Januar 2015

Winterliches Polen

Ostbahn, TLK und Pendolino

3. Teil - von Hela über Bromberg nach Lodz

Im dritten Teil widme ich mich dem Abschnitt von der Halbinsel Hela zur Fahrt über Bromberg bis nach Lodz. Stand bisher die Reise mit Przewozy Regionalne im Mittelpunkt, wird ab jetzt die Fernverkehrssparte der polnischen Eisenbahn, PKP Intercity genutzt. Mit ihren TLK-Zügen bieten sie noch immer ein gutes und preiswertes Schnellzugnetz und damit Fernverkehr in nahezu alle Landesteile an, vergleichbar mit den früher bei uns verkehrenden Interregio-Zügen. Auch wenn die TLK-Züge mittlerweile des Speisewagens beraubt wurden und eine Ausdünnung in der Fläche bzw. eine Umwandlung in IC-Züge unumkehrbar zu sein scheint, kann man sie noch erleben, teilweise auch mit interessanten Laufwegen oder Heckenschnellzug-Charakter.

Nach dem Aufstehen packe ich mein Zeug zusammen, verabschiede mich von der freundlichen Vermieterin (das Quartier ist wirklich zu empfehlen, zudem mit 17 Euro ausgesprochen günstig) und begebe mich auf einen kurzen Abstecher zum Leuchtturm. So früh am Morgen und ohne Menschen ist hier im Wald alles ein bisschen unheimlich, aber nicht minder interessant. Für einen kurzen Moment erwäge ich noch einen schnellen Marsch zum nördlichen Strand, aus Zeitgründen wende ich aber noch vor den Dünen wieder und sehe mich lieber nochmal im Ort und am Hafen um. 

Nach einem weiteren kulinarisch verwerflichen Besuch eines Discounters (diesmal im Polo Markt) kann ich am Bahnhof noch ein paar Fotos machen, um dann in meinen Zug nach Gdingen zu steigen, in freudiger Erwartung auf Meeresblicke, da diese im Dunkel des Vorabends nicht möglich gewesen waren.

Im Empfangsgebäude befindet sich zu meinem Erstaunen auch jetzt im Winter noch ein geöffneter Fahrkartenschalter. Ansonsten kann ich  einige Bautätigkeit rund um den Bahnhof verzeichnen Der Zug hat heute Morgen keine Startschwierigkeiten und ist angenehm leer. Aus dem Führerstand dudelt Musik, einige Fahrgäste erkenne ich von gestern Abend wieder, entspannt warte ich auf die Abfahrt, welche pünktlich vollzogen wird. Und endlich: hier und da zeigt sich nun sogar die Sonne und auch immer wieder das Meer, an einigen Stellen ist die Halbinsel schließlich nur wenige Meter breit und ich weiß gar nicht, auf welcher Seite ich zuerst schauen soll.

In Wladyslawowo ist der Zug dann wieder ziemlich voll, das Meer ist nun auch nicht mehr zu sehen, dafür aber zum Beispiel ein altes Pärchen, das am Bahnübergang mit einem Handkarren voller Holz geduldig unsere Vorbeifahrt abwartet. Pünktlich erreichen wir Gdingen. Eine halbe Stunde Zeit, Züge abzulichten. Zum einen natürlich nochmal den von mir benutzten, zum anderen aber auch einen TLK mit interessantem Laufweg über Lebork nach Katowice, aber auch einen Regio nach Koscierzyna, wo sich ein Eisenbahnmuseum befindet, in dem ich vor ein paar Jahren schon mal war. Auch ein EIC mit einem der fürchterlich beklebten Waggons wird gesichtet und bei der Ausfahrt dokumentiert.

Am TLK nach Olsztyn (Allenstein) kann ich noch das Ausstellen eines Wagens beobachten. Vor zwei Jahren, als ich in diesem Zug saß, gab es noch Piroggen und Bier im Barwagen. Nun gehört der Zug zu jenen Betroffenen, die der Bordgastronomie beraubt wurden. 

Und schon ist der Weg frei für die Bereitstellung meines Zuges. Zwei Minuten vor der geplanten Abfahrt rollt mein IC HEWELIUSZ, benannt nach einem Danziger Astronomen und/oder einem polnischen Fährschiff, in Richtung Wroclaw (Breslau) heran, den ich bis Bydgoszcz (Bromberg) benutzen werde.

mein IC nach Breslau fährt ein

Ich verzichte auf den mittlerweile obligatorisch zu reservierenden, für mich im Abteilwagen vorgesehenen Sitzplatz, sondern betrete unverzüglich den Barwagen, den ich weiterhin Speisewagen nennen werde, wo ich als einziger Gast vom mittelmäßig gelaunten Mitarbeiter sogleich begrüßt werde. Schnell wird klar, dass es keine Sprache gibt, in der wir uns verständigen können und auch eine Speisekarte ist, zumindest unter Berücksichtigung der aktuell gültigen, erhöhten Preise, noch nicht in englischer Sprache verfügbar. Aber das alte Exemplar tut es auch, zusammen mit dem zweifach Hinweis des Gastronomen, dass es sich um "old prices" handelt. Ich bestelle zunächst einen Milchkaffee.

noch nix los im Barwagen

Der Wagen der Bauart WRnouz ist laut Aussage der Facebook-Seite der Speisewagengesellschaft WARS ein Barwagen, weshalb meine Speisen hier auch nicht auf Porzellan, sondern Pappe serviert würden. Für mich ist es jedoch ein Speisewagen, also speise ich - endlich mal keine Würstchen oder Käse - sondern: Żurek . Und als Hauptspeise einen Salat mir Hähnchenstreifen und Camembert. Und käme all dies nicht in Pappe und Plastik daher, der Traum wäre perfekt. Geschmacklich habe ich nämlich überhaupt nichts auszusetzen oder anders gesagt: es schmeckt hervorragend, genau wie das Bier.

