Januar 2015

WInterliches Polen

Ostbahn, TLK und Pendolino

4. Teil - von Lodz über Krakau nach Warschau

Am 4. Tag meiner Polen-Rundreise unter dem Motto "Ostbahn, TLK und Pendolino" werde ich Krakau besuchen und dann mit dem neuen polnischen Premiumzug PENDOLINO in die Hauptstadt Warschau reisen.

4. Etappe

Am Abend zuvor war ich recht spät und bei ungemütlichem Wetter in Lodz angekommen. Von der Textil- und Filmstadt bekomme ich leider aus Zeitmangel nicht viel zu sehen. Lediglich ein paar Schritte über die Piotrkowska-Straße sind drin, die Sichtung zahlreicher architektonisch reizvoller Gebäude und die angenehme Stimmung in der Stadt machen jedenfalls Lust darauf, hier noch einmal herzukommen. Und dafür war meine Reise ja auch - neben dem Genuss der Eisenbahn - gedacht: jene Städte Polens, die ich noch nicht kenne, zu bereisen, um abzuwägen, wo eine Wiederkehr auf jeden Fall Freude machen würde. Das Wetter jedenfalls war auch am heutigen Morgen nicht gerade heiter aufgelegt, so dass ich mich frierend in den Stadtbus zum Bahnhof verdrückte, nachdem ich mich überwunden hatte, trotz mangelnder Polnischkenntnisse mittels eines mir mit dem Wörterbuch nachts eingeprägten Satzes in einem kleinen Lebensmittelladen eine Busfahrkarte zu kaufen, die hier billiger war, als jene, die es - so Zeit und Lust vorhanden - ausnahmsweise auch beim Fahrer gibt.

Der Bus erreicht den Bahnhof Kaliska und ich steige aus, um die undurchsichtigen Straßen- und Straßenbahnverläufe ein wenig nachempfinden und ablichten zu können. Letztere befinden sich derzeit im Umbau, weswegen zahlreiche Linien anders fahren, als es manche Liniennetzpläne aussagen. Auch entdecke ich vollends aufgegebene Schienenstränge. Das Umfeld des Bahnhofs ist laut, schmutzig und zweilichtig, das Empfangsgebäude strahlt, was das äußere Design betrifft, den Charme der Neuen Deutschen Welle aus, innen finde ich ein äußerst preiswertes Café mit einer sehr freundlichen Bedienung und herrlich-nostalgische Zugzielanzeiger vor. Das Idyll wird wohl aber demnächst an Bedeutung verlieren, wenn die an der Stelle des geschlossenen Fabryszna-Bahnhofs gerade im Bau befindliche neue unterirdische Station ihre Bahnsteige für Reisende öffnen wird.

Weil ich den allgemeinen Lodzer Berufsverkehr ebenso wenig einschätzen konnte, wie die durchschnittliche Pünktlichkeit der Stadtbusse, war ich ein wenig sehr rechtzeitig zum Bahnhof aufgebrochen. Nun stand ich da und entschied, derweil Züge zu fotografieren.

Nachdem ich die TLK-Züge nach Warschau und ins Riesengebirge, deren Destinationen ich auch noch besuchen werde genau wie ein paar Regionalzüge abgelichtet habe, widme ich mich nochmal den herrlichen Zugzielanzeigern auf dem Bahnsteig und nutze den Moment, an dem sie mal nicht blättern, um ein Foto zu machen.

Mein Zug ist bereits angeschlagen. In der Zwischenzeit habe ich in dem kleinen gläsernen Wartehäuschen auf dem Bahnsteig Platz genommen und kann nun endlich zur Kenntnis nehmen, dass mein TLK aus Posen zur Fahrt nach Krakau pünktlich um die Ecke biegt. Die etwa 30 mit mir Wartenden verteilen sich erstaunlich unauffällig auf die vier mitgeführten Wägelchen, mein Abteil betrete ich zusammen mit einer stummen, nicht weiter an Kommunikation interessierten, älteren Geschäftsfrau, die sich sogleich in ihr Notebook vertieft.

