April 2018

Die #RAILtweetet-Reise

Plan- und ziellos unterwegs auf Schienen

2. Teil: Von Mailand über Slowenien nach Belgrad

Nur 20 Minuten bleiben mir nach der Ankunft des Nachtzuges in Mailand. An einem der Automaten ziehe ich eine Fahrkarte für den Frecciarossa ("Roter Pfeil") nach Venedig. In der 1. Klasse des italienischen Hochgeschwindigkeitszuges bin ich heute fast allein und das, obwohl Sonntag ist.

Gleich nach der Abfahrt werden die Tickets kontrolliert und es gibt einen sehr kleinen Kaffee sowie Gebäck und Wasser. Die Reise nach Venedig führt größtenteils wieder über die gleiche Route, welche ich eben im Nighjet zurückgelegt habe - gedanklich gehe ich stichpunktartig nochmal die Vor- und Nachteile von Demokratie durch. Im sterilen Barwagen erwerbe ich anschließend ein belegtes Brot.

Nach gut zwei Stunden unspektakulärer Fahrt erreichen wir pünktlich den Bahnhof Venezia-Mestre. Hier steige ich in den Regionalzug nach Gorizia um und habe ein bisschen Zeit, die durchfahrenden Züge und abgestellten Feuerlöscher zu begutachten.

Der Regionalexpress in Richtung Triest ist zunächst ordentlich voll, ab Udine aber bin ich fast allein im Wagen. Die Fahrt ist bequem und kurzweilig, bietet dann und wann sogar recht ansehnliche Aussichten, beispielsweise bei der Überquerung der Flüsse Tagliamento und Isonzo. Auch im Bahnhof Udine gibt es übrigens vorbildliche Brandschutzmaßnahmen.

Am frühen Nachmittag erreiche ich Gorizia an der italienisch-slowenischen Grenze. Da der EU-finanzierte Kleinbus in die Partnerstadt Nova Gorica am Wochenende nicht verkehrt und Personenzüge sowieso überhaupt nicht grenzüberschreitend fahren, muss ich wohl oder übel die 3,3 Kilometer zu Fuß in ziemlicher Hitze zurücklegen.

Endlich biege ich in die lange Straße in Richtung des verwaisten Grenzüberganges ein und schließlich kann ich mit letzter Kraft nach Slowenien einwandern und es mir unverzüglich im Biergarten des niedlichen Bahnhofes gemütlich machen. Hinter dem Vorgarten des Empfangsgebäudes ist ein wunderschöner Dieseltriebwagen ohne die in Slowenien übliche Graffiti-Verunreinigung abgestellt.

Der Kassenschalter des kleinen Bahnhofs ist wunderschön, aber auch heute geschlossen. Fahrkarten gibt es deswegen später beim Schaffner im Zug. Und während ich mir ein kühles Bier gönne, wird am Hausbahnsteig bereits mein Personenzug nach Jesenice bereitgestellt.

Die erneute Befahrung der so genannten Wocheinerbahn - ich war hier erst im vergangenen Oktober zum ersten Mal - ist auch an diesem sonnigen Nachmittag wieder ein besonderer Genuss. Bei offenem Fenster finde ich ausreichen Abkühlung und kann die reizvolle Landschaft entlang des Flüsschens Isonzo (slowenisch:  Soča) genießen. 

Nach einer knappen Stunde haben wir den Scheitelpunkt der Strecke erreicht und durchfahren den über sechs Kilometer langen Wocheinertunnel. Kurz danach, im wunderschön gelegenen Bohinjska Bistrica, findet die Kreuzung mit dem Gegenzug statt, der bedauerlicherweise Verspätung hat.

Mit einer guten Viertelstunde Verzug können wir endlich weiterfahren. Mein Anschluss in Jesenice in die Hauptstadt Ljubljana ist hochgradig in Gefahr und sein Verlust wäre schade, denn im Laufe des Tages habe ich erfahren, dass ein mir bislang nur von Twitter bekannter Follower namens Fips heute Abend ebenfalls in Ljubljana sein wird und wir haben uns zum Bier verabredet. 

