September 2015
Um der Hochzeit eines sehr guten Freundes beizuwohnen, wird es mich einmal mehr in die Ukraine verschlagen. Von der Familie Abschied nehmend steige ich in Dresden Hauptbahnhof in den EuroCity Richtung Prag. Die Wagen sind durchgehend frisch modernisiert und obwohl ich Großraumwagen eigentlich nicht besonders mag, ist diese Fahrt recht angenehm. Schnell lassen wir das liebliche Elbtal der Sächsischen Schweiz hinter uns und nach einer Stunde Fahrt verlasse ich den Zug in Usti n.l. schon wieder. Nun geht es zum Abendessen im legendären Gasthaus "Na rychte" - nicht ohne zuvor noch ein paar Fotos am Bahnhof zu schießen. Mein Gepäck muss ich mitnehmen, da der Versuch scheitert, die tschechischen Schließfächer mit Zahlencode ordnungsgemäß zu bedienen.
Im Gasthaus bestelle ich mir Rinderrippen mit Brot und Meerrettich und dazu einige Biere der hauseigenen Brauerei. Wunderbar. So gestärkt kann ich nun zum Bahnhof zurückkehren, wo noch ein paar Züge auf ihre Dokumentation warten.
Schließlich fährt auch schon mein Zug ein. Es handelt sich um einen Rychlik von Cheb nach Prag mit einem Kursschlafwagen nach Košice. Es ist der traurige Rest des im vergangenen Jahr eingestellten, legendären EXCELSIOR, welcher Cheb mit der Slowakei als eigenständiger Direktzug verbunden hatte. Nun ist immerhin ein Wagendurchlauf noch erhalten geblieben. Die freundliche Schlafwagenschaffnerin teilt mir zu meiner Freude mit, dass ich trotz gebuchter Zweier-Belegung heute Nacht allein bleiben werde. Darauf ein weiteres Bier!
In Prag wird mein Schlafwagen vor den Stammzug ins slowakische Humenné rangiert und nach einem kurzem Aufenthalt setzt sich der
ganze Tross, einschließlich der Kurswagen nach Warschau, wieder in Bewegung und ich schlafe ein. Als ich am frühen Morgen aufwache und mich irgendwo in der Hohen Tatra wähne, gibt es eine böse
Überraschung. Wir sind noch immer in Tschechien. Am Grenzbahnhof Čadca kann ich dann feststellen, dass die Zugzielanzeiger auch in der Lage sind, dreistellige Verspätungsminuten abzubilden. Wir
sind 130 Minuten hinter der Zeit. Das habe selbst ich noch nicht erlebt.
Bis zu meinem Zwischenziel Košice summiert sich die Verspätung auf sagenhafte zwei Stunden und 40 Minuten. Das ist aber nicht all
zu schlimm, denn ich habe noch genügend Puffer bis zu meinem nächsten Zug an die slowakisch-ukrainische Grenze und daher ist sogar noch ein Kaffee vor dem immer noch im Umbau befindlichen
Empfangsgebäude drin. Und Fotos vom Betriebsgeschehen.
Guter Dinge steige ich in den Nahverkehrszug nach Čierna nad Tisou. Er besteht nicht, wie in den Jahren zuvor, aus einem alten und klapprigen Triebzug oder einem Doppelstockzug, sondern aus soeben rundheraus modernisierten Großraumwagen, die aber einen guten und bequemen Eindruck machen. In dem slowakischen Grenzort angekommen, bleibt auch noch Zeit, um ein paar Züge abzulichten. Allerdings hätte sich an meinem Zug hierher eigentlich ein Kurswagen aus Bratislava nach Kiew befinden müssen. Leicht skeptisch hatte ich sein Fehlen bereits zur Kenntnis genommen. Diese Tatsache sollte mir noch einigen Ärger einbringen.
Und tatsächlich: da mein nächster Zug ins ukrainische Chop nur zweimal am Tag verkehrt, müssen wir auf den verspäteten Kurswagen
aus Bratislava warten, denn dieser soll dann mit uns weiterfahren. Zwei Stunden mehr Zeit also und nur noch wenig Übergangszeit in Chop auf den Abendzug nach Lviv. Das Bangen beginnt. Mit 135
Minuten Verspätung kommt der Kurswagen endlich an, wird an meinen Ein-Wagen-Zug angekuppelt und dann können wir endlich abfahren.
