Juli 2018

Schlaf- und Speisewagen reloaded

Die #LetoTomLato-Reise

1. Teil: Karlsruhe -  Dresden - Prag - Krakau - Zakopane

Die diesjährige Sommerreise sollte eigentlich ans Nordkap führen. Weil das aber mangels finanzieller Ressourcen nicht möglich war, entschieden wir uns, den lieben Familien in Dresden und Ostwestfalen-Lippe einen der seltenen Besuche abzustatten. Die Zeit dazwischen würde ich für eine kleine Schlaf- und Speisewagenrundfahrt nutzen. Als Motto habe ich mir den Hashtag #LetoTomLato ausgesucht, eine Anspielung an das Wort Sommer in den Sprachen der beiden hauptbeteiligten Länder und an meinen Vornamen. Selbstverständlich können auch bei dieser Reise meine Follower auf Twitter an jedem Reisetag mit dabei sein.

Das Abenteuer Eisenbahn beginnt. Zuverlässig und pünktlich wie fast immer bringt mich der SÜWEX zunächst von Karlsruhe nach Schifferstadt, wo wir nach einer Übernachtung dann zu zweit in Richtung Sachsen aufbrechen werden.  Die S-Bahn-Fahrt nach Mannheim klappt noch reibungslos. Dann steigen wir um in den neuen Doppelstock-Triebzug Twindexx, der uns nach Frankfurt bringen soll. Die 1. Klasse ist, gemessen an dem, was heutzutage in modernen Zügen noch als gelungen bezeichnet werden kann, recht gelungen.

Wir beginnen unsere ersten Rommee-Spiele, als es in Mörfelden plötzlich heißt: Streckensperrung wegen eines Feuerwehreinsatzes, der Zug endet hier. Hmpf. Nach einer Weile kommt eine S-Bahn und bringt uns noch eine Station weiter, nach Walldorf. Dort staut sich alles, was die Riedbahn an diesem Vormittag zu bieten hat, auch einige ICE-Züge, aber es ist vergebens, wir können ja nicht einsteigen und müssen sie vorbeiziehen lassen.

 

Letztlich sammelt uns dann der nächste Takt-RE ein und bringt uns nach Frankfurt. Wir erreichen den nächsten ICE nach Leipzig, der "heute leider ohne Bordrestaurant" unterwegs ist. Zum Glück wusste ich das schon vorher und so decken wir uns beim Umstieg noch mit einigen Fressalien ein. Immerhin gibt es einen so genannten Notverkauf, das bedeutet ein Bier und eine Cola, denn der Kaffee ist bereits alle, als uns der 1. Klasse-Steward im Wagen 14 endlich erreicht.

Eine Stunde werden wir wohl später am Ziel sein, denken wir, als der Zug hinter Erfurt zur Behebung der obligatorischen ETCS-Störung zwangsbremst und erst nach etwa dreißig Minuten weiterfährt. Somit wird es ab Leipzig eben ein Regionalexpress und endlich gibt es auch Kaffee, und zwar direkt beim Umstieg am Bahnhof mit den differierenden Uhren.

 

Mit exakt zwei Stunden Verspätung erreichen wir unsere gemeinsame Zwischenetappe Radebeul, wo wir einige Tage in meiner früheren Heimat zusammen verbringen werden. 

Der Besuch des Dresdner Zoos soll hier ebenso Erwähnung finden, wie das Dieter-Thomas-Kuhn-Konzert am Elbufer. Ebenfalls berichtenswert ist die Fahrt mit der Parkeisenbahn. 

Dann aber ist es endlich so weit: wir verabschieden uns voneinander und allein mache ich mich auf, die Schlaf- und Speisewagen von Tschechien, der Slowakei und Polen zu erkunden. Mein Herz schlägt höher: Einfahrt EuroCity JOHANNES BRAHMS nach Prag. Hurra!

Inzwischen hat sich im grenzüberschreitenden Verkehr nach Tschechien ein bisschen was getan. So ist beispielsweise die Ära der Knödelpressen und damit des Lokwechsels in Dresden vorbei. Außerdem werden ausschließlich modernisierte Wagen der tschechischen Bahn eingesetzt. Bewährtes blieb jedoch erhalten: der berühmte, der wunderbare, der selten kopierte und niemals erreichte tschechische Speisewagen. Und während mein Zug durch das romantische Elbtal tuckert (irgendwann soll er das übrigens zugunsten eines Tunnels nicht mehr tun), sitze ich schon an dem Tisch mit dem Lämpchen.

