Juli 2018

Schlaf- und Speisewagen Reloaded

Die #LetoTomLato-Reise

2. Teil: Zakopane - Poprad - Bohumín - Hel - Kolberg

Nach einer geruhsamen Nacht im merkwürdig geschnittenen Riesenschlauchzimmer meines Hotels nahm ich mein Frühstück in einer Stimmung ein, wie man es vor 30 Jahren hier schon eingenommen hatte - meine Erwartungen wurden also voll und ganz erfüllt und diese Feststellung geht weit über das Aussehen der Tischdecken und die Hintergrundmusik am Buffet hinaus. Dann begebe ich mich zu Hauptstraße, wo ich auf meinen Bus ins slowakische Poprad warte. Leider gibt es weder in unmittelbarer Nähe noch in weiterer Entfernung eine Möglichkeit, mit der Eisenbahn auf die andere Seite der Tatra zu fahren und so muss es eben der vorab online gebuchte Bus sein, welcher zu meiner Überraschung etwas unpünktlich, aber sehr gut besucht war. 

Unterwegs fällt mir an einer Haltestelle ein Mann auf, dessen Aufgabe wohl darin bestand, als eine Art Verkehrshelfer im Wandergebiet ankommende Busreisende sicher über die Straße zu geleiten. Herrlich!

Ansonsten verläuft die knapp zweistündige Fahrt recht unspektakulär. Hin und wieder sieht es nach Regen aus, dann zeigt sich doch wieder die Sonne. Schließlich gelangen wir in mir gut bekanntes Gebiet, Tatranská Lomnica, dann schließlich Poprad.

Zusammenfassend kann ich sagen: Busfahrten sind für mich nicht mehr als ein notwendiges Übel, aber in diesem Falle war es die beste und einfachste Möglichkeit, schnell und günstig von der einen auf die andere Seite der Hohen Tatra zu gelangen. Gut, wandern wäre noch eine Option gewesen, aber eine anstrengende.

Mein Bus sucht das Weite, so bald wir alle ausgestiegen sind und schnell haben sich alle zerstreut. Mich zieht es sofort in meinen Lieblingsbahnhof, welcher unlängst erst sehr schön renoviert wurde.

Wie immer gibt es für Nerds wie mich eine ganze Menge zu entdecken: abgestellte Schlaf- und Autotransportwagen, die bis zum Abend hier pausieren dürfen, den Fahrkartenschalter, in welchem sogar Prospekte für den ÖBB-Nightjet ausliegen, eine Regionalzug, der gerade bespannt wird und an welchem sich Lokführer und Rangierer gemeinsam beim Kuppeln versuchen. Herrlich! Dann fährt mein Schnellzug in Richtung Bratislava ein.

Nur mäßig geduldig und ein wenig wie auf glühenden Kohlen sitze ich in meinem Abteil. Obwohl ich es mit einer ausgesprochen hübsch zurecht gemachten Blondine teile, würde ich am liebsten sofort den geliebten Speisewagen aufsuchen. Aber ich bewahre in beiden Fällen Contenance und halte durch, bis es endlich 12 Uhr ist. Wenig später sitze ich am Tisch mit dem kleinen Lämpchen, das man selbst ein- und ausschalten kann und lasse mir frisch geklopfte Schnitzel, Gurkensalat und Bier bringen. Ich bin im siebten Himmel.

Bei inzwischen deutlich besserem Wetter vergeht die Zeit wie im Zug und kaum ist das zweite Bier geleert, erreichen wir auch schon das kleine Städtchen Púchov, wo am selben Bahnsteig direkt gegenüber mein Express-Zug "Radhošť"  in Richtung Tschechien wartet. Ich nehme im Halbspeisewagen Platz und die ausgesprochen freundliche Kellnerin bringt mir unverzüglich ein weiteres Bier. Herrlich!

Nur eine gute Stunde später muss ich schon wieder aussteigen. An meinem tschechischen Lieblingsbahnhof Hranice na Moravě habe ich mir, wie im Jahr zuvor, einen kleinen Aufenthalt eingebaut. Sehnsüchtig winke ich meinem niedlichen Halbspeisewagen hinterher.

Bevor ich mich schon wieder an einen Tisch setzen und Bier trinken werde, zeige ich Anstand und umschleiche einmal das Bahnhofsgelände: es hat sich nichts verändert. Der gleiche trostlose Charme wie immer, die kleinen Rollen mit den Fahrplänen, die abgestellten Bauzüge und Wagen, es ist alles noch da. Zum Glück!

Dann in der Bahnhofskneipe: die Uhr an der Wand geht wortwörtlich anders, nämlich rückwärts. Ein Zeichen? Stämmige Pichler, durstige Reisende, Stammtrinker: sie alle sitzen schweigend und einzeln an einem der kleinen viereckigen Tische und haben ein Bier vor sich stehen. Tom auch.

