Januar 2015

Winterliches Polen

Ostbahn, TLK und Pendolino

2. Teil - von Konitz über Dirschau nach Hela

Nach einer wegen vor allem persönlicher Befindlichkeiten des Vefassers (extreme Geräuschempflindlichkeit, Schlafprobleme, Gedankenschleifen) von zahlreichen Unterbrechungen gezeichneten Nacht erwache ich und blicke sogleich aus dem Fenster, um ein ähnliches Bild wie am Vorabend, nur "in hell" festzustellen. Es hat noch ein bisschen mehr geschneit und im Nebel sind auf einem gegenüberliegenden Dach zahlreiche emsige Männer zu beobachten, die mit dem Abtauen des Dachs beschäftigt sind, um selbiges im Anschluss mit neuer Dachpappe zu verkleiden. Als mich die zufälligen Blicke zweier Arbeiter am Fenster erhaschen, bekomme ich ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber und verziehe mich ins Bad. Wenn ich schon unproduktiv bin, dann will ich doch wenigstens aufstehen. 

Der Frühstückssaal wartet allein auf mich und ohne Aufsicht oder andere Gäste könnte ich mich hier nun am Buffet austoben, bewahre aber auf Grund meiner gerade erfolgreich abgeschlossenen Diät die Contenance und entscheide mich für Kaffee, ein Brötchen, Wurst und etwas Rührei, sowie für eine der typischen osteuropäischen Wiener-ähnlichen Würste, deren seltsam blasse Farbgebung in einem menschlichen Gesicht zur Untersuchung im Krankenhaus führen würde.

Die Stadt hüllt sich noch in Nebel, würde der Romantiker schreiben

Nach dem Bezahlen verlasse ich das Hotel und nutze die noch verbliebene Zeit, um mich in der Altstadt kurz umzusehen (soweit dies bei dem Nebel möglich ist). Dabei entdecke ich auch die sportliche Seite des Polen an sich, wie er trotz eisiger Kälte wie selbstverständlich der körperlichen Ertüchtigung frönt.

Fit in den Morgen: polnische Sportbegeisterung bei jedem Wetter

In Chojnice (Konitz) selbst sind, wie so oft in Osteuropas Städten, der Marktplatz mit seinen Gebäuden und dem Rathaus sehenswert. Auffällig ist hier - und das wird sich noch durch die ganze Woche ziehen - die noch überall existente Weihnachtsdekoration.

Nun ist es aber an der Zeit, den Weg zum Bahnhof zu gehen. Ich finde - jetzt bei Tage besser zu sehen - einen Inselbahnhof vor. Das Empfangsgebäude ist auf beiden Seiten von Gleisen umschlossen, zum Bauwerk selbst führt eine Sackgasse und bis auf das Stellwerk, welches selbstbewusst dem Empfangsgebäude direkt gegenüber auf einem Hügel thront, erinnert mich die Szenerie ein wenig an meinen einstigen Heimatbahnhof Crailsheim. Hier ist aber noch weniger los, dafür aber noch mehr Platz. Allein acht Bahnsteiggleise sind zu zählen.

Auch hier findet der Zugverkehr überwiegend zu den Hauptreisezeiten morgens und nachmittags statt. Umso erfreuter bin ich, dass dennoch etwas zu beobachten ist. So fährt ein mutmaßlicher Schadzug durchs Bild, vielleicht die letzte Reise der Doppelstockwagen, deren Einstiegstüren mit Draht zusammengehalten werden?

Ich werfe nun noch einen Blick in das Bahnhofsgebäude. Hier gibt es noch einen Fahrkartenschalter und Bänke zum Warten, sonst leider nichts mehr. Die ehemaligen Einrichtungen für Gastronomie, vielleicht ein Wartesaal oder die Gepäckaufbewahrung sind verwaist und abgesperrt.

geschlossen

Draußen ertönt die Ansage, also nichts wie hinaus - wenn hier schon mal von Zugverkehr die Rede ist, möchte ich ihn freilich nicht verpassen. Und siehe da: Triebwagen SA 109 gibt sich die Ehre.

Da! Ein Zug!

