April 2018

Die #RAILtweetet-Reise

Plan- und ziellos unterwegs auf Schienen

3. Teil: Belgrad - Budapest - Košice - Tatra

Für meine beiden Belgrader Nächte habe ich mir ein so hochklassig wie preisgünstiges Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnähe gebucht. Der Empfang ist in Person der attraktiven Melinda ausgesprochen freundlich und der historische Aufzug und das gemütliche Zimmer stehen dieser Schönheit in nichts nach. Lediglich im hoteleigenen Restaurant wird meine Stimmung später stark eingetrübt, als acht Kulturtouristen aus Chemnitz in entsprechendem Dialekt lauthals ihre rassistischen Ansichten kundtun. Zeit, zu schlafen.

Am nächsten Morgen steht ein Spaziergang zum Serbischen Eisenbahnmuseum auf dem spontanen Programm. Auf dem Weg dorthin komme ich am ehemaligen Innenministerium vorbei, welches 1999 bei NATO-Luftangriffen zerstört wurde. Das Gebäudegerippe steht seither mahnend inmitten der Stadt und soll demnächst abgerissen werden.

Das kleine Eisenbahnmuseum der Serbischen Bahn befindet sich im Untergeschoss des Verkehrsministeriums, unweit des Hauptbahnhofes und der Eintritt ist frei. Zu sehen gibt es verschiedene Ausrüstungsgegenstände von Eisenbahnern, ein paar Schilder und Modelle sowie Kartenmaterial aus der Zeit, als auf dem Balkan noch von einem Streckennetz gesprochen werden konnte. Wehmut vermischt sich mit Entsetzen.

Nach einer halben Stunde habe ich - als einziger Besucher - alles ausgiebig begutachten können und finde mich draußen vor der abgestellten Dampflokomotive wieder.

Ich habe nun Lust auf eine Tasse Kaffee und werde in einer kleinen Straße fündig, wo ich vom niedlich dekorierten Tisch einen guten Blick auf die vorbeiziehenden Menschen habe. Es gefällt mir dort so gut, dass ich dem Heißgetränk noch das erste Bier des Tages folgen lasse.

Derart landestypisch gestärkt ist es mir ein Leichtes, den nun folgenden obligatorischen Stadtrundgang zu absolvieren. In der wärmer werdenden Sonne gönne ich mir ein Eis, hier und da kehre ich auf ein weiteres Bierchen ein und an den Souvenierständen kann ich mich einmal mehr über die Fanprodukte verurteilter Kriegsverbrecher erschüttert zeigen.

Die Festung Belgrad mit einem schönen Ausblick auf Save und Donau ist auch heute ein belebter und sehenswerter Ort. Im Schatten spielen ein paar alte Herren Schach.

Zur Mittagszeit habe auch ich naturgemäß Hunger. Über Twitter hat mir ein Follower dankenswerterweise ein Lokal empfohlen, dass sich als Volltreffer erweist. In einer ruhigen Straße kann ich draußen sitzen, werde freundlich bedient und das Essen schmeckt ausgezeichnet. Zu einem weiteren kühlen Jelen sage ich freilich nicht nein.

Am Nachmittag schaue ich nochmal am Belgrader Hauptbahnhof vorbei. Zum einen möchte ich eine Fahrkarte für den morgigen Tag erwerben, zum anderen tickt ja die Uhr für den einstmals stolzen Eisenbahnknoten. Meine Follower haben unterdessen dankenswerterweise entschieden, dass ich über Budapest weiter ins slowakische Košice fahren soll, wobei an dieser Stelle ehrlicherweise angeführt werden muss, dass es mangels Verbindungen kaum Alternativen gegeben hätte, sieht man von der wunderschönen Strecke nach Montenegro ab, für die ich diesmal jedoch leider keine Zeit mehr habe und die ich bislang nur des nächtens kenne.

Bedauerlicherweise sind Fahrpläne auf dem Balkan nicht viel wert, denn beinahe täglich werden Züge zumindest abschnittsweise aus Gründen durch Busse ersetzt. Ein Blick ins Internet hat mir verraten, dass dies selbstverständlich auch für meinen morgigen Zug nach Budapest gilt, welcher erst in Novi Sad beginnen soll. Zwar weiß die mäßig freundliche Schalterbeamtin davon noch nichts, aber ich kann sie schließlich überzeugen und nach einem Austausch mit ihrer Kollegin stimmt sie mir zu, verkauft mir das Ticket und erklärt mir, wo der Bus abfahren wird. Es ist eigentlich nicht notwendig zu erwähnen, dass derartige Hiobsbotschaften nur bei einem weiteren Bier aufgearbeitet werden können und zwar in der Kneipe mitten auf dem Querbahnsteig.