Während ich im Dieseltriebwagen auf Jesenice zufahre, sitzt Fips im Blockabstand vor mir im EuroCity 213 Frankfurt - Zagreb und gewinnt das Rennen somit knapp. Aber immerhin: mein Anschlusszug nach Ljubljana wartet und ich bleibe meiner Verabredung dicht auf den Fersen. Kurze Zeit und einige Zwangsbremsungen später stehe auch ich vor dem Bahnhofsgebäude der slowenischen Hauptstadt.

Zwischen dem Bahnhof und unserem Bier-Treffpunkt ist meine Unterkunft gelegen. Und nachdem ich Betty telefonisch zur Rezeption beordert und mein Zimmer bezogen habe, kann ich endlich in Richtung der Altstadt spurten, um mein Blind-Date wahrzunehmen. Lustigerweise spreche ich eine Brücke zu früh jemanden mit "Hallo Fips" an und ernte von dem überraschten 63-jährigen US-Amerikaner nur freundich-unverständliche Handshakes. Schnell wird klar: das ist definitv nicht Fips. Ich entschuldige mich und begebe mich einige Schritte weiter, wo ER dann tatsächlich auf mich wartet.

Nachdem ich einen Abend lang in die Geheimnisse der Quantenphysik und Teilchenbeschleuniger eingewiesen wurde, trennen sich unsere Wege wieder und ich lege mich zur Ruhe. Für den kommenden Tag habe ich mir einen Ausflug an die Adria, nach Koper, aufs Programm gesetzt. Nach dem Frühstück treffe ich also gut gelaunt am Bahnhof ein und kaufe am Schalter meine Fahrkarte. Anschließend ist bei einer weiteren Tasse Kaffee am Bahnsteig Zeit, das Betriebsgeschehen zu dokumentieren.

Pünktlich erhält schließlich Einfahrt: der Intercity von Maribor nach Koper mit "Fenster auf!" und Gepäckwagen. Herrlich! Gezogen wird er von einer ehemals französischen Elektrolokomotive, die eine weitere, aber tatenlose Schwester, mitschleppen muss.

Die Abteile der 1. Klasse empfangen mich in zeitgemäßen Blau-Rosa-Tönen und sind äußerst gemütlich. Nachdem ich noch zwei Südkoreanerinnen erfolglos bei der Einrichtung der Datenverbindung auf ihrem Smartphone geholfen habe, wechsel ich in ein Abteil für mich allein und genieße die Fahrt am offenen Fenster.

Die gefahrene Geschwindigkeit ist eher gemächlich und an den Unterwegsbahnhöfen gibt es immer mal wieder etwas zu entdecken: einen Reparaturwagen, einen Dieseltriebwagen oder einfach nur der Blick auf meinen inzwischen sehr spärlich besetzten Zug.

Kurz vor dem Ziel, das zugleich auch das Ende der Strecke ist, schlängelt sich der Zug in einer ziemlich spektakulären Kehre hinunter an die Adria. Auf halbem Wege müssen wir halten und einen entgegenkommenden Güterzug abwarten. Unten, am Horizont, erkenne ich schon das Städtchen Koper.

Der Bahnhof Koper liegt etwas außerhalb der Stadt und bietet auch die Möglichkeit, Autos auf den Zug verladen zu lassen. Der obligatorische Wagenmeister steht natürlich schon bereit. Wir haben jetzt zweineinhalb Stunden Zeit: ich zur Besichtigung von Koper und das Eisenbahnpersonal zum Umsetzen und Umfahren des Zuges.

Zu Fuß mache ich mich auf den Weg in die Altstadt und zu dem kleinen Hafen. Abseits der Gewerbegebiete und Straßen kann ich auch schon Palmen entdecken. Am Wasser angelangt, erspähe ich einen prädestinierten Platz in einem Biergarten direkt am Meer. Urlaubsgefühle stellen sich ein und die interessierte wie interessante Kellnerin Elizabeta verwickelt mich in ein Gespräch - nur ein rasch herbeigewunkenes Taxi verhindert, dass ich meinen Zug zurück nach Ljubljana nicht verpasse.

Die Taxifahrt dauert nicht lang und kostet nicht viel und hat zudem den Vorteil, dass ich mich noch kurz am Bahnhof von Koper umsehen kann.

Die Rückfahrt wird überwiegend von einem kleinen Mittagsschläfchen bestimmt. Zuvor lasse ich es mir aber nicht nehmen, die angesprochene spektakuläre Streckenführung oberhalb von Koper jedenfalls teilweise abzulichten. 