Auf dieser Reise habe ich mir auch ein wenig Statistik vorgenommen: so erhält jede von mir absolvierte Zugfahrt und jeder Besuch eines Schlaf- oder Speisewagens eine Bewertung. Außerdem erfasse ich relevante Daten wie z.B. die Pünktlichkeit und werde das alles zum Abschluss des Urlaubs auswerten. Dieser erste Zugrestaurant-Besuch erhält Höchstpunktzahlen, so viel kann ich verraten. Satt und äußerst zufrieden lasse ich mich im Großraumwagen der 1. Klasse nieder und döse bis Prag noch ein wenig vor mich hin.

In Prag angekommen, fertige ich auch heute traditionell Fotos von interessanten Zügen an, verschaffe mir einen Überblick über die betriebliche Lage und erfreue mich an den Bahnsteigdurchsagen. Mein Klassiker: "Station: Praha hlavní nádraží. The international train EuroCity xxx from ... scheduled arrival at... is now approaching plattform ...".

Frisch rauchfrei begebe ich mich zum Wenzelsplatz, um wenigstens der Biersucht nachgehen zu können. Außerdem habe ich ja drei Stunden Zeit, bis es mit der nächsten Zugfahrt weitergeht. Was eignet sich da mehr, als bei einem Glas Pilsner Urquell Menschen anzustarren? Okay, es ist Budweiser, aber trotzdem...

Und dann ist es endlich soweit: der EuroNight SLOVAKIA wird bereitgestellt. Der Nachtzug ins slowakische Humenné hat auch einen Zugteil nach Warschau über Krakau mit dabei. Und in diesem habe ich mir ein Schlafwagenabteil Deluxe reserviert, also mit eigenem Bad. Fantastisch! Außerdem mit "dran": Autotransportwagen. Ein stolzer Zug!

Die Gefühle beim Einstieg in einen Nachtzug sind auch beim 52. Mal immer noch Besondere. Zunächst zeigt man "seinem" Schlafwagenschaffner Fahrkarte, Reservierung und Ausweis. Dann nimmt einem dieser zwei bis drei Dinge davon vorübergehend ab und man kann den Wagen betreten. Ein Anfängerfehler besteht hier dabei, dass man sich die Nummer des gebuchten Abteils nicht gemerkt hat, denn der Ausdruck ist ja nun erstmal weg. Schließlich findet man seine Kabine und das Staunen und Erkunden kann beginnen. Lassen sich Fenster öffnen? Wo ist die Toilette? Funktioniert das Waschbecken? Gibt es mehrere Kissen? Könnte heute Nacht irgendetwas klappern oder klacken, das jetzt fixiert werden will? Blenden gewisse Lämpchen, die flugs überklebt werden wollen? Sind alle Fragen beantwortet, kann man seine Zeit dem Kauf von Bier widmen.  Hier ist zu beachten: in meinem Falle handelt es sich um einen polnischen Schlafwagen, in den man sich sein Bier selbst mitbringen und es heimlich verzehren sollte. Wir rattern durch Pardubice und weiter in die Nacht, ich schlafe ein und werde munter, als es schon wieder hell ist. Allerdings erschrecke ich beim Blick aus dem Fenster: wir sind noch immer in Tschechien. Da läuft was falsch!

Der Grund für die Verspätung ist schnell ausgemacht: der Trägerzug CHOPIN aus Wien, jener Zug also, der die Wagen meines Zuges, die nach Polen weiter sollen, befördern wird, hatte einen Personenunfall. Somit müssen wir nun im Grenzbahnhof Bohumín warten. Gut ist, dass ich die ganzen Rangiermanöver nun bei Tageslicht miterleben kann. Von besonderem Interesse ist der Kurswagen Wien-Košice, denn "sein" Zug ist freilich längst abgefahren. Also schiebt man ihn erstmal auf ein Abstellgleis, vielleicht findet sich später noch ein Zug in Richtung der Slowakei, der ihn mitnimmt. Wir fahren dann aber endlich weiter nach Polen und erreichen Krakau mit guten zwei Stunden Verspätung. Vorher wird aber natürlich noch gefrühstückt. Draußen Auschwitz und kurz danach ein Freizeitpark, drinnen Kaffee und eine Art Brot.

In Krakau steht ein Bahnhofswechsel an, denn der nächste Zug nach Zakopane fährt den Hauptbahnhof nicht an. Also nutze ich einen modernen Regionalzug, um zur Station Plaszow rüberzufahren. Jedoch verabschiede ich mich nicht von meinem Nachtzug, ohne die Wagenvielfalt festgehalten zu haben. Neben polnischen finden sich auch österreichische, slowakische und ungarische Wagen am Zug. Wunderbar!

