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Eisenbahnrelavante Eindrücke

Stettin, Danzig, Führerbunker

Der Sommer 2013 bot bei schönstem Augustwetter die seltene Gelegenheit, mit der Familie im größeren Stil eine Eisenbahnrundfahrt zu unternehmen. Oma und Opa, Freundin und Bruder sowie natürlich ich beschlossen, einmal quer durch das nördliche Polen bis nach Ostpreußen zu reisen. Inspiriert war ich dabei auch von meiner ersten Polen-Rundreise zwei Jahre zuvor - damals mit dem VW Käfer - und ich hatte das Bedürfnis, einige der besuchten Orte nun auch meinen Großeltern zu zeigen. 

Route

Wir trafen uns alle nach einer kleinen Sternfahrt in Magdeburg Hauptbahnhof und fuhren zunächst nach Berlin. Hier konnten wir das im Sommer übliche Drama im Regionalexpress Richtung Küste genießen. DB Regio pferchte uns in vier hoffnungslos überfüllte, unklimatisierte Doppelstockwagen und ohne den aus dem WC kontinuierlich austretenden Marihuanageruch hätten wir die Odysee bis Angermünde wohl nicht so gediegen diszipliniert überstanden. Auf Grund des hohen Fahrgastaufkommens und der auf jedem Unterwegshalt stattfindenden Ihr-Fahrrad-kann-leider-wirklich-nicht-mit-Diskussion hatten wir eine kleine Verspätung aufgebaut, jedoch warteten die doppeltraktionierten Triebwagen der Baureihe 628 auf uns und alle anderen, so dass wir nahezu pünktlich in Szczecin (Stettin) eintreffen. Am Nachbargleis steht ein Dampfsonderzug.

Stettin Hbf

Ursprünglich hatte ich in Stettin unsere erste Übernachtung vorgesehen, aber aus einem mir bis zu unserer Ankunft dort nicht erfindlichem Grund hatte es so gut wie keine freien Hotels mehr gegeben. Stattdessen verlegte ich unsere erste Nacht eben auf das nahe gelegene Stargard Szczeciński (Stargard in Pommern). Uns wurde beim Aufenthalt in Stettin aber schnell klar, weshalb die Buchungsnöte an diesem Wochenende so waren, wie sie waren: das Finale der Großsegelregatta. Hunderte Segelschiffe (und ihre Masten) säumten die Uferpromenade der westlichen Oder. 

Großsegelregatta in Stettin

Nachdem wir ausreichend Menschen und Masten gesehen haben, wenden wir uns den wichtigen Dingen zu: es gibt für jeden ein schönes, kühles Tyskie. Und dann müssen wir auch schon weiter, denn in im etwa eine halbe Stunde entfernten Stargard Szczeciński warten Hotel und Piroggi. Ein interREGIO bringt uns treu dort hin.

Die Piroggen haben allen geschmeckt und eine Partie Rommee schließt den Tag ab. Am Morgen bleibt noch Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Stadt und die nur äußerliche Begutachtung der Bahnhofsgaststätte, deren Name Assoziationen hervorruft. Auch die Empfangshalle inklusive ratternder Zugzielanzeiger ist sehenswert.

Nach einer Güterzugdurchfahrt fährt unser TLK nach Gdansk (Danzig) ein. Der Zug ist brechend voll, zum Glück haben wir reserviert, zum Pech sind die Reservierungen in Polen aber nicht am Abteil angezeigt. Also müssen wir einige am Kopf wenig behaarte Männer zu ihrem ausdrücklichen Unmut zum Trotz aus dem Abteil jagen. Da wir aber nur fünf sind, dürfen drei bleiben - acht Leute in einem Séparée sind im Sommer dennoch nicht angenehm. Also verzieht sich zumindest ein Teil von uns später in den Barwagen, den es heute auf dieser Strecke und in dieser Zuggattung leider nicht mehr gibt. Wie immer zählen nur drei Dinge: Piroggen, Rommeekarten und ein Bierchen. Zwischendurch fotografiere ich selbstredend auch mal den einen oder anderen Zug, zumindest zählt der Versuch.

KIBEL in Stargard Szczeciński
Lebork

Drei Nächte in Danzig bedeuten für uns viel Freude und interessante Erlebnisse. Zum einen beim Ausflug nach Malbork (Marienburg) mit Besichtigung der mittelalterlichen Burg, zum anderen bei der Schiffsfahrt zur historisch bedeutenden Danziger Westerplatte. Mit ihrem Beschuss begann laut Wikipedia 1939 der 2. Weltkrieg, von Historikern ist diese Aussage jedoch umstritten, das es bereits zuvor an anderer Stelle Kriegshandlungen gab. Auf dem Weg dorthin benutzen wir ein imitiertes Segelschiffimitat und begegnen nahe der berühmten Danziger Werft einigen sehenswerten Kähne. Außerdem wird an Bord Bier verkauft und ein Musiker spielt live Musik. Also Live-Musik.

imitiertes Segelschiffimitat

Vor dem am nächsten Tag stattfindenden Trip nach Marienburg ist noch ein wenig Zeit, um den schönen Danziger Bahnhof zu erkunden. Wir sehen Züge mit Abteilwagen und Fenstern, die zu öffnen sind, KIBEL und Zugzielanzeiger, die es heute dort schon nicht mehr gibt.

