März 2015

Karlsbader Runde

Ein Tag in der guten alten Zeit

Von Dresden über Teplice und Karlovy Vary nach Zwickau

Nur wenige Wochen nach meinem letzten Böhmen-Ausflug nach Moldava zog es mich erneut ins deutsch-tschechische Grenzgebiet. Mit dabei war diesmal eine zur Zeit körperlich beeinträchtigte Reisebegleitung. Auf Grund eines Skiunfalls schleppte sie sich in Krücken durch den Tag, was dem Spaß aber keinen Abbruch tat, wenn man davon absieht, dass wir zu Fuß sehr, sehr langsam waren. In Vorfreude auf den Tag und in ehrfürchtiger Anbetung des NEO Magazin Royale ersuchten auch wir einen Hashtag der Woche bzw. des Tages und erkoren #knödelinklusion zu unserem heutigen Motto. Die Planung sah eine saubere Rundfahrt vor, wie ein Blick auf die Übersichtskarte zeigt:

Reiseroute

Treff- und Ausgangspunkt der kleinen Ausfahrt ist mal wieder der Bahnhof Dresden-Neustadt. Im Gegensatz zu meiner letzten Tour allein ("Lokalbahn, Moldau, Sessellift") können wir in der mit Pendlern voll besetzten S-Bahn diesmal die Gebrechlichen-Karte ausspielen und wir beide haben somit schon vor Pirna einen Sitzplatz. Danach wird es - wie beim letzten Mal auch schon - ziemlich leer im Zug. Wir sind mit dem Sachsen-Böhmen-Ticket unterwegs, welches unter der Woche eigentlich erst ab 9 Uhr gilt, in der S-Bahn Richtung Schöna und der RB nach Děčín jedoch auch schon davor. In Bad Schandau haben wir eine gute halbe Stunde Zeit und ich halte zunächst einmal den wenig einladenden Rohbeton im Bilde fest:

Von besorgten MItreisenden werden wir beinahe genötigt, den Aufzug zu benutzen und ernten mehrfaches Kopfschütteln, als wir es nicht tun. Dann gehts hinein ins Warme, der "Nationalparkbahnhof" (in diesem Landkreis mit der eindeutigen Betonung auf "national") hat seine Türen bereits geöffnet, dass darin befindliche, nachhaltige Café jedoch leider nicht. Ein Plakat wirbt mit einer so genannten Glühwein-Flatrate. Ich aber schmöker ein wenig im Kleingedruckten des VVO, trinke mein selbstmitgebrachtes Heißgetränk mit Kaffeegeschmack und eruiere den Sinn eines Pissoirs im Windfang.

NATIONALparkbahnhof

Schnell ist die Wartezeit um und draußen fährt schon die Regionalbahn nach Děčín ein. Der Desiro ist sehr gut besetzt und ab dem Frühjahr wird er durch die S-Bahn aus Dresden auch wieder besser angebunden, so dass er wohl noch mehr Fahrgäste wird transportieren dürfen.

Entgegen der Prognosen meiner reudigen App sieht die Wetterlage draußen in der realen Welt gar nicht so schlecht aus, Zeit für einen ersten Bissen ins Brot, bevor die Krückenfrau und ihre heutige Begleitperson schon wieder umsteigen müssen: Děčín. Es bietet sich erneut die Gelegenheit für einen Unterführungsschnappschuss, diesmal inklusive unfreiwilliger Rammstein-Rentner.

Rammsteinrentner

Am Hausbahnsteig fährt bahnsteigwendend der schmucke RegioPanther der České dráhy ein, welcher durch einen modernen und sauberen Innenraum, großen Gepäckablagen und kostenlosem W-LAN besticht. Wir fühlen uns sofort wohl und ich kann einen ersten Tweet mit unserer Tagesraute absetzen. Was für ein Schwachsinn!

Die nun folgende Strecke ist für mich #neuland, daher ist das Interesse am Hinausgucken groß und die paar Minuten bis zu unsererm nächsten Umstiegspunkt vergehen schnell. Ich kann gerade noch dem Badezimmer des Panthers einen kurzen Besuch abstatten und schon heißt es wieder Krücken anlegen und aussteigen. Wir sind in Teplice v Čechách, dem ältesten Heilbad Böhmens. Der Bahnhof und insbesondere sein Empfangsgebäude sind eine Augenweide vergangener Zeiten, der äußere Zustand des Bauwerkes ist leider erbärmlich.