Zurück in Ljubljana steht die Umsetzung nächsten Twitter-Abstimmung an: wie es der Zufall will, möchte mich die überwältigende Mehrheit meiner Follower am nächsten Tag im Zug nach Belgrad sehen. Also wird diese Fahrkarte erworben. Darauf ein, zwei Laško und ein slowenisches Abendessen!

Am Morgen des folgenden Tages stehe ich wieder pünktlich bereit am Hauptbahnhof. Was fehlt, ist mein Zug. Der Langläufer von Zürich nach Belgrad musste in Österreich auf Grund technischer Probleme eines Liegewagens beraubt werden und ist nun eine knappe Stunde verspätet. Da es schon lange keinen Speisewagen mehr an diesem Zug gibt, lasse ich mir in der Bahnhofsbäckerei noch eine Balkantüte packen und überwache eine Zeit lang den Bahnbetrieb.

Dann kommt er doch noch um die Ecke gebogen: EuroNight 415 aus Zürich zur Weiterfahrt nach Belgrad. Ein durchaus lustiger Zug, denn er führt bis Zagreb einen Schlaf-, Liege- und Sitzwagen aus Zürich mit, wird im Abschnitt Schwarzach St Veit - Zagreb durch einen weiteren Sitzwagen verstärkt und die beiden serbischen Sitzwagen aber, welche bis zum Endbahnhof Belgrad mitfahren, sind erst im österreichischen Villach dazugekommen. Wer also tatsächlich mal den gesamten Laufweg mitfahren möchte, der muss irgendwann innerhalb des Zuges den Wagen wechseln.

EN 415 Zürich - Belgrad bei der Einfahrt in Ljubljana
EN 415 Zürich - Belgrad bei der Einfahrt in Ljubljana

In einem der beiden serbischen Großraumwagen finde ich meinen Platz, wechsel Wagen und Sitz wenig später aber nochmal, damit die Dame hinter mir ungestörter telefonieren kann. Die Fahrt über Zidani Most in Richtung der slowenisch-kroatischen Grenze verläuft ansonsten unspektakulär. Vor mir und meiner Balkantüte liegen neun Stunden Fahrt in diesem Zug.

In Dobova kontrollieren die Grenzbeamten Sloweniens und Kroatien gemeinsam den Zug. Wie schon im Oktober wird auch diesmal mein Nachname zackig durchs Funkgerät gegeben, nach einem kurzen Rauschen am anderen Ende erhalte ich meinen Ausweis zurück und Zoll und Polizei ziehen weiter. Ausgestattet mit einer kroatischen Lokomotive setzen wir die Fahrt kurze Zeit später fort.

Am späten Vormittag treffen wir in der kroatischen Hauptstadt Zagreb ein. Die Schlaf- und Liege- sowie Sitzwagen aus Zürich und Schwarzach St. Veit werden abgehangen und die serbischen Wagen, welche seit Villach am Zug sind, durch drei weitere Sitzwagen ergänzt. Das Treiben kann entspannt am Bahnsteig beobachtet werden, denn es dauert seine Zeit.

Der nun folgende Streckenabschnitt ist Neuland für mich. Die Reisegeschwindigkeit wird mit jedem gefahrenen Kilometer langsamer und die Landschaft verändert sich in dünn besiedelte Feld- und Ackerweiten. Der ganze Spaß (Ljubljana - Belgrad) kostet übrigens gerade mal 15 Euro. Im Bahnhof Strizivojna-Vrpolje sind wir nicht weit von der bosnischen Grenze entfernt. Hier konnte man bis vor einigen Jahren noch in den Schnellzug nach Sarajevo umsteigen, inzwischen erreicht der Eisenbahnfreund Bosnien und Herzegowina überhaupt nicht mehr, ohne ein Stück zu Fuß oder mit dem Bus zurückzulegen.

