Februar 2015

Ein Tag in Nordböhmen

Lokalbahn, Moldau, Sessellift

Von Dresden über Lovosice und Most nach Moldava

Dass man in nur wenigen Stunden und für einen finanziellen Einsatz von lediglich 16,50 € für ein Elbe-Labe-Ticket einen sehr schönen Tag im deutsch-tschechischen Grenzgebiet verbringen kann, soll dieser Reisebericht dem geneigten Leser aufzeigen. Das ursprüngliche Ziel meiner Fahrt war die Eisenbahnstrecke von Most auf den Erzgebirgskamm nach Moldava. Sie wird in diesem Jahr 130 Jahre alt, steht dann und wann zur Disposition und soll eine der schönsten Bahnstrecken in Tschechien sein. Ich bin also gespannt. Jetzt in der Winterferienzeit verkehren die Züge dort täglich, normalerweise aber nur an den Wochenenden. Ich wähle einen sonnigen Montag als Reisetag, kann vor Aufregung natürlich mal wieder kaum schlafen und quäle mich dennoch kurz nach sechs am Morgen aus dem Bett, viel zu müde, aber wild entschlossen. 

Zu meiner Freude ist es schon hell, der Himmel scheint wolkenlos blau zu werden - ich habe wohl einen guten Tag erwischt. Schnell versorge ich mich noch mit einem belegten Brötchen, um dann in die S-Bahn in Richtung Bad Schandau zu steigen, in der ich ab dem Hauptbahnhof dann auch einen Sitzplatz habe.

Ab Pirna bin ich dann sogar allein im Obergeschoss des angenehm blau illuminierten Doppelstockwagens. Ich genieße meinen selbst zubereiteten und mitgebrachten Kaffee stilecht in einer DB-Aluminiumtasse, welche aus vergangenen Zeiten in meinem Bestand verblieben ist. Die Zugbegleiterin scheint es mir gleich zu tun und hat es sich bereits seit Dresden-Strehlen im Steuerwagen gemütlich gemacht. Ein vorschnelles Urteil darüber verkneife ich mir lieber und schaue stattdessen aus dem Fenster. Der Abschnitt ab Pirna durch das Elbsandsteingebirge ist einmal mehr wunderbar, insbesondere bei dieser Morgenstimmung. 

Die Begutachtung der Felsformationen und die meist nicht gelingenden Versuche, während der Fahrt zu fotografieren, lassen die Zeit schnell vergehen und schon fahren wir in Bad Schandau ein. Ich schnappe meine Siebensachen und habe nun eine gute halbe Stunde Zeit, den selbsternannten Nationalparkbahnhof zu erkunden. Noch bevor ich jedoch irgendeinen Schritt tun kann, muss ich schnell den einfahrenden EuroCity aus Prag und einen herumstehenden Kesselwagenzug ablichten, welcher noch keine passende Lokomotive gefunden hat. Sehnsüchtig blicke ich auf die blitzsauberen, im Sonnenlicht glänzenden Reisezugwagen der Ceske Drahy am EuroCity und werde schon wieder wehmütig bzw. fernreiselustig. Zum Glück ist der Liebeskummer nur von kurzer Dauer, denn der Zug fährt ab und ich kann mich wieder um den Bahnhof kümmern.

Und schon kommt auch mein Desiro aus Rumburk zur Weiterfahrt nach Decin um die Kurve gefahren. Nix wie rein, es ist nämlich doch noch ganz schön kalt draußen, der strahlenden Sonne zum Trotz. Leider könnte es im Zug auch ein bisschen wärmer sein, besonders am Fenster zieht es kalt entlang - eine unschöne Eigenschaft vieler neuer Eisenbahnfahrzeuge.

Am Nebengleis ist meine S-Bahn von vorhin schon wieder zurückgekehrt und somit kann es auch bei uns losgehen. Der Zug ist nur schwach besetzt, der Ausblick dafür großartig. Es gibt immer etwas zu Entdecken bei der Fahrt entlang der Elbe, noch dazu bei diesem Wetter. Ich freue mich nun schon auf die bevorstehende kurze Fahrt von Decin nach Losovice, denn wochentags darf man hierfür einen lokbespannten Zug erwarten - und so ist es dann auch. Schnell noch einen kurzen Blick zurück, Abschied vom kühlen VT 642 und dann rasch nach vorn geschaut, auf das sonnige Blau der romantisch-nostalgischen Abteilwagen.

