zweite Chance für die Speisewagenfreunde von WARS. Diesmal ist alles zu unserer Zufriedenheit.

So kommt es erneut zu der kuriosen Situation, dass wir trotz massiver Verspätung unserer Züge wesentlich früher das Ziel erreichen. Als wir in der Altstadt von Krakau bereits beim Bier sitzen, ist unser eigentlicher Zug noch unterwegs. Wer später fährt, ist eben früher da!

Zu Krakau selbst kann man fast nicht mehr sagen als: fahren Sie hin! Es ist eine wunderschöne Stadt mit tollen Kneipen und Straßenzügen. Man sitzt abseits des Trubels bei einem kalten Bierchen und beobachtet die Menschen: unbezahlbar.

Für die kurze Nacht in Krakau haben wir uns für ein sehr sehr sehr preisgünstiges Hotel einer namhaften Kette in unmittelbarer Bahnhofsnähe entschieden. Ich bin begeistert, denn vom Zimmer aus hat der Eisenbahnfreund einen sehr guten Überblick auf das Betriebsgeschehen. Sowohl am Nachmittag, als auch am frühen Morgen.

Zu recht unchristlicher Uhrzeit, nämlich halb sechs in der Früh, sind wir erneut am Bahnsteig verabredet. Der Schnellzug von Świnoujście nach Przemyśl in Gestalt des TLK 83194 PRZEMYSLANIN  bringt in Schlaf-, Liege- und Sitzwagen Urlauber von der Ostseeküste zurück ins südöstliche Polen und ist derzeit der einzige TLK-Zug mit Speisewagen (sonst nur noch IC-Zügen vorbehalten).

Sofort nach Abfahrt eile ich in das benachbarte Zugrestaurant, das ausgesprochen gut besucht ist. Mancher nippt am ersten Kaffee, andere sind beim letzten nächtlichen Bier aus Versehen eingeschlafen. Ich bestelle alles, was die Frühstückskarte hergibt und nehme das Angebot an, wieder im Abteil Platz zu nehmen. Ein paar Minuten später ist das Frühstück da: fantastisch!

Diese Zugfahrt ist wirklich wunderbar und das frühe Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es ist wenig los, die Geschwindigkeit gemütlich, das Sehenswerte entlang der Strecke beschränkt sich - und das macht gar nichts! - fast nur auf Eisenbahn.

Nach der Ankunft Przemyśl am Vormittag folgen die nächsten Überraschungen: wir haben hier einige Stunden Aufenthalt und hätten niemals daran gedacht, eine so schöne und sehenswerte Stadt vorzufinden. Es beginnt bereits mit dem Bahnhof.

Ein Spaziergang durch die Altstadt lässt sehenswerte Architektur zutage treten. Des weiteren gibt auch gelungene moderne Bauten, zum Beispiel das Nationalmuseum. Und vom Schlossberg aus hat man einen sehr schönen Blick auf die Stadt.

Blick vom Schlossberg auf Przemyśl und das Karpatenvorland
Blick vom Schlossberg auf Przemyśl und das Karpatenvorland

Interessant ist auch ein Sessellift, welcher zur Festung Przemyśl hinaufführt. Nachdem wir ein paar Minuten um die Anlage geschlichen sind, treffen wir auf einen Mann, der uns erklärt, dass die Bahn leider nur im Winter in Betrieb ist.

Wir beschließen den Stadtrundgang mit einem leckeren Bier und Straßenmusik. Wenn Sie irgendwann in Przemyśl vorbeikommen, legen Sie hier einen kleinen Halt ein!

Am Nachmittag sind wir rechtzeitig am Bahnhof. Mein achter Ukraine-Besuch steht an und der erste meiner Freundin. Bislang reiste ich stets im nostalgischen ukrainischen Schlafwagen ein, aber diesmal haben wir uns für den neuen Tageszug entschieden. Der Intercity+ kommt aus Kiew und fährt nach einer Stunde Aufenthalt über Lemberg wieder dorthin zurück. Der moderne Triebzug der Firma Hyundai fährt in das eingezäunte Breitspurgleis des Bahnofs ein, wo zumindest früher auch Pass- und Zollkontrollen stattgefunden haben. Was wir nun erleben, stellt alle bisherigen Ukraine-Reisen in den Schatten. Gab es früher im einzigen Direktzug hier ein gutes Dutzend Reisende, sind nun - nach Aufhebung der Visa-Pflicht für Ukrainer - alle Dämme gebrochen. Mehrere Hundert Menschen sind aus Kiew und anderen Teilen der Ukraine mit dem Zug angekommen und schleppen ihr Gepäck runter, rüber, hoch, wieder runter und wieder hoch, um dann ihre Reise fortzusetzen. Ebenso viele Reisende stehen mit uns bereit, um in der Gegenrichtung im Zug Platz zu nehmen. 

Man kann Fotos machen, den Bahnsteig einfach so betreten, die Zoll- und Passkontrolle findet während der Fahrt im Zug statt (die Beamten fahren bis Lemberg mit) und ist in wenigen Minuten erledigt, hat nichts mehr mit den Genauigkeiten von früher zu tun. Einzig die Toiletten des Zuges sind während des Prozederes abgeschlossen und auch ein (sehr!) kleiner "Spürhund" wird unangeleint einmal durch den Zug gejagt. Dann sind wir schon in Lemberg.

Ankunft in Lviv (Lemberg)
Ankunft in Lviv (Lemberg)

Zu Lemberg habe ich ja in zahlreichen Berichten schon einiges geschrieben. Dennoch werde ich auch diesmal nicht müde, für einen Besuch in der westukrainischen Stadt zu werben. Daher sollen die folgenden Bilder noch einmal ein wenig Appetit machen.