Danzig Hbf
Danzig Hbf

Auf einem Blechschild wird die aus gleichem Material hergestellte Trommel des Nobelpreisträgers Günter Grass zitiert. Für über diese Bemerkung hinausgehende Anmerkungen oder gar eine Textübersetzung fehlen mir leider Sprachkenntnisse und Zeit.

Blechtrommelschild

"Jetzt aber endlich nach Malbork!" höre ich den geneigten Leser bereits rufen. Also nichts wie hinein in den KIBEL und sobald die Augen auf - wir fahren über die Weichsel und die sie überspannende Brücke bei Tczew (Dirschau), welche ich 2011 noch mit dem Käfer überquerte, was nun schon nicht mehr gestattet ist - natürlich auch mit keinem anderen Kraftfahrzeug.

Kurze Zeit später stehen wir bereits vor der Marienburg. Auch hier war ich vor zwei Jahren schon einmal, es kursiert sogar ein Foto von mir auf dem Danzker, auf dessen Veröffentlichung an dieser Stelle aus Gründen des guten Geschmacks jedoch verzichtet wird.

Marienburg

Meine Großeltern können nach soviel Auf und Ab in der verwinkelten Burg nicht mehr laufen, halten aber noch bis zum Bahnhof durch. Dieser befindet sich seinerzeit im Umbau, kann die Einfahrt unseres Zuges zurück nach Danzig jedoch ohne Probleme zulassen. Erschöpft kehren wir in die Ferienwohnung zurück, nicht jedoch ohne ein weiteres KIBEL-Foto in der Abendsonne zu machen.  

Ein KIBEL in Danzig

Täglich grüßt das Murmeltier. Wir stehen wieder am Hauptbahnhof von Danzig und steigen wieder in den Zug Richtung Malbork, diesmal jedoch bleiben wir ein bisschen länger sitzen, denn unser nächstes Ziel ist Elbląg (Elbing). Im ansprechend renovierten Bahnhof ist für unsere Gepäckstücke noch genau ein Schließfach frei. Mit viel Mühe und Kreativität sowie Erfahrungen beim Spiel TETRIS gelingt es uns irgendwann, das Türchen zu schließen. Dies alles ist notwendig, weil wir einen Abstecher nach Frombork (Frauenburg) vorhaben. Vor zwei Jahren absolvierten wir dies noch mit einem SKL auf der romantischen Haffuferbahn (ich berichtete), heute ist es ein Linienbus, der uns zum Welterbe des Nikolaus Kopernikus bringt. Nach der Besichtigung des Doms und einem leckeren Stück Kuchen stehen wir an der Bushaltestelle und erinnern uns an einen ziemlich alten, warmherzigen Mann, der uns 2011 in bestem Deutsch und sehr engagiert durch die Anlagen geführt hatte. Dann fährt kommt unser Bus zurück nach Elbing und wer steigt mit uns zusammen ein? Er. Die Freude ist naturgemäß groß und die Zeit der Rückfahrt viel zu kurz. Am Abend spendiert Opa für alle eine Pizza und am nächsten Morgen brechen wir schon wieder auf. Der KIBEL ist fast leer, das Wetter fantastisch und das nächste Ziel heißt: Masuren.

Kreuzung mit einem Gegenzug
ein Bahnhof unterwegs

Die Reisegeschwindigkeit ist äußerst gemütlich und die Landschaft verändert sich spürbar. Eine ostpreußische Idylle, die einst zu Deutschland gehörte, aber aus bekannten Gründen nun eben nicht mehr. Trauer darüber? Nein. Ein Hauch Melancholie ist jedoch gestattet. Dann erreichen wir endlich Olstyn (Allenstein), eine ausgesprochen hässliche Stadt mit einem recht schäbigen Bahnhof. Ein Blick auf den Bahnsteig macht uns klar: es ist Sommer und es wollen viele Menschen an die Masurischen Seen. Die daraus entstehenden Befürchtungen bezüglich der Sitzplatzkapazitäten im nächsten Zug schlagen in Entsetzen um, als ein armseliger Dieseltriebwagen frech einrückt und ernsthaft der Meinung ist, diese Menschenmassen aufnehmen zu können. Noch während der Einfahrt hat offenbar auch die Klimaanlage das Übel erkannt und ihren Dienst vorsorglich quittiert. Keine Kühlung, aber dafür wenigstens überfüllt. Zur Abfahrtszeit ist keinem der Beteiligten klar, ob wir erquetscht oder ersticken werden, doch bei diesen Zuständen wünscht man sich ja fast nur "Hauptsache tot". Es kommt aber anders. Aus dem Nichts taucht eine Rangierlok auf und stellt dem Triebwagen kurzerhand einen Reisezugwagen zur Seite bzw. an den Zugschluss. Die Situation entspannt sich und mit nur 35 Minuten Verspätung kann die Fahrt nach Giżycko (Lötzen) endlich beginnen. Dort kann ich das illustre Ensemble noch fix fotografieren, werde dabei aber von anderen "Dingen" abgelenkt.