Mit fragwürdigen Gedanken an die Zukunft verlasse ich den Bahnhof und begebe mich zurück ins Hotel, wo ich abgesehen von der einstündigen Störung durch eine anreisende arabische Großfamilie kurz nach Mitternacht und einigen Tobsuchtsanfällen meinerseits endlich einschlafen kann.

Im Supermarkt gegenüber stelle ich mir am Morgen eine neue Balkantüte zusammen, denn allein die Fahrt bis Budapest nimmt - trotz der nicht einmal 400 km, die absolviert werden müssen - den halben Tag in Anspruch. Ein letzter Blick auf die verwaisten Bahnsteige - dann steige ich in den unvermeidlichen Bus des Schienenersatzverkehrs.

Im gut gefüllten und mit WLAN ausgestatteten Reisebus fahren wir zusammen mit dem Zugpersonal nach Novi Sad. Bei serbischer Musik aus dem Radio und einigen interessanten Ausblicken (etwa bei der Fahrt über die Donau) vergeht die Zeit dann doch rasch und nach einer guten Stunde erreichen wir endlich den eigentlichen Zug, EuroCity Avala Belgrad - Wien, seit geraumer Zeit leider auch nur noch mit ohne Speisewagen.

Im letzten Wagen und letzten Abteil beziehe ich mein Quartier. Im sprichwörtlichen Schneckentempo quält sich der einstmals stolze Zug in Richtung der ungarischen Grenze. Gäbe es in der steppenartigen Landschaft Blumen, man könnte sie problemlos pflücken. Eine gute Ewigkeit später erreichen wir Subotica, wo die Grenzformalitäten der Serben und ein Lokwechsel durchgeführt werden. Ein Kleinkrimineller macht sich unter den Augen des Schaffners mit einem Akku-Schrauber an den Verkleidungen im Wagen zu schaffen. Außerdem gesellt sich ein alter Mann aus Israel zu mir, der tatsächlich mit seinem Fahrrad unterwegs nach Budapest ist, obwohl dessen Mitnahme weder der Bus noch der Zug vorgesehen hatten. Er darf es an der letzten Stirnwandtür abstellen, aber der Verkauf einer Fahrradkarte durch die beiden überlgelaunten ungarischen Zugbegleiter erweist sich als härter, als eine Verhandlung auf einem beliebigen Basar in Jerusalem. Nach einigen Drohungen und viel mimisch ausgedrücktem Unmut wollen sie statt der zuerst verlangten 40 nur noch 20 Euro und nach etwas Überzeugungsarbeit sind sie auch bereit, einen mindestens als fragwürdig zu bezeichnenden Beleg auszudrucken. Diesen darf ich als Lohn für meine diplomatische Vermittlung als Andenken behalten. Am Nachmittag erreichen wir Budapest.

In den knapp zwei Stunden Umsteigezeit erwerbe ich zum einen die Fahrkarte nach Košice, zum anderen genehmige ich mir ein Bier. Der Fahrkartenkauf im berüchtigten Budapester Reisezentrum erweist sich als unkompliziert, zu weiteren Auskünften - etwa denen nach dem Preis für die 1. Klasse - ist man allerdings nicht bereit: kurzerhand wird der Schalter geschlossen.

Das Ticket von Budapest nach Košice kostet übrigens 9 Euro und der Zug hat neben ungarischen auch einen kroatischen Wagen dabei, welchen ich für diese Fahrt in die Slowakei natürlich gern nutze - schon aus Neugierde. Viel lieber noch würde ich nun im Nachtzug nach Bukarest sitzen, welcher ein paar Gleise weiter bereitgestellt wird. Aber dieses Projekt muss noch warten. Leider verzögert sich die Abfahrt meines Zuges um fast 40 Minuten und es ist bereits dunkel, als wir uns endlich in Bewegung setzen. Je weiter wir in den Nordosten kommen, desto leerer wird der Zug. An der ungarisch-slowakischen Grenze sind es dann nur noch eine Handvoll Reisende.

