Januar 2015

Winterliches Polen

Ostbahn, TLK und Pendolino

1. Teil - von Dresden über Berlin, Küstrin und Landsberg nach Konitz

Unter dem Motto "Winterliches Polen - Ostbahn, TLK und Pendolino" begann die sechstägige Polen-Rundreise im Januar 2015. Am frühen Morgen, noch vor 6 Uhr, geht es mit nicht all zu schwerem Rucksack, dafür aber bei klirrender Kälte zu Fuß zum Bahnhof Dresden-Neustadt. 

Der Intercity 2072 UTHLANDE in Richtung Westerland fährt pünktlich ein. Es ist einer der Züge, die bereits ausschließlich aus modernisiertem Wagenmaterial gebildet sind, was auch für den mitgeführten Bistrowagen der Bauart ARkimbz (ehemals Interregio) gilt. Sogleich nehme ich in diesem Wagen Platz und frage den Servicemitarbeiter, was er mir zum Frühstück empfehlen kann. Seine Antwort in bestem sächsisch: "Nähm se doch een Schinken-Käse-Baguette und n Gaffee, rischtsche Ware kommt erst in Berlin." Also gut, dann sei es so. Der Mitarbeiter ist übrigens ausgesprochen freundlich, allerdings murmelt er von Dresden bis Berlin laut hörbar und nahezu ohne Unterbrechung vor sich hin, was als ausgesprochen unprofessionell gelten kann. Ein Blick in die Speisekarte ist ebenfalls enttäuschend: es wird nichts geboten, was man als Frühstück bezeichnen könnte und so wirkt alles ein wenig traurig und dem langsamen Untergang geweiht. Insgesamt wird der murmelnde Bitromitarbeiter bis Berlin übrigens neben meiner Bestellung noch zwei Kaffee und eine heiße Schokolade verkaufen. Sollte sich diese erbärmliche Ausbeute öfter wiederholen, sind die Tage des Speisewagens bei diesem Zug auch gezählt. 

Im Berliner Hauptbahnhof steige ich aus und begebe mich ohne Umwege zur S-Bahn, mit welcher ich zum Ostbahnhof übersetze, wo ich in der Reisebank letztmalig gegen horrende Gebühren Euros in polnische Złoty und tschechische Kronen verwandeln lasse. Sogleich geht die Fahrt wiederum mit der S-Bahn vorbei an der Abstellanlage der verbliebenen Nachtzüge zum Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Vor allem in der Nachwendezeit hatte dieser Bahnhof große Bedeutung für den Fernverkehr, als die Berliner Stadtbahn noch unterbrochen war und der Ostbahnhof umgebaut wurde. Heute fahren hier neben vereinzelten Nachtzügen nur noch Regional- und vor allem aber S-Bahn-Züge ein und aus. Beim Überbrücken der Wartezeit hilft ein Blick auf die Abstellanlagen, wo der VT 18.16 (Baureihe 175) der ehemaligen Deutschen Reichsbahn zu bewundern ist, der bis 1979 u.a. als VINDOBONA zwischen Berlin und Wien im Einsatz war. Der Schnelltriebwagen ist heute nicht mehr betriebsbereit, wird aber von einem Verein zumindest abgestellt erhalten. Zwei weitere Garnituren befinden sich ebenfalls in der Hand von Eisenbahnmuseen. Fahrtüchtig ist derzeit keiner der Züge mehr. 

Ich werde nun zum ersten Mal auf polnisch angesprochen, ob der Zug nach Küstrin schon bereit stehe. Ich verneine, begebe mich aber von der Frage motiviert zum Bahnsteig und stelle freudig fest, dass er soeben bereitgestellt wird, d.h. aus Küstrin ankommt. Ich hatte keine Vorstellung vom Fahrgastaufkommen auf dieser Strecke, umso erstaunter stelle ich fest, dass der dreiteilige Diesel-Talent (DB-Baureihe 643) der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) erstaunlich gut besetzt ist. Bei der Fahrkartenkontrolle erwerbe ich noch mein fehlendes Ticket für den Abschnitt von Alt Rosenthal (bis hierhin galt mein Sparpreis) nach Küstrin zu einem Vorzugspreis und sogleich beginnt die freundliche Mitarbeiterin mit dem Verkauf von Kaffee. Ein Angebot, das ich zum Preis von einem Euro sehr gern annehme. Die Fahrt führt aus dem S-Bahn-Gebiet ostwärts hinaus über Müncheberg, wo die elektrifizierte Kleinbahn nach Buckow (Mark) noch heute mit historischen Fahrzeugen befahren werden kann. 

Von hier an zeigt sich die ehemals Preußische Ostbahn endlich so, wie es für sie in den meisten Streckenabschnitten typisch ist: gerade, ostwärts und ohne Fahrdrat, hier und da fehlt das zweite Gleis. An einigen Haltepunkten mahnen Anwohner auf Plakaten einen Stundentakt an (derzeit gibt es den zwar schon, jedoch werden einige Stationen nur zweistündlich bedient). Der als ODERLANDBAHN verkehrende Zug macht seinen Namen nun zum Programm, denn wir durchfahren den Oderbruch, überqueren schließlich den Fluss und damit die Staatsgrenze und erreichen nach knapp anderthalbstündiger Fahrt den Endbahnhof Kostrzyn (Küstrin). 

