Mai 2012

Gemütlich an den Bosporus

Mit Zug und Schiff nach Istanbul

Von Dresden über Prag, Kattowitz und Odessa in die Türkei

Nachdem schnell klar war, dass der direkte Weg per Zug nach Istanbul in diesem Jahr wegen Bauarbeiten zwischen Kapikule und Istanbul nur mit dem Bus des Schienenersatzverkehrs möglich war, machten mein Vater und ich uns auf die Suche nach einer Alternative, angemessen die Stadt am Bosporus zu erreichen. Und so fanden wir die Möglichkeit, mit einem Frachtschiff von Odessa aus das ehemalige Konstantinopel anzusteuern (Details weiter unten im Text). Bis Odessa wählten wir selbstverständlich den Zug als Verkehrsmittel.

Route

Mit dem EC ging es standesgemäß und erstaunlicherweise im Bimz (ex-IR-Wagen) von Dresden nach Prag, dort war Zeit für 2 kühle Bier in einer Kneipe in unmittelbarer Bahnhofsnähe, bevor um 21:54 EN 445 nach Moskau bereitgestellt wurde, den wir im Schlafwagen (Kurswagen nach Minsk) bis Kattowitz zur Nachtruhe nutzten. Der weißrussische Schlafwagen war ausgesprochen sauber, die Schlafwagenschaffnerin freundlich und die Nacht ruhig und friedlich. 

Pünktlich um 05:49 Uhr erreichten wir Kattowitz, wo wir als einzige Fahrgäste den Zug verließen. Nun hatten wir vier Stunden Zeit, besichtigten die Stadt und frühstückten. Der Bahnhof Kattowitz befindet sich mittlerweile mitten im Umbau, so dass dort selbst ein wenig das Chaos regiert, aber die Stadt an sich ist zwar nicht sonderlich hübsch, hat aber dennoch nette Ecken, so zum Beispiel einladende Fußgängerzonen und mindestens sechs unterschiedliche Baureihen von Straßenbahnen. 

Kattowitz

Um 10:27 Uhr - nein, mit 30 Minuten Verspätung, fuhr TLK 51(52) nach Przemyśl ein, einschließlich drei Kurswagen nach Kiew. In einem neuerlichen Schlafwagenabteil (nun der polnischen Bahn), welchem dem weißrussischen Wagen in nichts nachstand (außer das die Tischdecke fehlte) nahmen wir Platz. 

Zug nach Przemyśl

Den ganzen Tag über ging es nun mit atemberaubend langsamem Tempo durch Polen gen Osten und gegen 18 Uhr erreichten wir pünktlich den Grenzbahnhof Przemyśl, wo unsere drei Wagen abgehangen und mit einer Rangierlok zum Umspuren geschoben wurden. Dieser Vorgang, an dem mindestens 15 Mitarbeiter beteiligt waren, dauerte etwa eine Stunde und aus dem Fenster des Abteils war genügen Gelegenheit, alles fotografisch festzuhalten. 

Dann wurden wir in eine Stumpfgleis geschoben, nun mit Breitspur unterm Wagen und vom polnischen Zoll kurz kontrolliert (Pässe). Hier fehlte es weder an Freundlichkeit, noch war irgendwo etwas von den (in anderen Reiseberichten) angekündigten Schmugglern zu sehen. Drei Minuten vor Plan (20 Uhr) setzte sich unser kurzer Zug Richtung Ukraine in Bewegung. Nach einiger Zeit hielten wir mitten in der Natur, die polnischen Grenzer stiegen aus und verschwanden mit einem bereitstehenden Kleinbus. Es folgte eine ziemlich langsame Fahrt durch einen kameraüberwachten Abschnitt Pampa, bis wir einen Radioaktiv-Radar durchfuhren und der Zug erneut hielt, diesmal am ukrainischen Grenzbahnhof Mostiska 2. Hier wurde der Zug mehr oder weniger auseinandergenommen (Akkuschrauber), die Pässe eingesammelt und später wieder ausgeteilt, die Koffer durchgesehen und das Abteil mit Hunden durchsucht. Fast niemand sprach englisch, alle männlichen Zöllner trugen auffällig große Hüte und die Zöllnerinnen waren allesamt schlank, jung, blond und hochhackig beschuht aber leider sehr strengen Blickes. Pünktlich 22:50 war die ganze Aktion erledigt und wir setzten die Fahrt fort. 

