April 2018

DIE #RAILTWEETET-REISE

Plan- und ziellos unterwegs auf Schienen

4. Teil: Košice - Lviv - Wien - Karlsruhe

Von Košice nach Lviv und dann über Wien zurück nach Karlsruhe
Von Košice nach Lviv und dann über Wien zurück nach Karlsruhe

Der neue Tag beginnt mit einer unglücklichen Nachricht: in Košice findet heute das große Schlaf- und Speisewagenfest von Wagon Slovakia statt und ich muss ja aber weiterreisen. Sehnsüchtig fallen meine Blicke auf die aufgebauten Zelte im Bahnbetriebswerk, als mein Zug diese schöne Stadt verlässt. Der Zug nach Cierna nad Tisou, an die ukrainische Grenze also, ist sehr gut gefüllt und besteht leider ausschließlich aus modernisierten und klimatisierten Wagen. Wenigstens gibt es hier und da ältere Dieselloks zu sehen.

Wie immer wurde auf der knapp zweistündigen Fahrt ein wenig Verspätung aufgebaut, aber mein Anschlusszug, der nebenbei bemerkt bekanntlich aus exakt einer Lok und einem Wagen besteht, wartet selbstverständlich auf mich. Auf mich und drei weitere Verrückte, die diese nur zweimal am Tag bestehende Verbindung hinüber in die Ukraine nutzen.

Seit einem guten Jahr wurde der sehr heruntergekommene slowakische Wagen durch einen weniger heruntergekommenen slowakischen Wagen ersetzt. Immerhin gehen die Fenster ein bisschen auf und von der Übergangstür am Wagenende kann man schön die Strecke beobachten und fotografieren, insbesondere wenn man allein im  Abteil ist und einen Vierkant dabei hat. Auf der leicht versifften Toilette findet sich eine schematische Zeichnung der wesentlichen Bauteile des Aborts.

Nach nur wenigen Minuten Fahrt hält der Zug an der slowakisch-ukrainischen Grenze und die extra mit Autos dorthin gefahrenen Beamten des EU-Mitgliedslandes führen ihre Kontrollen durch. Wie immer freundlich und unkompliziert, wie so oft in schon erbärmlicher Vormittagshitze.

Der Zug setzt sich nun wieder in Bewegung und zuckelt die restlichen Kilometer nach Chop, dem ukrainischen Grenzort und Eisenbahnknoten. Hier geht auch die Strecke nach Ungarn ab, welche ich auf der Rückreise erstmals befahren werde. Ein letzter Blick in Richtung Slowakei und endlich bin ich wieder in meiner geliebten Ukraine, zum neunten Mal in meinem Leben.

Bedauerlicherweise wurden die Fahrpläne dahingehend verschlechtert, dass der nächste Zug in Richtung Lviv (Lemberg) an Chop vorbeifährt. Aus diesem Grund werde ich mit einem Regionalzug zum nächsten Haltebahnhof des Schnellzuges fahren und dann dort umsteigen. Weil aber noch viel Zeit ist, suche ich zunächst die bekannte Pizzeria auf, welche schon so manchem Eisenbahnreisenden eine gute Gelegenheit zum Überbrücken von Wartezeit und Durststillen verholfen konnte. Leider ist heute im halben Ort der Strom ausgefallen, deshalb gibt es nur Plastikgeschirr, Pizza aber immerhin trotzdem.

Gestärkt, nein, vollgefressen und mit zwei Bieren beseelt, laufe ich wieder zum Bahnhof und erfahre, dass die Nahverkehrszüge vom unmittelbar benachbarten Regionalbahnhof abfahren und auch nur dort Fahrkarten für die Elektritschka erworben werden können. Man muss sich das verdeutlichen: es gibt neben dem vollkommen überdimensionierten Fernbahnhof ein ebenso großes, weiteres Gebäude mit noch einmal derselben Infrastruktur: Wartesaal, Fahrkartenschalter, und so weiter. Beide Empfangsgebäude teilen sich übrigens denselben Hausbahnsteig.