Heimatgefühle kommen auf, als wir kurz nach halb elf abends in den Bahnhof von Košice einfahren. Wie oft war ich schon hier? Und immer ist eine ganz besondere Stimmung zu erleben, die vom Reisen mit der Eisenbahn nämlich. Da stehen Nachtzüge, Reisende warten in der Empfangshalle, die Bahnhofsgaststätte hat noch geöffnet, es wird rangiert, angesagt, gepfiffen und von fernen Zielen geträumt. Herrlich! 

Ein schlecht beleuchteter, aber vertrauter Weg führt mich in gut zehn Minuten zu meiner Unterkunft. Das nachhaltige, grüne Hotel (Eigenwerbung) liegt inmitten nächtlicher Straßenstrichaktivitäten und auch ich werde nicht verschont und bekomme entsprechende Dienstleistungen angeboten. Ein kurzer Überblick über den vergangenen, warmen Tag einschließlich der Angabe, wann ich zum letzten Mal duschen konnte (am Morgen nämlich) erweisen sich als sinnvolle Abwehrmechanismen und man lässt schließlich von mir ab und beschränkt die Konversation auf einen kleinen Plausch bei einer Zigarette. Dann gehts ins Bett. Allein.

Einem guten Frühstück folgt der Gang zum Bahnhof. Am Tage freilich frei von sämtlichen Verlockungen. Erst am Gleis beginnen die Emotionen wieder hochzukochen, denn an meinem Schnellzug in die Hohe Tatra, meinem heutigen Ausflugsziel, wurde ein nicht mehr planmäßig im Einsatz befindlicher Halbspeisewagen beigestellt, der in historischem Ambiente mit Fenster auf sofort zu überzeugen vermag. Nein, mehr noch: er macht mich regelrecht glücklich!

Ist es die Waage im Fenster, auf der die Fleischmenge für das Schnitzel ordnungsgemäß abgemessen wird oder sind es die herrlichen Gardinen, die Lämpchen, die liebevoll gestapelten Kästen guten slowakischen Bieres? Einem zweiten Frühstück folgt auf jeden Fall auch noch ein Pivo. Draußen die Landschaft, drinnen gute Stimmung - fantastisch!

Im legendären Bahnhof Poprad-Tatry verlasse ich den gelobten Zug und überbrücke die Zeit mit einem kleinen Rundgang durch eine der schönsten Bahnstationen unserer Zeit, welche zu meiner Freude liebevoll renoviert wurde. Auch für ein weiteres Bier bietet sich nur kurz Gelegenheit. Und für einen Besuch der Bahnhofstoilette, auf der man am Eingang einer netten Frau kundtun muss, um welche Art von Geschäft es sich mutmaßlich handeln wird (50 oder 70 Cent).

Ich kann es nicht lassen! Obwohl schon so oft gesehen und bereist, führt es mich auch heute wieder mit der elektrischen Tatrabahn hinauf nach  Tatranská Lomnica, wo ich die Bahnhofsgaststätte besuchen werde. Ein Tag voller Genuss.

Kaum bin ich satt, gilt es das Dessert zu verdauen: statt eines angekündigten modernen Dieseltriebwagens steht für die Rückfahrt über  Studený Potok eine heißgeliebte Brotbüchse bereit. Kann ein Mensch soviel Glück an einem Tag haben?

Ehrfürchtig nehme ich Platz und genieße die ruckelige Fahrt hinab ins Tal. Der Umstieg in Studený Potok ist dann von Verzögerungen geprägt. Der Anschlusszug nach Poprad-Tatry hat Verspätung und ich ja aber Zeit und trotzdem: der Zugbegleiter lässt es sich nehmen, mich und mein Reiseziel vorzumelden und so wartet tatsächlich - bei Fahrtstellung des Ausfahrsignals - der Schnellzug Bratislava - Košice nur auf mich. Wunderbar!

Und während ich den Tag mit einem Bier in der hübsch hergerichteten Alststadt beschließe...

...möchte ich den geschätzten Leser mit einem Foto vom Bahnhof und meinem geliebten Speisewagenbetreiber Wagon Slovakia verabschieden, in der Hoffnung, dass wir uns im vierten Teil des Berichtes dieser Reise wiederlesen.

Lesen Sie weiter im 4. Teil.

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