Teplice v Čechách
Empfangsgebäude

Während meine zeitweilig gehbehinderte Mitfahrerin von anderen Reisenden nach dem Preis für ihre Prothese befragt wird und anschließend die Bahnhofstoilette besucht und dabei - mangels Landeswährung - in Krücken die Zeche prellt, sehe ich mich noch ein bisschen mehr im näheren Umfeld um, unter anderem am vor sich hin rostenden Busbahnhof.

Typisch tschechisch - das ist für jeden sicher etwas anderes. Für mich aber sind es zum Beispiel diese gelben Metallstangen, die vierlerorts Verwendung finden - an Bushaltestellen, Geländern und Wegweisern. Einfach nur schön!

Schöne Stangen

Im Kiosk kaufe ich uns zwei Dosen Bier für die bevorstehende Fahrt nach Karlovy Vary. Auf dem Bahnsteig gibt es ein Wiedersehen. Mit meiner Mitfahrerin, mit einer Regionova und mit der deutschen Sprache. Letztere an einem Gebäude mit aus dem Dach wachsenden Schornstein, gleich gegenüber vom Bahnhof.

Teplice, Bahnhof

Dann: Ansage für den einfahrenden Rychlik 612 aus Praha zur Weiterfahrt nach Cheb - in drei Sprachen (tschechisch, englisch, deutsch) - schöne Grüße nach Dresden Hbf, sag ich mal! Wir öffnen erst die Tür unseres Abteils und dann unsere erworbenen Dosen. Die Fahrt geht vorbei an der kargen, aber interessanten Tagebaulandschaft des Nordböhmischen Beckens, auf dem Erzegbirgskamm ist noch immer Schnee zu sehen, im Bahnhof Most werden aus dem Gepäckwagen noch Pakete abgeladen - es gibt sie noch, die gute alte Zeit.

Nachdem der letzte Tagebau hinter uns liegt, verlegt sich die Fahrt ins nun einigermaßen enge Tal der Eger. Die Landschaft wird lieblich, mancher Sonnenstrahl sichtbar und ich stehe des öfteren im Gang am Fenster und genieße die Eisenbahnfahrt. Es folgt ein kleines Nickerchen und schon sind wir in Karlsbad, also schnell raus. Der Bahnof überbietet Teplice fast noch: kleine Kioske säumen den Bahnsteig, überall sieht es aus wie früher. Heruntergekommen, aber schön. Zeitgemäß und einer Kurstadt würdig sicher nicht, für mich aber ein Erlebnis, insbesondere natürlich die Zugzielanzeiger und Beschilderungen, der Fahrkartenschalter.

abgestellte E-Loks
Fahrkartenschalter Karlsbad

Wir haben nur eine Stunde Zeit, von welcher wegen des vielen Fotografierens schon wieder ein Drittel rum ist und beschließen, ganz gemütlich (anders geht es ja nicht) zum unteren Bahnhof zu humpeln. Am Becherplatz bleibt kaum mehr Zeit, als für ein Tourifoto vor der Becherovka-Flasche.

Wir gelangen durch einen antiken Fußgängertunnel wieder auf die andere Straßenseite, ich schiebe das Dickicht der Hecke ein wenig beiseite und ein Traum wird wahr: da steht er - unser Zug und tatsächlich lokbespannt. Mit einem Transistor (Baureihe 742). Yieee-haaaa!

im Dickicht noch kaum zu sehen: der Transistor

Im Asiaimbiss des Unteren Bahnhofs von Karlovy Vary versorgen wir uns noch mit Bier und Sandwiches für den kommenden Streckenabschnitt. Das Empfangsgebäude mutet merkwürdig, ja geradezu bizarr an, eine Mischung aus dem Bahnhof Flughafen Berlin Schönefeld und Ellrich. Aber wieder mit tollen Zugzielanzeigern und natürlich dem Stargast des Tages - unserem Zug. Nur noch dieser und einer am Morgen und das alles nur werktags sind auf der Strecke nach Johanngeorgenstadt in dieser Form verblieben, der Rest wird mittlerweile von Triebwagen abgewickelt.

Dann setzt sich Os 17108 in Karlovy Vary dolni auch schon in Bewegung. In einer großzügigen Schleife fahren wir wieder zurück zum oberen Bahnhof, in dem ich die Zukunft digital festhalten kann, einen RegioShark.