Das Ticket ins wenige Kilometer entfernte Batjowo kostet mich gut aufgerundet 30 Cent. Dann fährt sie ein, die berüchtigte Elektritschka, ein Triebwagen mit ohne Klimaanlage und Großraumwagen mit Holzbänken. Durch die in der Ukraine verlegte Breitspur wirkt das Gefährt noch gigantischer, als es ohnehin schon ist. Allein die Stufen bis in den Fahrgastraum zu erklimmen, kostet mich Kraft - ein anderer schafft es tatsächlich sogar, ein Fahrrad hineinzuwuchten. Die Fahrt in Schrittgeschwindigkeit ist ein einmaliges Erlebnis: alte Frauen mit ihren Einkäufen sitzen zwischen Schülern, Zwielichtigen und Zeitdieben. Dann und wann kommen Verkäufer durch und preisen ihre Waren an: Schlüsselanhänger, Taschentücher, Schmuck. Es ist unfassbar heiß, laut, stickig und es riecht wie eine rollende Toilette. Dennoch bin ich zutiefst beeindruckt. Nach 20 Minuten habe ich mein Ziel erreicht.

In Batjowo bleibt mir Zeit für ein Eis und die Besichtigung der örtlichen Bahnhofstoilette, von deren Besuch ich allerdings Abstand nehme. Dann fährt auch schon der Schnellzug in Richtung Lemberg ein. Wie immer werde ich einigermaßen barsch und grußlos von der Schaffnerin nach Passport gefragt, dieses Mal lasse ich das aber nicht so stehen und sage ihr: Passport, budʹ laska! Damit sind die Umgangsformen endlich mal geklärt und von nun an ist sie sehr freundlich. Mein Deluxe-Abteil ist wie immer sauber und gemütlich, auf dem Tisch steht ein Serviettenhalter aus Porzellan, es gibt Vorhänge und im Gang sogar Klappfenster, aus denen heraus mir einige waghalsige Aufnahmen vom Zug und der wunderschönen Karpaten-Landschaft gelingen. Sogar eine Frau mit Snack-Caddy kommt durch und bietet Getränke sowie selbstgeschmierte Brote an. Es ist einmal mehr eine wunderschöne Fahrt!

Der aus modernisierten Wagen bestehende, lange Zug schraubt sich hinauf ins Gebirge. Die meisten Tunnel und Brücken werden wie immer von einsamen Soldaten bewacht, es bieten sich fantastische Ausblicke und dann und wann gelingt mir auch ein Schnappschuss, zum Beispiel vom Schlafwagenschaffner nebenan oder einer wagentechnischen Untersuchung am Gegenzug.

Am späten Nachmittag erreichen wir pünktlich Lemberg. Hier werde ich von einem Freund abgeholt und in die von mir oft genutzte Ferienwohnung im Zentrum verbracht, selbstverständlich per Straßenbahn.

In den folgenden vier Tagen schlage ich mir überwiegend den Bauch voll, mache Spaziergänge durch die wunderschöne Stadt, genieße kühles Bier in der Sonne oder einen Kaffee am Morgen, schreibe Postkarten, die ihr Ziel schon zwei Monate später erreichen werden oder betreibe sonstigen Müßiggang.

,Dann kündigt sich noch ein Follower und Freund an. Zusammen mit seiner Freundin haben die mehrfach ausgezeichneten Akademiker den langen, beschwerlichen Weg in die Ukraine auf sich genommen und wir verbringen den Rest der Zeit überwiegend gemeinsam. Als die beiden mit dem Intercity+ aus Richtung Polen anreisen, bin ich selbstverständlich zur Stelle und halte das historische Ereignis bildlich fest.