Dann fährt der Zug aus Tczew (Dirschau) ein und es besteht der begründete Verdacht, dass dieser herrliche SA 102 auch das von mir zu nutzende Fahrzeug sein wird. Und so kommt es auch. Nach einer Druckbetankung des durstigen Gefährts wird er fast pünktlich wieder an den Bahnsteig gestellt und es kann losgehen. Hurra! Es ist warm, nein heiß. Ich habe einen Fensterplatz, draußen liegt Schnee, es röhrt anständiger als gestern Abend und ich bin glücklich.

Am Ortsausgang erknipse ich durch die Scheibe noch abgestelltes Rollmaterial und wenig später werden auch schon weitere herrliche - nach guter alter Zeit riechende - Bahnhofsgebäude sichtbar.

Erwähnenswert sind neben unzähligen springenden Rehen auf den vorbeiziehenden Feldern auch die nicht minder umherspringenden drei (sic!) Zugbegleiter - davon träumt DB Regio, was? Wir unterqueren die Kohlenmagistrale und rasen mit 70 Sachen durch die heideartige Landschaft. Die Bahnsteige sind ausnahmslos alle vom Schnee geräumt, Bahnhöfe sind besetzt, Empfangsgebäude meist zumindest noch zum Warteraum hin zugänglich.

Unterquerung der Kohlenmagistrale, einer bedeutenden Güterbahn

Ich entscheide mich nicht nur aus den typischen, sondern auch aus Interessensgründen für einen kurzen Besuchs des Aborts und stelle erfreut fest, dass man hier noch die Schwellen bewässern kann. Zurück am Platz bemerke ich die zunehmende Steigung und damit einhergehend auch mehr Schnee. Wir befinden uns kurz vor Preußisch Stargard, wo sich der Zug nochmal gut füllt, etwa 80% der Plätze sind nun besetzt. Endlich sind die Gleisverästelungen von Dirschau und ein erster TLK zu sehen und wir fahren im komplett modernisierten Bahnhof ein.

Das hat er gut gemacht, der Kleine.

Während sich der zuverlässige Dreiteiler im Abstellgleis ein wenig von Kälte und Strapazen erholen darf, schlappe ich - nicht ohne einen letzten Blick zu ihm hin - in Richtung der berühmten Weichselbrücke von Tczew.

Die Weichselbrücke habe ich vor zwei Jahren schon mit dem Zug mehrmals befahren und im Jahre 2011 sogar noch die daneben befindliche Straßenbrücke mit dem Käfer. Letzteres ist heute nicht mehr möglich. Nutzer des motorisierten Individualverkehrs müssen etwa einen Kilometer weiter südlich die neuere Straßenbrücke benutzen, Fußgänger dürfen aber noch auf der alten Brücke, direkt neben jener der Eisenbahn, den Fluss überqueren.

Zeitplan und Kälte zwingen mich zurück zum Bahnhof. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ein Pendolino aus Warschau im Anrollen sein müsste, so er sich denn diszipliniert an seinen Fahrplan hielte. Und siehe da: auf die Sekunde genau kommt er aus Richtung Brücke um die Kurve: Vorfreude auf übermorgen!

Der neueste Schrei in Polen: der Pendolino.

Ich begebe mich zu meinem Abfahrtsbahnsteig und halte noch kurz das Stellwerk inklusive dem bereitzustellenden Triebwagen nach Chojnice fest - verbunden mit leichter Genugtuung, weil seine Gäste nicht wie ich am Morgen den niedlichen 102er genießen können. Dann aber fährt auch schon mein Kibel aus Marienburg nach Gdingen ein. Er ist wunderschön, leer, hoffnungslos überhitzt und unendlich bequem.

Drinnen sacke ich in die weinroten Kunstlederpolster, die Scheiben sind beschlagen, ich nage an Käse und Wiener Würstchen, bestaune die topmodernen Bahnsteige der Unterwegshalte, sehe die Kräne der Danziger Werft vorbeiziehen und möchte nie wieder aus diesem Zug aussteigen. In meinem Tagebuch heißt es wörtlich: "Mit diesem Zug möchte ich nun bis ans Ende der Welt fahren."