Meine Blicke pendeln interessiert zwischen meinen Reiseunterlagen und der Realität, die draußen am Fenster vorbeizieht. Wir tuckern in zahlreichen Kurven durch das Stadtgebiet, ich kann im Nebel das Stadion und die Ausfädelung der Neubaustrecke vom zukünftigen Bahnhof erkennen und schon erreichen Lodz-Widzew, wo die Ausfahrt erstmal eine ganze Weile nur die rote Farbe zeigt. Nach nervigem deutschen Vorbild gibt es nun sogar eine Durchsage des Zugbegleiters, die er wegen mir aber nicht hätte machen müssen, da ich ohnehin nichts verstehe und meine Mitreisende spricht lieber mit ihrem Mobiltelefon, als mit mir. Zu meiner Überraschung befindet sich auch in diesem kurzen Zug ein Mitarbeiter von WARS, der mich gegen kleines Geld mit Kaffee versorgt. Er ist ausgesprochen gut gelaunt, was mich sehr freut und dazu veranlasst, mit ihm in englischer Sprache ein wenig small zu talken. Ein Gegenzug fährt ein und schon gehts auch bei uns los - hinein in sein Gleis, das Warten war also besser so.

im Wagen vor mit fährt ne Lokomotive

Erwähnen möchte ich auch noch den Namen, den mein Zug trägt: CEGIELSKI, ein Maschinenbauunternehmen aus Posen, das u.a. moderne Reisezugwagen herstellt. Der Zug biegt derweil auf die Schnellfahrstrecke Warschau-Kattowitz ab, die Reisegeschwindigkeit vervielfacht sich plötzlich. Wir durchfahren den Bahnhof von Idzikowice, wo zahlreiche mit Graffiti besprühte Kiebel vor sich hinrotten, aber auch frisch lackierte TLK-Wagen zu sehen sind. Nach einer ganzen Weile ziemlich stupider, aber rasanter Geradeausfahrt und zwei Halten biegen wir in Richtung Krakau ab. Auf diesem Abschnitt vor Miechow - bei km 21,3 - ereignete sich am 3. März 2012 ein sehr schweres Zugunglück. Beim frontalen Zusammenstoß eines interREGIOs aus Warschau und eines TLK-Zuges aus Przemysl nahe des Ortes Szczekociny kamen damals 16 Menschen ums Leben.

Zugunglück von Szczekociny (2012), Foto: Wikipedia

Zu sehen gibt es an der Unfallstelle nichts mehr und daher möchte ich auch wieder zu erfreulicheren Themen zurückkehren. In Miechow ist mein Zug wieder pünktlich, hat 17 Minuten herausgefahren, nicht schlecht. So erreiche ich mit ihm zusammen sicher und pünktlich den Hauptbahnhof von Krakau. Der vor kurzem neben dem alten Empfangsgebäude neu errichtete Bahnhof mit der obligatorischen Shoppingmall bietet alle nervigen Konsumprodukte, die es auch hierzulande in fast allen Bahnhöfen gibt, dazu aber auch noch Fahrkartenschalter, die ihrem Namen noch gerecht werden und Wartemöglichkeiten ohne Gastronomiezwang. Trotzdem: diese "schöne neue Welt" ist mein Fall nicht. Der Weg führt mich daher sofort hinaus zur Straßenbahn, mein Ticketkauf wird unmittelbar nach dem Einstieg durch eine zufällige Fahrkartenkontrolle gerechtfertigt bzw. belohnt. 

Am Wawel steige ich aus und sehe mich ein wenig um - klarer Fall: auch hierher werde ich wiederkommen müssen. Es ist beeindruckend, macht neugierig, spektakulär und auch zu dieser kalten Jahreszeit voller Touristen. Es folgen ausgewählte neun von gefühlt einhundert angefertigten Aufnahmen.

Allein der Wawel beeindruckt mich so sehr, dass ich beinahe die Zeit vergesse. Also flugs ein Souvenier für die Daheimgebliebene besorgt und weiter gehts zu Fuß zurück über den Rynek zum Hauptbahnhof. Was Henryk M. Broder in seiner Europa-Safari beim Krakaubesuch feststellte, stimmt übrigens: die Auschwitz-Besichtigung wird tatsächlich in allen fragwürdigen Event-Kombinationen angeboten. Mit Salzminen, mit Folkloreabend, mit... - polnische Geschichtssensibilität eben, die ich freilich nicht weiter zu bewerten habe. Wer einmal auf der ehemaligen "Wolfsschanze" war, weiß vielleicht, worauf ich hinaus will.

Am Bahnhof zurück fühle ich mich gezwungen, auch das ausgediente Empfangsgebäude abzulichten und ein paar Blicke auf das Gleisvorfeld zu werfen, bevor ich mich im neuen Bahnhofsgebäude noch einmal kurz umsehe, um mich dann auf meine Pendolino-Fahrt einzustimmen. In Krakau Hbf findet der interessierte Speisewagenfreund übrigens auch eine Lokalität von WARS, die leider nicht besonders gut besucht war.

