Februar 2016

Moldava, die Zweite!

Eine Neuerliche Erzegbirgsüberquerung 

Über Altenberg und Moldava nach Nordböhmen

Fast genau ein Jahr ist es her, dass ich dem Erzgebirgskamm bei Moldava (Moldau) einen Besuch abgestattet habe. Hatte ich mich seinerzeit von tschechischer Seite dem Gipfel der über 140 Jahre alten Gebirgsbahn genähert, ging es diesmal andersherum. Von Dresden brachte mich, nein uns - mein Vater begleitete mich - die S-Bahn zunächst ins berüchtigte Heidenau (den legendären Song dazu gibt es hier). Von dort ging es per Städtebahn im Desiro in den Kurort Altenberg. Die Strecke durch das Müglitztal zählt zu den wenigen Nebenbahnen in Sachsen, die derzeit ausnahmsweise noch nicht auf der "Abschussliste" stehen.

Desiro der Städtebahn im Bahnhof Altenberg
Desiro der Städtebahn im Bahnhof Altenberg

Der Empfang im Erzgebirge war wie so oft nebelig, es lag ausreichend Schnee, um auf Fotos den Winter zu verdeutlichen, jedoch zu wenig, um Ski fahren zu können. Folgerichtig war auch der Sessellift in Rehefeld nicht in Betrieb, so dass wir uns entschieden, einen Bogen um diesen Ort zu machen und per Kammwanderung zu Fuß in Richtung tschechischer Grenze aufzubrechen. Durch den schneebedeckten Winterwald mit enorm dicken Fichten gelangten wir in gut zwei Stunden zur Zwischenetappe nach Moldava. 

Unser Reisetag war nicht zufällig gewählt, denn nur heute und an drei weiteren Februartagen zuvor hatte die tschechische Bahn einen besonderen Zug auf die Höhenzüge des Erzgebirges geschickt, den RegioShark nämlich, ein moderner Dieseltriebwagen aus dem Hause PESA (Polen). Und wie erwartet rastete dieser auch im Bahnhof und wartete geduldig auf seine Rückfahrt nach Usti n.l. (Aussig). Der einem Haifisch ziemlich ähnlich sehende Zug verkehrte in Doppeltraktion und besticht in meinen Augen durch ein äußerst attraktives Design. Gleichwohl sind die beinah als historisch zu bezeichnenden Brotbüchsen, mit denen man sonst hierher gelangt, nicht minder unattraktiv.

abgestellter RegioShark in Moldava
abgestellter RegioShark in Moldava

Kälte, Durst und Hunger führten uns nun aber erst einmal in die urige Bahnhofsgaststätte, wo es zum Preis einer 1-Zonen-Tageskarte des VVO zwei kühle Bier und Rindergulasch mit böhmischen Knödeln gab. Gratis dazu konnten wir echte Typen in tschechischer Klischee-Szenerie beobachten und im herrlich verrauchten Gastraum außerdem Biathlon schauen. Im arg in Mitleidenschaft gezogenen Empfangsgebäude wurden an einem kleinen Stand Bücher zur Strecke und Informationsbroschüren verkauft. Die Größe des Bahnhofsgebäudes lässt erahnen, welche Bedeutung die ursprünglich von Most (Brüx) bis Freiberg in Sachsen durchgehende Eisenbahnlinie einmal gehabt haben muss.

Empfangsgebäude Bahnhof Moldava
Empfangsgebäude Bahnhof Moldava

Gestärkt und leicht betüdelt erlegten wir noch einmal den Haifisch im Nebel, um dann in die Brotbüchse in Richtung böhmischer Talseite zu steigen. Die Fahrt ist immer eine Besonderheit und jedem Eisenbahnfreund unbedingt zu empfehlen. Im Winter geht das täglich, im Sommer verkehren die Züge immerhin an den Wochenenden.

RegioShark in Moldava
RegioShark in Moldava
Brotbüchse in Moldava
Brotbüchse in Moldava

In gemütlichem Tempo fuhren wir über den Kehrbahnhof Dubi (Eichwald) hinunter bis nach Louka u Litvínova (Wiese), wo wir die Brotbüchse verließen und feststellten, dass sich hier gleich fünf Personenzüge pünktlich aufeinander abgestimmt und rege frequentiert zum gegenseitigen Umstieg aufhielten.

Szenerie in Louka u Litvínova
Szenerie in Louka u Litvínova

Einige kalte Minuten später erreichte dann auch der uns gefolgte RegioShark den Bahnhof von Louka u Litvínova und brachte uns bequem und modern bis ins Elbtal nach Usti n.l. (Aussig). Bis auf die etwas zu laute Klimaanlage ist dieser Zug meiner Meinung nach ein gelungenes Beispiel dafür, dass auch neue Eisenbahnfahrzeuge Spaß zur Mitfahrt machen können.

RegioShark in Louka u Litvínova
RegioShark in Louka u Litvínova

Von Usti n.l. aus - es war mittlerweile dunkel geworden - fuhren wir mit Umstieg in Děčín (Tetschen) und Bad Schandau wieder zurück nach Dresden. Die im Winter derzeit entstehende Wartezeit im Nationalparkbahnhof überbrückten wir mit einer S-Bahn-Fahrt zurück nach Schöna, so waren wir wenigstens im Warmen. Dank Elbe-Labe-Ticket (16,50 € pro Person) war der Ausflug auch preislich vertretbar. Bleibt zu hoffen, dass die Züge noch lange auf der böhmischen Gebirgsbahn bis nach Moldava fahren werden und der Traum, dass es irgendwann wieder zum Lückenschluss nach Holzhau kommt. Dann wären auch direkte Fahrten von Freiberg aus bis nach Tschechien wieder möglich, ohne dass man auf Sessellift, Fahrrad oder Skier zurückgreifen muss.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Galle,Marco (Freitag, 27 Januar 2017 21:21)

    Alle Achtung,
    Grosser Bahnexperte. Ich befürchte leider, dass der Wunsch nach Wiederinbetriebnahme der Strecke
    Holzhau -Dubi aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr realisierbar sein wird.
    Der kehrbahnhof in Dubi ist auch etwas besonderes. Soviele wird es in Deutschland nicht geben.
    Kurz vor Kriegsende sind auch noch Panzertranportzüge gerollt.
    Danke ,sehr gut recherchiert.