Es sind - wie so oft auch im Speisewagen und im Nachtzug, diese kleinen Momente auf Reisen, an denen ich die Zeit anhalten und einfach sitzen bleiben möchte. Aber der Plan sieht Anderes vor und so begebe ich mich leicht taumelig zum Bahnsteig, schaue noch kurz den Kolleginnen von RegioJet beim Abfertigen zu und nehme schließlich im EuroCity Richtung Warschau Platz.

Der Zug ist erschreckend spärlich besetzt und da die Fahrt nur eine dreiviertel Stunde dauert und wegen meiner ganzen bierlastigen Vorgeschichte heute muss ich diesmal sogar auf einen Restaurantbesuch verzichten. In Bohumín steige ich schon wieder aus. Genau, Bohumín! Jener Ort an der tschechisch-polnischen Grenze, den ich am Morgen des Vor-Vor-Tages bereits in meinem Schlafwagen nach Krakau passiert hatte. Diesmal sind sogar zwei Stündchen Zeit, um der Stadt einen Besuch abzustatten. Um die Spannung gleich mal rauszunehmen: man hätte darauf auch verzichten können. Selbst im vollkommen überdimensionierten Empfangsgebäude ist faktisch nichts mehr los, die Straßen sind gepflegt, aber weitestgehend leer - in einer Pizzeria finde ich schließlich eine gute Gelegenheit, meinen Hunger zu stillen. Und ehe ich mich versehe, steht neben der lieblichen Blume im Wasserglas auch ein frisch gezapftes Pils auf meinem Tisch.

Die Spannung steigt! Ein Höhepunkt meiner Reise soll die nun folgende Fahrt im Sommer-Nachtzug an die Ostsee sein. Und tatsächlich: angemessen frühzeitig wird der elendlange Zug bereitgestellt. Stolze dreizehn Wagen sind es heute und sie werden sich im Fahrtverlauf unfassbar gut füllen. Ein Teil des Zuges, bestehend aus vielen Sitz- und einem Schlafwagen fährt nach Łeba, der andere - ebenfalls so gebildete Teil - nach Hel. Im Schlafwagen dieses Zugteils habe ich gebucht. Es ist der angekündigte und erwartete Traum: ein liebevoll renovierter Görlitzer Schlafwagen mit Fenster Auf!

Wie ein überdrehtes Eichhörnchen eile ich zu meinem Waggon und zu meiner weiteren Überraschung begrüßt mich kein kleiner, dicker polnischer Muffel, sondern ein reizendes Mädchen, das gerade erst mit der Ausbildung zur Kauffrau für Verkehrsservice begonnen haben muss. Sie ist so freundlich, wie hübsch und spricht sogar Englisch. Etwas irritiert beobachtet sie, wie ich vor lauter Freude alles begutachte - am Zug, versteht sich!

Hier gibt es nun wirklich alles, was der irre Nerd begehrt: Drehfalttüren, zu öffnende Fenster, einen Snack-Verkauf, ein Waschbecken in jedem Abteil, die Garderobe, Licht, Steckdose, Wasser zum Trinken und Zähne putzen, einen Flaschenöffner am Tisch und vieles mehr. 

Die Fahrt beginnt! Pünktlich setzt sich der lange und wunderbare Zug in Bewegung, tuckert langsam und bedacht über die Grenze nach Polen und ich hänge am Fenster und genieße den Sonnenuntergang. Es sind kaum mehr Glückshormone zum Ausschütten da.

Nach einem hervorragenden Schlaf geht die Freude am Morgen weiter: es ist noch viel Zeit zum rumliegen, rausgucken, Kaffee trinken - erst nach 10 Uhr werden wir planmäßig in Hel ankommen. Das zu öffnende Fenster ist für diesen Genuss natürlich mehr als vorteilhaft. Das Wetter ist nur so medium, also ein Grund mehr, sich die Decke nochmal überzuziehen.

Über Danzig und Gdingen (hier geht die Wagengruppe Łeba ab) erreicht der Zug schließlich die Halbinsel Hel an der Ostsee. Auf der eingleisigen Strecke geht es nun gemütlicher zu, die Fahrt wird oft von Zugkreuzungen unterbrochen. Einmal mehr ist es unfassbar zu sehen, wie viele Menschen im Sommer hier unterwegs sind. Wann immer die Trasse für einen Zug frei ist, wird sie für einen solchen auch genutzt. Eine Herausforderung für die Fahrplanstrategen und Fahrdienstleiter.

Dass der Zug mangels Elektrifizierung der Strecke inzwischen von einer Diesellokomotive gezogen wird, wertet die Reise natürlich noch einmal mehr auf. Wie ein kleines Kind hänge ich mal wieder am Fenster des vorletzten Wagens und staune.