Der Zug stoppt im Niemandsland und es beginnt die gründliche Grenzkontrolle der Slowaken. Nach einer gefühlten Unendlichkeit
tuckern wir endlich weiter in die Ukraine und als wir in Chop am Bahnsteig stehen, habe ich noch 4 Minuten Umsteigezeit, aber die ukrainische Grenzkontrolle noch vor mir. Beherzt renne ich in das
Gebäude, der Stempel ist schnell im Pass, aber dann möchte man mein Gepäck inspizieren. Ich erkläre, dass ich zu einer Hochzeit muss und noch zwei Minuten Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges habe.
Die Zollbeamtin lächelt und sagt: "Lauf!" - ich danke mit "Slava Ukrayini!" und springe in der letzten Sekunde in den Zug nach Lemberg. Geschafft! Im Abteil empfangen mich Alex, ein Seemann aus
Odessa und seine Frau, die die ukrainische Ausgabe von "Germanys next Topmodel" produziert. Es entsteht ein wunderbares Gespräch und bei einem Tee fahren wir in den Abend hinein, durch die
Karpaten und erreichen Lemberg vor Plan kurz nach Mitternacht.
Mein sechstägiger Aufenthalt in Lemberg anlässlich der Hochzeit soll nicht Gegenstand dieses Berichtes sein. Dennoch möchte ich
die folgenden Aufnahmen als kleinen Nachweis einer schönen Zeit dort gern beifügen.
Wie immer verging die Zeit viel zu schnell und mein sechster Ukraine-Besuch neigt sich dem Ende. Also heißt es am Hauptbahnhof von
Lemberg am frühen Morgen Abschied nehmen von den Freunden, der Stadt mit ihren tollen Kneipen, den schönen Mädchen. Im Zug lerne ich ein älteres Ehepaar kennen, die mich freundlich mit
Leberwurstbroten und Äpfeln versorgen. Irgendwann läuft ein Kellner durch den Waggon, er trägt ein lecker aussehendes Gericht auf dem Tablett. Ich kann es kaum glauben, aber es stellt sich
heraus, dass der Zug einen ukrainischen Halbspeisewagen führt. Ich zöger nicht lange und statte ihm einen Besuch ab. Der Koch bereitet mir binnen 20 Minuten ein hervorragendes Schaschlik mit
Salat und Bratkartoffeln zu, ein Bier rundet alles ab. Im sozialistischen Charme des Speisewagens bin ich nun vollends glücklich. Wir durchfahren die sonnigen Karpaten und alles ist
gut.
Satt und sehr zufrieden steige ich in Chop aus und habe nun drei Stunden Warten in der Bahnhofshalle vor mir. Eine gute
Gelegenheit, der tüchtigen Putzfrau bei der Arbeit zuzugucken.
Dann fährt endlich mein Zug in Richtung Slowakei ein, heute bin ich der einzige Reisende. Die Grenzbeamten sind entsprechend gut
aufgelegt, alles verläuft sehr freundlich und zügig. Statt des schäbigen 2. Klasse-Wagens der vergangenen Jahre gibt es auf dieser Relation übrigens mittlerweile einen schäbigen, deklassierten 1.
Klasse-Wagen. Sonst hat sich nicht viel verändert.
In Čierna nad Tisou, wo einst letzte Gespräche im Vorfeld des Prager Frühlings scheiterten, bietet sich mir eine herrliche Abendstimmung, die ich nicht auslassen kann, fotografisch umzusetzen. Glücklicherweise bereichert sogar eine slowakische Brotbüchse die Szenerie.
In Košice angekommen, gönne ich mir im Panorma-Restaurant im 2. Stock des Empfangsgebäudes noch ein leckeres Essen sowie zwei kalte Biere. Dann wird es Zeit, den Schlafwagen zu betreten. Ich teile mir das Abteil mit einem sehr netten Mann aus Prag und wir haben uns noch einiges zu erzählen, bevor wir einschlafen. Pünktlich auf die Minute erreichen wir am nächsten Morgen ausgeschlafen die tschechische Hauptstadt
Auch hier ist nach einem kleinen Frühstück noch ausreichend Zeit, die betrieblichen Abläufe zu beobachten und einige Zugfahrten zu
dokumentieren.
Als mein EuroCity nach Dresden einfährt, kann ich es mir nicht nehmen lassen, sofort den tschechischen Speisewagen zu betreten.
Ich werde mit einer Gulaschsuppe sowie Lendenbraten und Knödeln verwöhnt, dazu wird reichlich Bier gereicht. In dem voll besetzten Waggon mit vielen internationalen Gästen und herrlichen
Gesprächen lasse ich so meine Reise optimal ausklingen und kehre pünktlich zurück nach Hause.
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Frank (Dienstag, 06 Oktober 2015 21:49)
Ein schöner Bericht einer aufregenden Reise... Super!