In Vinkovci, einer Stadt im Osten Kroatiens, wird wieder rangiert: die Sitzwagen aus Zagreb werden wieder abgehangen und unser stolzer, internationaler Zug besteht für den Rest der Reise nunmehr aus zwei serbischen Großraumwagen, die am Morgen in Villach ihren Einsatz begonnen hatten. Während dieser Pause komme ich am Bahnsteig mit einem Serben ins Gespräch, der nach eigenen Angaben in der Schweiz arbeitet und mir nicht ohne Pathos versichert, dass die Strecke ab der kroatisch-serbischen Grenze gut ausgebaut sei und der Zug dort 140 km/h fahren werde.

Vor diesem angekündigten Geschwindigkeitrausch müssen wir aber erstmal die Grenzformalitäten über uns ergehen lassen. Im letzten kroatischen Dorf Tovarnik überwachen die damit betrauten Damen und Herren die Ausreise, dann fährt der Zug hinüber nach Šid, wo die serbischen Beamten die Einreisekontrollen durchführen, welche ziemlich gründlich erfolgt. Im Rahmen dieser Pause erhalten wir auch mal wieder eine neue Lokomotive. Dann wird der Zug mit offenen Türen an einen anderen Bahnsteig rangiert und ziemlich viele serbische Fahrgäste steigen zu. Außerdem wird schnell klar: in den Türbereichen darf ab sofort selbstverständlich geraucht werden - auch der Schaffner und seine Auszubildende machen von diesem durch sie selbst eben erlassenen Gesetz rege Gebrauch.

Die kroatische Lokomotive beendet an der serbischen Grenze ihren Einsatz
Die kroatische Lokomotive beendet an der serbischen Grenze ihren Einsatz

Die Auszubildende trägt schwarze Leggings und ein blassrosanes, nicht mehr ganz sauberes T-Shirt, der Schaffner hat ein wohlgeformtes Bäuchlein über seinem Gürtel vorzuweisen. Gemeinsam sind sie fortan damit beschäftigt, den meisten der neu eingestiegenen Fahrgäste noch einen Schnellzug-Zuschlag zu verkaufen. Per Hand sorgfältig ausgefüllte Blanko-Fahrkarten werden selbstsicher vom Block gerissen. In einem Zug, der inzwischen eine gute Stunde Verspätung, weil siebzehn Stunden zuvor in Österreich ein kroatischer Liegewagen ausgesetzt werden musste und der einer der letzten Züge überhaupt ist, die in Serbien noch fahren. Diesen Humor muss man haben - das wird mir auch nochmal klar, als statt der prophezeihten 140 km/h eher in Schrittgeschwindigkeit durch Felder und Wiesen getucktert und vor fast jedem Bahnübergang oder Hauptsignal angehalten wird. Wartende Bauern auf Traktoren können in aller Ruhe aus dem Zug heraus abgelichtet werden.

Traktoren warten an einem Bahnübergang in Serbien
Traktoren warten an einem Bahnübergang in Serbien

Nach einer gefühlten (und tatsächlichen) Ewigkeit erreicht uns 2-Wagen-Zug dann endlich die serbische Hauptstadt Belgrad. Die Schleichfahrt über die Save-Brücke ist ebenso eindrucksvoll, wie das Erlebnis, vielleicht zum letzten Mal in den alten Belgrader Hauptbahnhof einzufahren. 

Belgrad, Save-Brücke
Belgrad, Save-Brücke

Der alte Bahnhof soll nämlich zugunsten eines bereits vollendeten unterirdischen Neubaus geschlossen werden und befindet sich sozusagen schon im Teilabriss - entsprechend melancholisch ist meine Stimmung, als wir an vielen abgestellten Reisezugwagen vorbeischaukeln und schließlich am Prellbock zum Halten kommen.

Längst ist die Entscheidung gefallen, einen ganzen Tag und also zwei Nächte in Belgrad zu bleiben, denn es wäre purer Frevel, nach nur einem Abend diese wunderbare Stadt schon wieder zu verlassen. In einem der besten Häuser der Stadt habe ich von unterwegs aus ein Zimmer reserviert, dessen Bezug ich aber zugunsten eines Bieres in der Kneipe am Querbahnsteig im Sonnenuntergang jedoch noch kurz verzögern werde. Verständlich, bei diesem Anblick. Inmitten längst abgeschalteter Zugzielanzeigen, einer Handvoll verlorener Seelen und eines einzigen wartenden Triebwagens lässt es sich schaurig-schön an die gute alten Zeit denken.

Lesen Sie weiter im 3. Teil.

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