Die Fahrt im NEWAG Impuls dauer zwar nur wenige Minuten, dennoch kann ich mir einen kleinen Eindruck verschaffen und der fällt durchaus positiv aus. In und mit ihm findet auch die erste Weichsel-Überquerung der Reise statt.

In Krakau-Plaszow ist nicht allzu viel los. Die einstündige Wartezeit überbrücke ich mit Geld abheben und Fotos machen. Das Empfangsgebäude wurde modernisiert, aber hier und da sind auch noch Relikte der Vergangenheit zu entdecken. Außerdem fahren einige interessante Züge ein und aus und es wird mehr oder weniger emsig rangiert und gezugbildet.

Pünktlich fährt dann mein Express-InterCity nach Zakopane ein, im Sommer der einzige lokbespannte Reisezug in die polnische Tatra, der noch einen Speisewagen führt. Der Wagen der 1. Klasse besteht aus Abteilen, von denen ich eines für mich ganz allein ergattere. Die Geschwindigkeit ist gemütlich, die Landschaft immer schöner, je mehr wir uns den Bergen nähern. Punkt 12 halte ich es nicht mehr aus und sitze zum Mittagessen im Zugrestaurant, bestelle mein polnisches Klischee-Menü. Lecker, lecker, lecker! Und draußen: Kühe, Wiesen, Berge.

Diese Fahrt ist wirklich schön. So müsste Eisenbahn noch überall sein: nicht zu schnell, bequem, komfortabel, die Reise schon als Erlebnis - nicht als lästige Überbrückung zwischen Terminen. Eine nette Mitarbeiterin bringt mir noch einen Kaffee an den Platz. Ich möchte eigentlich nicht mehr aussteigen.

Dann erreichen wir aber Zakopane und hier endet nicht nur der Zug, sondern auch die Strecke. Folglich muss ich mein gemütliches Abteil verlassen. Traurig stelle ich fest, dass sich das Zuglaufschild nicht zu Erinnerungszwecken ausleihen lässt, dafür aber gelingen mir noch einige Aufnahmen von Zügen im Bahnhof.

Auf dem Weg zum Berg mache ich an meiner Unterkunft Halt, wo man mir dankenswerterweise den Rucksack abnimmt. In einem (für meine Verhältnisse) Gewaltmarsch erreiche ich am frühen Nachmittag die Talstation der berühmten Kabinenseilbahn und kaufe mir ein Ticket. In diesem Moment gibt es kein Zurück mehr, aber leider werde ich mir erst hier und jetzt meiner Höhenangst bewusst. Ein Liedchen pfeifend versuche ich alles zu überspielen und warte auf die Gondel Schweizer Bauart, die 60 Personen zu transportieren vermag.

Warum habe ich das getan? Während ich darüber nachdenke und zur Ablenkung nur auf mein Handy starre, statt wie alle anderen nach draußen, gondelt sich die Kabine waghalsig nach oben. Dann endlich: eine Station. Das Ende dieser Odyssee? Aber nein! Wir müssen nur umsteigen, es geht noch viel weiter hinauf!

Den zweiten Teil der Fahrt verbringe ich kreidebleich am Boden kauernd. Dann sind wir endlich oben, auf fast 2000 Metern Höhe, die sich mindestens doppelt so hoch anfühlen. Ich mache ein Beweisfoto von dem entsprechenden Schild und stelle mich umgehend zur Talfahrt an. Dabei reißt jedoch der nebelige Himmel auf und gibt einen sensationellen Blick auf Zakopane frei. Trotz aller Ängste kann selbst ich mich ein wenig daran erfreuen.

Nach dieser ganzen Aufregung finde ich in einem Lokal im Zentrum von Zakopane Entspannung beim Anschauen des WM-Finales. Und da das Wetter doch noch schön geworden ist, sogar unter freiem Himmel. Zufrieden falle ich anschließend in das Bettchen meines riesigen, verwinkelten und aus vielen Teilen bestehenden Zimmers. Morgen Früh fahren wir weiter und zwar - verwerflicherweise - mit einem Bus!

Lesen Sie weiter im 2. Teil.

Kommentare: 1
  • #1

    KRISTOF AVONDS (Samstag, 08 September 2018 13:02)

    Super! Ik kijk uit naar het vervolg van het reisverhaal! Groeten uit België.