Wir erreichen den Endpunkt der Strecke, den Bahnhof Hel, pünktlich und ohne weitere Vorkommnisse. Ein letzter Blick auf Lok und Schlafwagen, bevor ich zur erneuten Besichtigung des Fischerdorfes übergehe, leider bei Nieselregen. 

Hel im Sommer, das bedeutet immer eine amüsante Mischung aus touristischen Attraktionen, wunderlichen Verkaufsständen, aber auch herrlicher Landschaft und leckeren Essens in einer der zahlreichen Fischrestaurants. Doch bevor es für Letzteres soweit ist, möchte ich mich erstmal ein wenig bewegen, nach soviel rumfahren und rumsitzen und rumliegen.

Fisch ist nicht gerade mein Leibgericht, aber hier auf Hel komme auch ich nicht umhin, ein wenig von den possierlichen Wassertierchen zu probieren. Und zusammen mit dem ersten Bier des Tages ist das sogar richtig lecker.

Derart vollgefressen zieht es mich zurück an den Bahnhof. Es haben sich nämlich noch ein paar besondere Züge angekündigt, darunter der legendäre Doppelstockzug "TUR" aus Chojnice, welchen ich im Vorjahr noch mit den ganz alten Bautzner Wagen genießen durfte, aber auch in der leicht moderneren Variante ist er noch ansehnlich.

Selbstverständlich lasse ich es mir auch in diesem Jahr nicht nehmen, den "TUR" auf einem Stück seiner Fahrt zu begleiten. Den Luftpresser der kleinen Diesellok spürt man im Wagen dahinter so stark, dass man meint, auf einem Massagestuhl zu sitzen. Auch die Inneneinrichtung überzeugt den Nostalgiker in mir. Sogar die Fenster gehen ein kleines bisschen auf!

Im noch auf Hel gelegenen Kuźnica verlasse ich den Doppeldecker und mache mich daran, die Ankunft meines Express-InterCity (EIC) "JANTAR" nach Gdingen vorzubereiten. Hierbei handelt es sich um den einzigen Fernverkehrszug auf der Halbinsel, der einen Speisewagen führt. Zuvor aber noch ein vorerst letzter Blick aufs Meer und einen weiteren lokbespannten Zug. 

Dann kommt er um die Kurve, mein von einer Taucherbrille genannten Lok gezogener InterCity und ich sollte mich mit dem Foto beeilen, denn ich möchte ja noch selbst einsteigen und mitfahren!

Hel im Speisewagen zu verlassen hat natürlich was. Weil ich aber vom Fisch noch ziemlich gesättigt bin, probiere ich diesmal ein Dessert. Es ist köstlich! Und da auch hier am Tisch eine kleine niedliche Lampe brennt und noch Zeit ist, darf es auch noch ein Bierchen sein.

Zufrieden verlasse ich in Gdingen den Zug, verabschiede mich nichtsahnend von der sehr netten Kellnerin, fotografiere noch ein wenig und gehe meiner Wege, also ein paar Bahnsteige weiter, um auf meinen nächsten Zug zu warten. Was ich in dem Moment noch nicht weiß: im Speisewagen eben habe ich meinen Personalausweis verloren.

Als ich damit beschäftigt bin, der soeben abgekuppelten Zuglok nachzuschauen, brüllt plötzlich jemand vom Bahnsteig gegenüber nach mir. Es ist die Kellnerin aus dem Speisewagen und in ihrer Hand hält sie meinen Ausweis. Aber es bleibt kaum Zeit, denn sie muss wieder zurück in die Küche, ihr Zug fährt doch weiter! Kurzerhand gestattet mit der inzwischen ebenfalls anwesende Stationsvorsteher, die Gleise zu überschreiten, um meine Identitätskarte zurück zu erhalten. Das Vorhaben gelingt, wenn auch die Hose dabei etwas beschmutzt wird. Ich bedanke mich artig und freue mich noch lange, dass es noch so liebe Menschen gibt. Dann fährt mein Zug nach Kolberg ein.

Die Reisen im Express-InterCity Premium (EIP) sind immer recht entspannend. Auch diesmal kann ich nur Positives berichten, einschließlich des Abendessens im Speisewagen: es gibt - mal wieder - Piroggen und anschließend noch einen Kaffee an meinem Platz.

Als wir das Ostseebad Kolberg erreichen, ist es fast schon dunkel. Im letzten Licht des Tages kann ich noch meinen Zug ablichten und schließlich das nicht minder sehenswerte Hotel, in dem sich bedauerlicherweise fast nur deutsche Rentner aufhalten. Morgen früh gehts für mich schon weiter.

Fortsetzung folgt.

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