Im zweiten Wagen finde ich ein Abteil für mich alleine und werfe mich entspannt in die bequemen Kunstlederbänke. Doch die Freude währt nicht lange, denn eine deutsche Männergruppe begehrt Einlass in meine Suite, murrend weiche ich zur Seite. Es handelt sich um fünf angetrunkene Dresdner, die sich offenbar auf einem Ausflug nach Prag befinden und mehr Bier als Hirn in ihren Köpfen mitführen. Sogleich werde ich zwangsweise ein Zeuge ihrer Weisheiten, die diesen Namen keineswegs verdienen, da die Aussagen überwiegend von minderer geistiger Qualität sind. Eine im Gang vorbeilaufende Reisende wird mit "das war sicher eine Professionelle" geadelt, dann entdecken sie das Abteilfenster, das sich zu ihrer Überraschung gar öffnen lässt woraufhin einer der Gedrungeneren von ihnen die abenteuerliche Aussage verkündet, so etwas wäre in Deutschland aus Sicherheitsgründen schon seit Jahren verboten. Ich schlage mir innerlich gegen den Kopf und muss hernach den ersten Furz eines der Fünfen wahrnehmen, was bei selbigen zu großem Gelächter und bei mir zu Ekel führt. Der tschechische Schaffner fragt mich derweil nach meinem Reiseziel, damit ich nicht auf die Idee komme, mit meinem Elbe-Labe-Ticket bis an die Moldau zu reisen. Ich will aber nur bis Lovosice und das ist freilich in Ordnung. Dort angekommen, lasse ich die fünf Thor-Steinar-Pullover tragenden Dilettanten im Zug zurück und wechsle Bahnsteig und Gefährt zur Weiterfahrt nach Louny. Es stehen drei Regionovas, davon eine für mich bestimmt, in der Sonne bereit.

Es ist meine erste Fahrt in einer Regionova und ich bin erstaunt ob der Lautstärke - erstaunt, aber nicht enttäuscht. Gemeinsam mit der in katastrophalem Zustand zu sein scheinenden Strecke und dem Gehüpfe bei gegen Null tendierender Geschwindigkeit ergibt alles wieder eine sinnvolle Symbiose. Wir befahren nun einen Teil des Lokalbahnnetzes um Usti, einst von den kaiserlichen Österreichern errichtet, zu einer Zeit, als noch niemand ein Automobil besitzen konnte und sich über einen Zug in seinem Dorf noch freute. Aber: auch heute ist das Bähnchen ganz gut besetzt, auch wenn wir für die bevorstehenden 42 Bahnkilometer fast anderthalb Stunden brauchen werden.

Die Landschaft ist ländlich, flach, dann und wann sind kegelförmige Berge zu sehen, öfter auch Ruinen darauf, deren Bestimmung ich auf später verschieben werde. In Cizkovice kann ich den Abzweig der Strecke nach Obrnice gut erkennen, die Strecke scheint noch zu bestehen, auch wenn kein Reisezugverkehr mehr stattfindet. Dorthin möchte ich heute ja auch noch, muss aber dazu den Umweg über Louny in Kauf nehmen, was ich gern tue. Ich sehe viele unbeschrankte Bahnübergänge, Schilder mit der Zahl "10" und Haltepunkte inmitten von Feldern, auch dort springt der Zugbegleiter pflichtbewusst hinaus, um zur Abfahrt zu pfeifen. Auch die nicht mehr im Reisezugverkehr befahrene Strecke von Vranany nach Libochovice ist zumindest an ihrer Einmündung noch in gutem Zustand, ebenso das dazugehörige Formsignal.