Natürlich besuchen wir auch diesmal wieder den bekannten Lytschakiwski-Friedhof. Bei dieser Gelegenheit möchte ich meiner Freundin das schlimmste Stück Lemberger Straßenbahngleis zeigen, doch da kommen wir zu spät: die Straße wird samt Schienen gerade instand gesetzt.

Wir trinken und essen uns in den vier Tagen durch sehr viele der thematischen Restaurants. Ein Höhepunkt ist jedoch erneut am letzten Abend der Besuch der jüdischen Kneipe, die keine Preise kennt, vielmehr wird am Schluss mit dem Kellner um die Rechnung gefeilscht. Ein absolutes Muss für jeden Lemberg-Besuch!

Wir haben ein Freilichtmuseum besucht und dort gepicknickt, den Hohen Schlossberg bestiegen und waren im Partisanenkeller, man nach dem Aufsagen einer Parole am Eingang einen Schnaps ausgeschenkt bekommt. Außerdem wurden wir im Café Sacher-Masoch ordentlich ausgepeitscht. Jetzt ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen. Der Schnellzug aus Odessa trifft wie immer pünktlich kurz vor zehn am Morgen in Lemberg ein und wir machen es uns im Abteil gemütlich. Die Fahrt durch die Karpaten ist mit das Schönste, was man mit der Eisenbahn derzeit noch erleben kann.

Hauptbahnhof Lemberg: für Sauberkeit wird permanent Sorge getragen.
Hauptbahnhof Lemberg: für Sauberkeit wird permanent Sorge getragen.

Wir erreichen Chop ein wenig verspätet, weil wir an der großen Tunnelbaustelle inmitten der Karpaten einige Züge abwarten mussten. So reicht es leider nicht für eine Pizza, wohl aber zum Fahrkartenkauf und der Feststellung, dass die sozialistischen Wandgemälde in der Bahnhofshalle seit neuestem verhüllt sind. Die Passkontrolle auf ukrainischer Seite ist binnen Sekunden erledigt. Im Ein-Wagen-Zug nach Cierna, der in diesem Jahr nicht mehr aus einem unklimatisierten, deklassierten 1. Klasse-Wagen, sondern einem nicht minder verlotterten 2. Klasse-Großraumwagen mit zu öffnenenden Fenstern besteht, sind wir mal wieder die einzigen Fahrgäste. Hinzu kommen dann freilich noch die Reisenden der beiden Kursschlafwagen Kiew - Prag bzw. Kiew - Bratislava. 

Der slowakische Grenzschutz nutzt die Standzeit in der Pampa mal wieder für Schulungen. Waren im letzten Jahr Neulinge mit Leitern und Schraubenziehern im Wagen zu Gange, wird es diesmal noch spektakulärer. Zwei deutsche Schäferhunde dürfen in unserem Wagen zuvor durch die Beamten versteckte Zigarettenschachteln aufspüren - und sie tun das mit Erfolg. Nach nur einer guten Stunde Fahrt- und Standzeit erreichen wir das nicht einmal zehn Kilometer entfernte Cierna nad Tisou, wo wir in den Personenzug nach Košice umsteigen, während die verwöhnten Schlafwagengäste mittels Rangierlok an den gleichen Zug umgesetzt werden.

Die abendliche Fahrt in den Sonnenuntergang im Abteilwagen ist ein weiteres empfehlenswertes Erlebnis. Weit weg sind Klimaanlagen, lästige Durchsagen und Mobilfunkverstärker. So schön kann Zugfahren sein.

In Košice angekommen bleibt noch etwas Zeit, um im legendären Bahnhofsrestaurant PANORAMA einen kleinen Imbiss zu nehmen und die Wartezeit bis zur Abfahrt des Nachtzuges nach Prag zu überbrücken. Ein Muss ist hierbei auch der Toilettenbesuch.

Die vielleicht schönste Überraschung der Reise gibt es dann bei der Einfahrt des EuroNight BOHEMIA. Der Schlafwagen, der uns über Prag bis nach Pilsen bringen wird, ist ein so genannter alter Görlitzer. Das bedeutet: Fenster auf die ganze Nacht und noch einmal den Charme des Reisens von einst spüren. Ich bin glücklich.

In Prag müssen alle Fahrgäste aussteigen, bis auf jene freilich, die wie wir den Kurswagen nach Cheb (Eger) gewählt haben. Dieser wird flugs an den Schnellzug rangiert und dann können wir weiter fahren. Die Strecke nach Pilsen entlang der Berounka ist übrigens ausgesprochen malerisch. Kurz vor unserem Zielbahnhof ziehen wir noch an einem VT 628 von GW Train vorbei.

Die Stadt Pilsen, die wir zum ersten Mal besuchen, überzeugt sofort durch die einladende Atmosphäre, hübsch angelegte Parks und prachtvolle Gebäude. Nach dem Frühstück an einem kleinen See besuchen wir noch die sehr gut erhaltene Synagoge, in der sich zudem derzeit eine Ausstellung der besten tschechischen Pressefotos befindet. Dann gibt es noch Klischee-Mampf (Gulasch und Knödel).

Pilsen
Pilsen

Der im Jugendstil erbaute Hauptbahnhof ist für sich bereits eine Attraktion. Im Vorfeld wird derweil noch kräftig gebaut.

Und schon ist der Urlaub vorbei. Nach fast drei Wochen und vielen Tausend Kilometern Zugfahrt fahren wir über Cheb, Nürnberg und Frankfurt mit schlanken Anschlüssen, aber dennoch pünktlich, wieder erstklassig nach Hause. Eine wunderbare Reise findet bei Weißbier und Eintopf im ICE ihr mehr als zufriedenstellendes Ende.

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