Die Zeit vergeht, es sind ja ohnehin nur zwei Stunden bis Bydgoszcz und mittlerweile sind zumindest noch drei andere Gäste anwesend. Einer nippt am Kaffee, der andere bestellt Piroggen und der Dritte hat jetzt, nach einer guten Stunde, das vierte Bier im Anschlag. Der WARS-Mann muss nun die Schotten dicht machen und sich dem Am-Platz-Verkauf mit dem Wägelchen widmen, auch keine schöne Sache, für alles so allein verantwortlich zu sein. Ich zahle für alles zusammen (inklusive der zwei Bier) umgerechnet knapp 14 Euro, was mehr als in Ordnung geht und verlasse nach einem letzten Blick auf das Fahrgastinformationssystem (leider außer Betrieb) in Bydgoszcz den Zug.

Warten nützt hier nichts

Bereits im Vorfeld - sogar auf der Fahrkarte - wurde ich darüber informiert, dass im Bahnhof von Bromberg umfangreiche Bauarbeiten stattfinden, die auch längere Fußwege nach sich ziehen würden. Und tatsächlich erwartet mich eine Großbaustelle, allerdings wird auch hier künftig das Ein- und Ausfahren von Zügen nur noch Nebensache sein, soll doch der vom Bahnhof zum Konsumtempel modifizierte Prachtbau künftig die Reisenden vor allem zum Geldausgeben verlocken. Ein Aushang verrät mir und damit nun auch dem Leser dieser Zeilen, dass hier 45 Millionen Euro sollen verbaut werden, der größte Teil davon aus Mitteln der Europäischen Union. Dem geneigten Fachpublikum nicht erwähnen muss ich hingegen das unmittelbar an den Bahnhof angrenzende PESA-Werk. Ebenso überflüssig wären weitere Worte zu den Arriva-Triebwagen mit dem bezeichnenden Zusatz "a DB company".

Nun soll ein Rundgang durch die Stadt erfolgen. Und die hat doch einige hübsche Ecken zu bieten. Zu nennen wären Kanäle, Brücken, ein hübscher Marktplatz und ein modern wirkendes Opernhaus. Auch die Straßenbahn soll nicht unerwähnt bleiben und nachdem ich die erste von mir eingeworfene und daraufhin prompt im Schlitz des Automatens hängengebliebene Münze mittels eines Plastikkaffeeumrührstäbchens aus dem Gdingener Mc Donalds doch noch zum Hineinrutschen gebracht habe, druckt er mir ein Ticket aus und ich kann dir Rückfahrt zum Bahnhof sogar in einer der Straßenbahnen erleben.

Am Bahnhof erwerbe ich noch einen Kaffee und begebe mich auf den langen und verschlungenen Weg zum Abfahrtsbahnsteig meines Zuges. Unterwegs kann ich noch ein paar alte und neue Modelle des Nahverkehrs verewigen, bevor es zum großen DOKER-Treffen kommt. Beide TLK-Züge mit dem Namen DOKER treffen sich hier zur ungefähr gleichen Zeit nebeneinander, lassen beide einen Lok- und Fahrtrichtungswechsel über sich ergehen und entschwinden dann in die Herkunft des jeweils anderen. Beachtung schenken möchte ich noch den zahlreichen neuen Zugzielanzeigern, deren Zahl beachtlich ist und reichlich übertrieben scheint. 

Ich steige in jenen nach Lodz ein und wir fahren in den Abend hinein. Im Abteil bin ich allein, es ist unglaublich heiß, ein WARS-Mann kommt auch vorbei - aus bekannten Gründen ohne Bier, aber immerhin mit Kaffee. Nur die Reisegeschwindigkeit ist ein wenig einschläfernd, für die 220 km von Bromberg bis Lodz benötigen wir dreieinhalb Stunden. Die Strecke scheint in keinem guten Zustand zu sein, ab und zu wechseln wir ins Gegengleis oder müssen Bahnübergänge langsam befahren. Vor Thorn, das ich beim nächsten Mal besuchen möchte, sind zahllose abgestellte Kiebel in schlimmem Zustand zu sehen. Zur hereinbrechenden Dunkelheit gesellt sich noch Nebel und für die letzten 40 km brauchen wir geschlagene 55 Minuten. In Lodz steige ich unmittelbar in den Stadtbus zu meiner Unterkunft um und bis auf dieses letzte Foto der berühmten Ulica Piotrkowska überlasse ich mich Dusche, Bier und Bett.

der längste Boulevard Europas in Lodz

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