ausfahrender Zug

Die Frage ist schnell beantwortet: die beiden nehmen den direkten Weg zum See, aus Sicherheitsgründen folge ich den Sirenenrufen aber nicht, sondern führe meine Reisegruppe zum Taxi und dieses zum Hotel. Am folgenden Tag fahren wir zum ehemaligen Führerhauptquartier, der Wolfsschanze. Diese ist ohne PKW nur etwas umständlich zu erreichen.

Karte Wolfsschanze

Mit dem Bus fahren wir zunächst nach Węgorzewo (Angerburg), dort haben wir anderthalb Stunden Aufenthalt. Diese lassen sich jedoch sinnvoll nutzen, denn der hier befindliche Bahnhof bietet bis auf Sonderfahrten in Richtung Kętrzyn (Rastenburg) keine Zugfahrten mehr, aber es stehen einige interessante Dinge herum, es gibt ein kleines Museum im Empfangsgebäude und Formsignale.

Bahnhof Angerburg

Die Wolfsschanze bietet einmal mehr einen merkwürdig anmutenden Mix aus düsterer Vergangenheit und sorglos-polnischem Umgang damit (Stichwort: Rundfahrten im Wehrmachtspanzer), aber die riesigen gesprengten Stahlbetonruinen beeindrucken natürlich. Was noch immer fehlt sind Erklärungstafeln und ähnliches. Nach der Besichtigung fahren wir mit dem Bus weiter nach Rastenburg und machen von dort mit dem Zug nach Lötzen die Runde wieder komplett.

Der Abschied von Lötzen am nächsten Tag fällt schwer, hier hätte man es auch länger aushalten können. Aber für uns geht es wieder westwärts. Standesgemäß und zumindest bis Allenstein mit einem diesellokbespannten TLK-Zug. Wieder sind die Abteile bis auf den letzten Platz gefüllt und wieder müssen wir Spielverderber sein und Leute verjagen. Gegenwärtig wäre dies übrigens nicht mehr nötig, denn mittlerweile ist die Sitzplatzreservierung obligatorisch.

Lötzen
Lötzen

Und wieder: Aufenthalt in Allenstein. Ein Einkaufszentrum bietet Schutz vor der Stadt und ihren Bausünden und meinen Großeltern was zum Gucken und das Flair ihrer geliebten Nordhäuser Südharz-Galerie. Ich halte es aus. Dann findet schließlich auch diese Pause ein Ende und mit dem Bus fahren wir alle schwarz zurück zum Bahnhof. Zunächst steht auf unserem Gleis noch der Zug nach Stettin, im Anschluss wird dann unser Hecken-TLK Richtung Poznań (Posen) bereitgestellt.

Allenstein, TLK nach Stettin
Allenstein, TLK nach Posen

In Posen bleiben wir noch eine Nacht, die Altstadt ist sehr schön und unser Appartement direkt am Rynek mit einem tollen Ausblick. Ein Spielmannszug bläst uns den Marsch, was vor allem die älteren Semester erfreut. Morgens Frühstück im Freien - einen schöneren Ausklang kann der Urlaub kaum finden. 

Posen

Ein weiterer völlig überfüllter TLK bringt uns nach Breslau und dort sind wir dann in der Tat sehr froh, das stickige 8er-Abteil verlassen zu können. Nicht einmal die Toilette hatte man im Zug mehr erreichen können, weil der Gang ebenfalls voller Koffer und Menschen war. Ein letztes Mal gilt es nun das Recht des Stärkeren und den Rentner-Bonus auszuspielen, denn der Doppeldesiro nach Dresden platzt ebenfalls aus allen Nähten. Zumindest dieses Problem hat man in diesem Sommer vermutlich nicht mehr: der Zug nach Dresden wurde eingestellt.

Breslau

Der Bericht aber soll positiv schließen: es war heiß, intensiv und für unsere beiden gediegeneren Mitreisenden auch anstrengend. Aber auch eine schöne Rundreise, zumal wenn man, wie ich, bereits zum zweiten Mal das eine oder andere Ziel ansteuern kann und sich dann bereits ein bisschen auskennt. Und es war ein preiswerter Urlaub. Die Hinfahrt mit dem Wochenendticket bis Stettin, die Zugfahrten in Polen ohnehin günstig und den ganzen Rest hat in weiten Teilen der liebe Opa übernommen.

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