Kurz nach der Abfahrt in Libochovice hält der Zug, um den Zugbegleiter in den Schotter gleiten zu lassen, denn dieser muss offenbar die Ausfahrweiche per Hand stellen, gleiches ist dann auch in Kostice zu beobachten. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. In Libochovice Mesto haben wir einen planmäßigen Aufenthalt von 12 Minuten und ich kann ein Foto meines Zuges machen. Hier ticken die Uhren noch langsamer.

Trotz einiger Reserven im Fahrplan können wir denselben stets schon nach wenigen Halten nicht mehr ganz halten, was unseren Zugbegleiter dazu motiviert, jeden Reisenden persönlich nach seinen Anschlusswünschen zu fragen. Ich bin der einzige, der in Louny in Richtung Most umsteigen möchte, aber selbstverständlich wird auch auf mich allein gern gewartet. Zu meiner Enttäuschung erwartet mich hier keine Brotbüchse, sondern eine weitere Regionova, weshalb nun Plan B greift und ich in Obrnice aussteigen, um den nachfolgenden Zug nach Most zu nehmen, dann hoffentlich noch ein weinrotes Original. Unterwegs gibt es ein paar rauchende Industrieanlagen und eine Fahrdienstleiterin mit Hund abzulichten.

Obrnice, als einziger steige ich aus und sehe sofort, warum. Denn hier möchte wohl niemand gern aussteigen. Aber die 20 Minuten werde ich schon überleben, der anwesende Fahrdienstleiter - untergebracht im nahezu vollständig zerstörten Empfangsgebäude - muss es schließlich noch länger hier aushalten. Es folgen ein paar krasse Eindrücke aus Müll, Bauschutt und Historie, während meine Regionova das Weite sucht und ihr Gegenzug auch nur ganz kurz anhält, um schnell wieder zu entkommen.

Mein Zug nach Most erhält Einfahrt und siehe da: eine Brotbüchse krabbelt um die Ecke - hurra! Ehrfürchtig steige ich ein und genieße die wenigen Minuten Fahrt bis Most. Dort will ich sie noch einmal fotografisch festhalten, woraufhin mir der kauzige alte Lokführer eine für mich leider unverständliche, aber dafür laustarke Wutrede hält. Ich verstehe nichts und ziehe mich ins Empfangsgebäude zurück. Der ersten Enttäuschung über soviel Unfreundlichkeit folgt die Erinnerung, dass ich es einst auch hasste, auf dem Triebfahrzeug fotografiert zu werden. Wie sich zu Hause aber zeigte, ist der gute Mann ja gar nicht auf dem Foto zu sehen. 

Der Bahnhof in Most wirkt wenig einladend, der Innenraum des Empfangsgebäudes ist aber aus historischer Sicht natürlich eindrucksvoll. Dies gilt für die Anzeigetafeln ebenso, wie für die riesige Halle und überhaupt für das überproportionierte Gebäude.

Auf einem Stumpfgleis entdecke ich noch einen abgestellten BDtax, das motorlose Zubehör der Brotbüchse, allerdings schon im blauen Design.

Draußen, neben dem Bahnhof, ist der stillgelegte Busbahnhof sehenswert. Außerdem kann ich auf dem Weg zur Tram-Haltestelle am Eisstadion ein paar Straßenbahnen fotografieren und an einer Bretterwand eine zensierte Schlumpfine entdecken. Warum auch immer.

Von "Zimni Stadion" aus fahre ich mit der Überlandstraßenbahn (Linie 4) nach Litvinov. Die Fahrt führt vorbei an großen Industriekomplexen. Zum Einsatz kommt in meinem Fall ein Tatra-Doppelpack, leider so voll, dass ich stehen muss. Am Bahnhof von Litvinov steige ich aus und erblicke die nächste Brotbüchse, welche nur dafür da ist, mich und sieben Werktätige zum 3 Minuten entfernten Bahnhof Louka u Litvinova zu bringen.

Dort haben die Brotbüchse, ihr Lokführer und der Zugbegleiter nach den anstrengenden 3 Minuten Fahrt erstmal wieder eine halbe Ewigkeit Pause. 