In der Nacht erreichte der Zug Lemberg, wo wir von einer Rangierlok an einen anderen (ukrainischen) Nachtzug angekuppelt wurden und so nun deutlich verlängert weiterfuhren. Ein recht interessantes Bild waren dabei unsere kleineren polnischen Wagen im Vergleich zu den größeren ukrainischen, ein bisschen wie TT an H0 :-) Um 04:34 Uhr mussten wir in Chmelnik planmäßig aus- und damit umsteigen, die Wartezeit verging wie im Flug, denn trotz der recht kleinen Stadt besitzt diese doch eine recht ausgeprägte Bahnhofsinfrastruktur (am frühen Morgen) mit geöffneten Imbissständen, Läden, Fahrkartenschaltern, einer Bar, einer Wechselstube und vieler merkwürdiger Menschen, die einem ständig eine Taxifahrt anboten. Vor dem Bahnhof viele alte Kleinbusse, kein Asphalt und sehr viele streunende Hunde. Also schnell weiter! 06:01 fuhr der (Nacht-)zug nach Odessa ein, den wir nun bis zum frühen Nachmittag benutzten würden.

So platzten wir in unser 4er-Liegeabteil, in dem ein junges Pärchen noch friedlich schlief und setzten uns still und leise dazu und schwiegen, bis es erwachte. Die vorbeiziehende Landschaft war unspektakulär, der Wagen ebenso alt, wie niedlich (Gardinen an den Fenstern, Kohleofen beim Schlafwagenschaffner) und die Mitreisenden ruhig und friedlich. Pünktlich 13:33 Uhr fuhren wir in den wunderschönen Kopfbahnhof von Odessa ein und verließen mit gefühlt mehreren Tausend Menschen den Zug, der Bahnsteig war nicht zu sehen vor Leuten. 

Odessa selbst machte einen wunderbaren Eindruck, es war warm, sehr sauber, viel moderner als erwartet, die Menschen freundlich, die Mädchen wunderwunderschön, das Essen lecker, das Bier günstig - kurzum: es macht Lust auf ein Wiedersehen. Nun holten wir noch schnell die Tickets fürs Schiff im Büro der Reederei ab und bezogen für eine Nacht ein schickes Hotel.

Odessa

Nach Frühstück und Stadtrundgang ging es mit einem Kleinbus-Shuttle (von der Reederei kostenlos bereitgestellt) mit 3 anderen Mitreisenden zum Hafen nach Illyichevsk, wo wir nach einer weiteren Zollkontrolle (ähnlich der im Zug) schließlich die MS Seapartner betreten konnten, wo wir 24 Stunden in einer Doppel-Außenkabine zusammen nur mit etwa 12 Fernfahrern das ganze Schiff quasi für uns hatten. Die Verpflegung war bestens, der Kaffee kostenlos, die Nacht auf dem Schwarzen Meer sternenklar und die Einfahrt in den Bosporus am nächsten Mittag ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

Zum Abschluss des Berichtes möchte ich noch ein paar Bilder vom Besuch der beiden großen Bahnhöfe Istanbuls zeigen. Zum einen der Bahnhof Sirkeci, an dem einst der Orientexpress endete. 

Straßenbahn in Istanbul

Und zum anderen auf der asiatischen Seite der Bahnhof Haydarpasa, der ebenfalls demnächst geschlossen wird.

Bahnhof Haydarpasa

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