Haifisch in Karlsbad

Das Bier schmeckt, der Transistor riecht hervorragend durch eines der geöffneten Fenster und auf dem vorbeiziehenden Waldboden ist der erste Schnee zu sehen. Es ruckelt und schaukelt, riecht nach Diesel, dann und wann trötet unsere Zuglok freudig vor sich hin, die Welt scheint in Ordnung. Bei zwei Zugkreuzungen gibt es sogar Gelegenheit, die rar gewordene Kombo abzulichten, auch wenn es immer einen Quotentschechen gibt, der im Bild stehen muss. Auf dem Scheitelpunkt der Strecke haben wir immerhin 915 Meter über dem Meeresspiegel erreicht. Dann und wann sind noch deutschsprachige Ortsnamen an Haltepunkten zu erkennen, in Nové Hamry beginnt quasi auf dem Bahnsteig der Skihang.

deutsche Beschriftung und vernutlich tschechischer Hund
Skihang in Nové Hamry

In Johanngeorgenstadt ist der Spaß dann leider vorbei und die DB-Realität holt uns wieder ein. Eben noch kamen wir (und alle anderen) ohne Ansagen mit Ausstiegsseite noch sehr gut aus, jetzt läuft alles wieder mit der gewohnten deutschen Perfektion ab. Auch nicht immer verkehrt, aber aus eisenbahnromantischer Sicht freilich verwerflich. Ein letzter Blick zurück auf den Transistor und einer nach vorn - auf die liebevoll bestickten Polster der Erzgebirgsbahn.

Transistorenabschied in Johanngeorgenstadt

In Breitenbrunn war dann Kreuzung mit einer Berliner S-Bahn - naja, beinhahe, sie hat wohl doch einen längeren Aufenthalt vor Ort geplant.

S-Bahn in Breitenbrunn

An einem Haltepunkt vor Schwarzenberg wird in Form einer Schmiererei am Wartehäuschen deutlich, welche Gesinnung hier bei dem einen oder anderen Steiger vorherrscht. Schnell weiter!

bei Schwarzenberg

Über Aue und ein weiteres Bier für jeden gelangen wir endlich nach Zwickau. Ich habe schon viel erlebt, aber soviel Trostlosigkeit an einem Werktag kurz nach vier wie hier nicht. Doch zunächst gilt es, ein paar Züge und die wunderschöne Empfangshalle abzulichten. Erst dann kehren wir beim Bäcker ein. Die Verkäuferin und ein ihr zugeteiltes, zu beaufsichtigendes Kind haben ihre Schuhe ausgezogen, weil hinterm Tresen frisch gewischt ist. Wir dürfen unsere aber anbehalten, trinken einen Kaffee und suchen das Weite.

Da die MITROPA-Gaststätte wohl schon länger geschlossen ist, werfen wir noch einen Blick nach draußen. Doch auf dem Bahnhofsvorplatz sieht es kaum besser aus. Keine Menschen, zwei Taxen, viel Platz. Die Straßenbahn fährt hier Montag-Freitag von 6 bis 17 Uhr. Was soll man noch mehr sagen?

Mit diesen erschütternden Eindrücken tun wir es dann denen nach, die sonst noch so am Bahnhof herumstehen: wir kaufen uns Bier. Der Doppelstock-Regionalexpress aus Hof bringt uns schnell und zuverlässig zurück nach Dresden. Was bleibt sind Erinnerungen an die gute alte Zeit des Transistors, an ein im Aufbruch befindliches Tschechien mit Internet im Zug und an Zwickau, wo aus einer Zeit der Nachtzüge nach Binz und InterRegios nach Oberstdorf eine Ära der besprühten S-Bahn Mitteldeutschland und ein paar preiswerter Dieseltriebwagen in die noch nicht stillgelegten Strecken der näheren Umgebung geworden ist. "Fortschritt ist nur die Verwirklichung von Utopien" heißt es bei Oscar Wilde. So mancher Utopie mag man sich nach diesem Tag doch eigentlich lieber nicht weiter hingeben.

Kommentare: 1
  • #1

    Zephyr (Dienstag, 24 März 2015 18:04)

    Ich finde den Reisebericht sehr gelungen, kurzweilig und witzig. Da kriege ich Lust die Runde auch mal zu fahren.