Ich warte nur kurz auf den Höhepunkt meiner Rundfahrt: nachdem sich ein Regiopanther Richtung Usti getrollt hat und eine Regionova in den Bahnhof ein- und wieder ausgefahren ist, kommt mein Zug nach Moldava angetuckert: zwei Brotbüchsen und ein Beiwagen in der Mitte, drinnen insgesamt fünf Fahrgäste. Herrlich!

Glücklich mache ich es mir gemütlich und bestaune die spektakuläre Strecke. Vor allem der Spitzkehrenbahnhof in Dubi gefällt mir, zum Glück steige ich während des Aufenthaltes instinktiv nicht zum Fotografieren aus, wir haben nämlich zwei Lokführer dabei, so dass die Ein- und Ausfahrt schneller über die Bühne geht, als ich gucken kann.

Die Strecke führte bis zum 2. Weltkrieg über Moldava hinaus nach Holzhau - Freiberg. Heute ist an der tschechisch-deutschen Grenze Schluss und trotz der beeindruckenden Fahrt scheint die Zukunft doch immer wieder ungewiss zu sein. Jeder sollte also mal mitfahren, es ist wirklich wunderschön. Wir kraxeln hoch auf über 700 Höhenmeter, bisweilen habe ich den Eindruck, die Brotbüchsen pfeifen aus dem letzten Loch, aber sie schaffen es. bei Mikulov sind gegenüber der Strecke sehr steile Skihänge zu sehen, außerdem bieten sich immer wieder fantastische Aussichten auf das Nordböhmische Becken. Schnee liegt nun auch und im Bahnhof von Moldava bietet sich mir die erhoffte Winterstimmung aus weiß, blau und Brotbüchse. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt, genau wie der Blick ins Bahnhofsgebäude.

Leider habe ich keine Zeit für einen Besuch der Bahnhofsgaststätte, denn mein Weg führt zu Fuß wenige Meter hinüber nach Deutschland. Auf der Grenzbrücke werfe ich nochmal einen Blick zu den Dreien, die mich hergebracht haben und auf der anderen Seite zur ehemaligen weiterführenden Trasse, die hier heute Loipe und Wanderweg ist.

Nach etwa 10 Minuten Fußweg bergauf erreiche ich die Bergstation des Sesselliftes von Rehefeld-Zaunhaus und fahre als einziger mit ihm bergab - Kostenpunkt 1,50 €. Normalerweise sind mir Sessellifte nicht geheuer, diese Fahrt macht aber Spaß. 

Unten angekommen belohne ich meinen Mut mit einem Glühwein und laufe dann zur Bushaltestelle. Erinnerungen werden wach, das letzte Mal war ich hier vor über 20 Jahren anlässlich eines Ferienlageraufenthaltes.

Mich von diesen Gedanken langsam wieder entfernend bemerke ich, dass der Bus nach Altenberg längst da sein sollte. Er verkehrt ohnehin schon so gut wie nie, nämlich nur Montag bis Freitag und auch dann nur bei Vollmond. Das alles ist einer Wintersportregion unwürdig und nimmt einem freilich auch die Möglichkeiten, leicht nach Moldava zu kommen, denn der Zug fährt dort ja normalerweise nur am Wochenende. Dann kommt der Bus doch und ich erfahre vom Fahrer, dass er die Linie heute zum ersten Mal fahre. Ich bin wie erwartet der einzige Fahrgast und so erreichen wir den Zug in Altenberg dann doch noch. Es ist meine erste Fahrt auf dieser Strecke nach Heidenau, seit die Städtebahn Sachsen hier unterwegs ist. Der Zug ist zu meinem Erstaunen brechend voll.

Während ich in Heidenau beim Umstieg zur S-Bahn das alte Empfangsgebäude dokumentiere, rauscht hinter mir ein Güterzug mit zwei Holzrollern (Baureihe 142) vorbei. Schade, aber das war dann zu überraschend. Und so stieg ich in die S1 und fuhr wieder nach Hause, in der Überzeugung, einen schönen Tag erlebt zu haben.

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Kommentare: 1
  • #1

    Frank (Dienstag, 04 August 2015 04:31)

    Ich würde die Tour gern mal mit dir fahren, am besten so bald wie möglich!