Nun ist endlich die Zeit gekommen, das neue Aushängeschild von PKP Intercity zu testen: den seit vergangenem Dezember verkehrenden Eil-IC-Premium in Gestalt eines Pendolino-Zuges. Die Versprechungen sind groß, meine Erwartungen auch, der Preis ist mit 16 € für Krakau-Warschau dank Super-Promo-Angebot in der 1. Klasse in meinem Fall durchaus erschwinglich. Ich finde einen extra Fahrkartenschalter nur für EIP-Kunden, der 20 Minuten vor Abfahrt geöffnet sein soll (aber nicht ist) und es gibt eine Art Info-Theke im Krakauer Hbf, ebenfalls verwaist. Der Zug hingegen - und das ist ja das Wichtigste - steht jetzt, etwa 25 Minuten vor der Abfahrtszeit bereits am Bahnsteig. Das gefällt mir.

Ehrfürchtig betrete ich den letzten Wagen des Zuges, nehme Platz und erfreue mich an einem sauberen, klar strukturierten und funktionierendem Innenleben. Neben Fußstützen gibt es verstellbare Sitze, die nicht einmal den Hintermann beim Verstellen stören, außerdem Steckdosen, Leseleuchten, Klapptische - nur wärmer könnte es sein. Außerdem vermisse ich: einen gedruckten Reiseplan, Informationen zum Zuglauf (elektronisch) und WLAN. Nervig ist die bis zur Abfahrt sich alle 3 Minuten wiederholende, automatische Durchsage in zwei Sprachen, die darauf hinweist, dass ein Fahrkartenkauf im Zug nicht bzw. nur gegen Zahlung erheblicher Strafgebühren (650 Zł.) möglich ist. Die Fahrt beginnt pünktlich, der Zug ist an diesem Freitag nicht nur in der 1. Klasse sehr gut ausgelastet, nach der Fahrkartenkontrolle gibt es unverzüglich ein Heiß- und ein Kaltgetränk sowie eine eingeschweißte Waffel und ein Erfrischungstuch.

Ich möchte noch erwähnen, dass der von mir gewählte Kaffee ein 0,15 l-Becherlein war, die Überbringerin dafür aber immerhin Englisch sprach und ausgesprochen freundlich war. Am Schmackhaftesten war das Erfrischungstuch. Den absoluten Hit hingegen mache ich im nächsten Wagen auf dem Weg zum Bistro aus: eine Schuhputzmaschine. Das trifft sich freilich gut, wo ich derlei doch sonst höchstens in der Nacht vor Nikolaus vollziehe. Prima. Zeit zum Schuheputzen habe ich übrigens reichlich, denn der Weg zum Bistro ist noch für mindestens 20 Minuten versperrt, bis die freundliche Frau von WARS auch in diesem 2. Klasse-Wagen alle Fahrgäste mit einem kostenlosen Getränk versorgt hat. 

Schuhputzmaschine im Wagen 2

Endlich im Bistro angekommen, stelle ich enttäuscht fest, dass es hier keinen Restaurantcharakter mehr gibt. Man muss auf einer normalen 2. Klasse-Großraumbestuhlung mit Tisch Platz nehmen, das Essen wird aber immerhin auf Porzellan serviert. Und es schmeckt.

Salat und Bier, auf Porzellan und im Glas

Die Zeit rast nur so vorüber, ich esse meinen Salat, trinke das kronenlose Bier und begebe mich etwas enttäuscht wieder an meinen Platz. Ein erneuter Blick auf die FIS-Bildschirme im Wagen mit den immergleichen Alpen- und Himalaya-Bildern wirft in mir schließlich die Frage auf, ob es nicht doch üblicherweise an dieser Stelle Informationen zu Strecke, Stationen und Geschwindigkeit gibt, auch eine Uhr wäre toll. Vielleicht ist es heute nur kaputt? Wie auch immer, wir erreichen pünktlich Warschau-Centralna und ich verlasse den windschnittigen Neuling mit gemischten Gefühlen. Es war nicht schlecht, aber auch keine Revolution. Und ein Abteil im TLK ist mir doch lieber, als das Beisein dieser mobiltelefonierenden Neureichen. Nein, mein Leben ist dann wohl doch eher gern zweitklassig. Als alles andere als das kann dagegen mein Orientierungssinn bezeichnet werden und so stehe ich schon ein paar Minuten nach Ankunft mit einem 24-Stunden-Ticket ausgestattet in der überfüllten Tram Richtung Hotel. Es befindet sich im Stadtteil Praga, unweit er Weichsel und der Altstadt. Es kostet 35 Euro pro Nacht, hatte gute Bewertungen und ist doch: nichts besonderes. Nach der Zimmerbegutachtung drehe ich zu Fuß noch eine Runde durch die Stadt und bin von Warschau positiv überrascht, nein nahezu begeistert.

Zurück im Hotel beschließe ich den Abend bei zwei leckeren, kühlen Bieren und dem Schreiben des Reisetagebuchs. Morgen möchte ich das Eisenbahnmuseum besichtigen, bevor es am Abend von Lublin aus mit dem Nachtzug einmal durchs ganze Land geht.

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