In Küstrin findet man einen so genannte Turmbahnhof vor, bei dem auf einer unteren Ebene die Gleise der Nord-Süd-Richtung verlaufen, während eine Etage darüber die Ost-West-Strecke mit ihren Bahnsteigen zu finden ist. Der obere Bahnhofsteil (also jener an der Ostbahn gelegene) ist ebenso wie das Empfangsgebäude von Grund auf modernisiert, im unteren, schwächer frequentierten Bahnhofsteil kann hingegen noch der Orginalzustand bewundert werden. Ich begebe mich jetzt aber zur ehemaligen Küstriner Altstadt, die 1945 vollständig zerstört und bis 1990 nicht betreten werden durfte. Sie liegt auf einer Landzunge zwischen Oder und Warthe. Zu sehen sind im Wesentlichen nur noch zugewachsene Fundamente der ehemaligen Wohnhäuser sowie Bürgersteige und Straßen.

Die Straßenbeschilderung hat man inzwischen wieder aufgebaut, ebenso wurde das so genannte "Berliner Tor" wieder rekonstruiert und eine ansehnliche Uferpromenade an der Oder geschaffen. Im Sommer mag hier etwas mehr los sein, heute bin ich aber weit und breit der einzige Besucher. Immerhin zeigt sich nun die Sonne einmal kurz und ich kann das leichte Oder-Hochwasser und die Reste der alten Stadtmauer fototechnisch einigermaßen in Szene setzen. 

ehem. Zollstation

Einem kleinen Rundgang durch die heutige Stadt Küstrin folgt der obligatorische Besuch im BIEDRONKA ("Marienkäferladen"), wo ich mich mit Getränken und einem Imbiss eindecke, bevor ich zum Bahnhof zurückkehre, wo ich noch einen Kaffee trinke, einen KIBEL (Elektrotreibwagen der Baureihe EN757) erlege und mich dann zum Bahnsteig begebe. 

Ein gut besuchter und moderner Dieseltriebwagen der Baureihe SA 133 der Przewozy Regionalne bringt mich entspannt und mit beachtlicher Geschwindigkeit nach Gorzów Wielkopolski (früher: Landsberg an der Warthe). Die Stadt selbst ist kriegsbedingt zertört worden und heute architektonisch in weiten Teilen verschandelt. Einzig die neu gestaltete Uferpromenade an der Warthe, die wohl einen polnischen Ableger des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen hat, weiß zu gefallen. Von ihr aus hat man auch einen hervorragenden Blick auf die Warthebrücke der abzweigenden Strecke nach Zbąszynek (Neu Bentschen) und auf die erwähnte Ostbahnstrecke.  

Landsberg hat heute über 120.000 Einwohner,  die wohl aber zu weiten Teilen nicht mehr auf den Schienenverkehr zu setzen scheinen.. So gibt es zwar noch eine Straßenbahn, der Streckenabzweig zum Bahnhof wurde allerdings aufgegeben. Und auch ein Blick auf den Aushangfahrplan der Eisenbahn zeigt, dass hier mehr Züge abfahren könnten.

Eisenbahnmäßig werde ich hier etwas melancholisch gestimmt. Denn dem heute vollkommen überproportionierte Bahnhof sieht man seine Glanzzeiten durchaus noch an: beim Blick auf die heute nicht mehr in Benutzung befindlichen, langen, holzüberdachten Bahnsteige etwa, an denen einst die mit Dampflok bespanten Schnellzüge nach Ostpreußen gehalten haben, die noch in Betrieb befindlichen Formsignale, die über ein Viadukt durch die Stadt verlaufende Trasse der Ostbahn. 

Und so steige ich zusammen mit einer Horde von Schülern wieder in den Zug und weiter geht es Richtung Osten, vorbei an vielen kleinen, noch besetzten Bahnhöfen. Draußen wird es langsam dunkel, der Zug ist voll, die Fahrt geht schnell voran und ich habe das Gefühl auf einer Hauptstrecke des Landes unterwegs zu sein. Aber der Fahrplan wird hier schon lange dem tatsächlichen Bedarf angepasst, es fahren morgens und nachmittags durchaus reichlich Züge, einen Takt wie in Deutschland etwa, der auch in nachfrageschwachen Zeiten stur und zuverlässig besteht, gibt es hier jedoch nicht. Wir erreichen Kreuz, wo ich den Triebwagen verlasse, rasch eine Aufnahme des soeben eingefahrenen TLK nach Stettin von der Fußgängerbrücke aus anfertige, um dann in meinen Triebwagen der Baureihe SA 108, den man nur mit viel Augenzusammendrücken als Zug bezeichnen kann, da er allenfalls die Bedürfnisse einer mittelmäßigen Straßenbahn erfüllt. 

In diesem Vehikel werde ich nun mehr als zwei Stunden durchhalten müssen, ehe ich Chojnice (Konitz) erreiche, wo mich Nebel und Schnee begrüßen. In der klirrenden Kälte verschwinde ich mit den anderen Aussteigenden in der Nacht, schnell verläuft sich alles und ich schlappe allein mit meinem Rucksack, das Gesicht in den dicken Schal gepresst, in Richtung Hotel. Eine Badewanne gibt es leider nicht, dafür aber Straßenlärm und eine Leuchtreklame am Haus gegenüber, die ins Zimmer scheint. Dennoch schlafe ich zufrieden ein.

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