Im Hauptbahnhof Danzig werden übrigens gerade die Zugzielanzeiger ersetzt - schade. Und den Grund für mein Verlassen der Ostbahn in Tczew möchte ich noch nennen: (fast) den Rest der Strecke kenne ich bereits, bis Elbing bin ich schon damals gereist und mich zieht es (auch laut Planung) zur Ostsee, nach Hela - daher: auf Wiedersehen, Ostbahn. Seinerzeit habe ich übrigens auch die ab Elbing abgehende Haffuferbahn bereisen können: in einem SKL. Doch zurück zum Thema. Wir erreichen Gdingen und es ergibt sich die Möglichkeit, den vorausgeeilten Pendolino noch einmal zu erlegen, außerdem reicht die Zeit für eine Runde um den Block, vorbei am Vertriebenendenkmal und (thematisch nicht zusammenhängend) zum Mc Donalds - es ist Kaffeezeit und die Atmosphäre in den historischen Räumlichkeiten des Empfangsgebäude ist bis auf die eine anwesende Taube (Vogel) schön.

Auf gehts zum Bahnsteig. Es steht zur Fahrt nach Hela bereit: Triebwagen SA 138, gut besetzt und mit einem modernen Fahrgastinformationssystem, das sich jedoch schon beim ersten Hinsehen dadurch verdächtig macht, dass es fortwährend ausschließlich Fotos von Tieren zeigt. Und als die Sekunde der Abfahrtszeit schlägt passiert: nichts. Kurze Zeit später geht erst das Licht aus, dann der Motor und mit ihm auch die Displays. Nach mehrmaligen Startversuchen (die Tierbilder starten jeweils mit neu), verlassen ein paar Gäste den Zug wieder, während kundige Lokführerkollegen zur Hilfe herbeieilen. Und nach 16 Minuten kann es dann doch losgehen. 

Die Bude ist immer noch ziemlich voll, draußen wird es dunkel und für die 75 km auf die berühmte Halbinsel benötigt die Eisenbahn planmäßig eine Stunde und 20 Minuten. Heute wird es aber etwas länger dauern, denn unsere auf 9 Minuten geschrumpfte Verspätung ist dem Fahrdienstleiter in Wladislawowo trotzdem zuviel: deshalb heißt es hier nun Warten auf den Gegenzug. Der trifft pünktlich nach einer halben Ewigkeit ein. Mittlerweile habe ich alle Tiere auf dem Bildschirm auswendig gelernt und dann dürfen wir endlich weiter: mit 31 Minuten Zusatz auf dem Buckel. Plötzlich am Bahnhof Puck: das Meer! Zwar im Dunkeln, aber trotzdem schön zu wissen. In Hela angekommen wandere ich zu meiner Unterkunft, wo mich die Vermieterin mit selbstgebackenem Kuchen, einer Tasse Kaffee und warmen Worten in deutscher und englischer Sprache erwartet. Als sie mir mein Zimmer zeigt, hält sie mir auch noch ihre Tochter am Telefon hin, die mir Hilfe anbietet, sollte ich sie brauchen oder Fragen jedweder Art haben. So fühle ich mich willkommen und gehe nochmal ein Runde durch den Ort.

Der Spaziergang führt mich vorbei am Gasthaus "Kutter", dem wohl bekanntesten und besten Fischrestaurant des Ortes. Ich bewege mich vertraut durch die leeren Gassen, denn hier war ich schon einmal im Sommer 2011, als ich auch die Robbenstation besichtigte und in einem anderen Fischrestaurant eingekehrt war. Am Hafen mache ich noch ein Foto von den Möwen. Dann kommt mir ein offenbar betrunkener Mann entgegen, der mich auf polnisch erst anspricht, dann anfleht und sich schließlich an mich hängt. In einer Mischung aus Angst und gespieltem Selbstbewusstsein bleibe ich hartnäckig beim "nein" zu allem, was er auch möchte und nach einer gefühlten halben Ewigkeit lässt er endlich von mir ab, reicht mir zum Abschied die Hand und verzieht sich. Mein Hab und Gut ist noch da, der Puls fährt wieder herunter, die Füße tragen mich schnell und zielsicher in die Unterkunft, wo ich mittels zweier mitgebrachter Warkas rasch einschlafe.

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