Ich zeige den beiden die Stadt und überrede sie mühsam zu dem einen oder anderen Bier. Wir besuchen den berühmten Lytschakiwski-Friedhof, besteigen den Hohen Schlossberg und fühlen uns allgemein ziemlich wohl hier - so kann ich es ausdrücken. Eine Stadt, voller Gegensätze, die sich in den letzten Jahren immer touristischer entwickelt hat und deshalb möglichst bald besucht werden sollte, falls der interessierte Leser dieses nicht längst schon erledigt hat.

Auch bleibt ausreichend Zeit, sich von den Schönheiten der Stadt inspirieren und sich von den Inspirationen verzaubern zu lassen.

An einem lauen Frühlingsabend steht dann der Abschied an, welcher jedoch mit großer Vorfreude auf die kommende Nacht verbunden ist, denn wir werden mit dem neu geschaffenen Kurswagen nach Wien abreisen. Letzte Eindrücke am Lemberger Hauptbahnhof.

Der Schlafwagen nach Wien kommt mit einem Zug aus Kiew und wird hier in Lemberg an einen neuen Zug nach Chop gehangen. Von dort geht es erst in die Umspuranlage und dann mit einer Diesellok hinüber nach Ungarn. Ein regulärer Schnellzug bringt den Wagen schließlich über Budapest weiter nach Wien.

Selbstredend ist auf Grund der allgemeinen Aufregung aller Reisefreudigen an Schlaf zunächst nicht zu denken. Als wir nach Mitternacht Chop erreichen, beobachten wir interessiert die Prozedur des Umspurens. Unser Wagen wird dazu in die entsprechende Anlage rangiert, dort angehoben und die Drehgestelle werden ausgetauscht. Zwischendrin finden die ukrainische Grenzkontrollen und diverse Schmuggelaktivitäten statt. Ein Herr hatte sich am vorletzten Halt im Nachbarabteil eingesperrt und verstaute nun hörbar und eifrig von uns nicht identifizierbares Gut in den diversen Hohlräumen. Dann stellte er die mitgebrachte leere Tasche am Bahnsteig ab und wurde durch einen anderen, neuen "Gast" abgelöst, welcher sich nach Zutun eines ukrainischen Grenzbeamten erneut im Wagen zu schaffen machte und das Abteil vermutlich auf ungarischer Seite schließlich wieder verließ. Von all dem durften wir nichts mehr mitbekommen, denn die Schlafwagenschaffnerin machte uns nach Abfahrt in Záhony mehr als deutlich, dass wir doch nun bitte das Licht löschen und schlafen sollten. Genau genommen betrat sie unsere Abteile und löschte das Licht höchstselbst - ein Hauch von Landschulheim lag da in der Luft. Am Morgen gibt es einen kurzen Aufenthalt in Budapest und wir können den aus slowakischen Wagen gebildeten Zug bei Tageslicht begutachten.

Der Besuch des mit im Zug befindlichen slowakischen Speisewagens soll einen würdigen Abschluss der Reise darstellen. Bedauerlicherweise gibt es nur ein stark eingeschränktes Angebot und so bleibt es bei Kaffee und Würstchen, später auch Bier.

In Wien werden wir dann von hohem Besuch empfangen: ein bedeutender Eisenbahner der Österreichischen Bundesbahn, der maßgeblich an der Einführung des eben benutzten Kurswagens beteiligt war, lädt zum Mittagessen in einem jugoslawischen Restaurant. Anschließend trennen sich unser aller Wege, meiner führt im ICE (mit Speisewagen) ungewollt, weil verspätet nach Frankfurt. Den dortigen Zwangsaufenthalt von einer knappen Stunde überbrückt dankenswerterweise ein weiterer Follower, der mit Pappbechern und einer erlesenen Auswahl an Bieren meinen Geschmack zu treffen versucht. Irgendwann kurz nach Mitternacht bin auch ich endlich wieder zu Hause in Karlsruhe und auch diese außergewöhnliche Reise findet ihr zähes Ende.

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