April 2018

Die #RAILtweetet-Reise

Plan- und ziellos unterwegs auf Schienen

1. Teil: Von Karlsruhe über Dresden und Wien nach Mailand

Nächtelang hatte ich überlegt, was ich mit meinen knapp zwei Wochen Urlaub im April dieses Jahres anstellen würde. Und einmal mehr waren die gewünschten Ziele eine vollkommene Überforderung für das zeitliche und finanzielle Budget gewesen. Sollte ich mich erstmals nach Rumänien wagen oder doch besser dem südlichen Italien einen Besuch abstatten? Würde es am Ende doch wieder auf die geliebte Slowakei hinauslaufen? Ich resignierte und beschloss, etwas zu tun, das ich so noch nie in meinem Leben gemacht hatte: einfach spontan losfahren. Um diese Idee unwiderruflich zu machen, erwarb ich für den Anfang eine Fahrkarte von Karlsruhe nach Wien über Dresden und kreierte auf Twitter den Hashtag #RAILtweetet. Meine Follower sollten ab Eintreffen in der österreichischen Hauptstadt per Abstimmung entscheiden, wie es weitergehen würde. Kaum hatte ich ein kleines Regelwerk zusammengestellt, begannen auch schon interessante Diskussionen, wo man mich hinschicken könnte. Und dann konnte es endlich losgehen.

Nachdem ich meine letzte Schicht als Zugchef verrichtet habe, tausche ich meine Unternehmensbekleidung gegen etwas Ziviles und begebe mich als scheinbar ganz normaler Reisender zu meinem Zug. Von Karlsruhe soll es über Mannheim und Leipzig nach Dresden gehen, wo ich für einen Abend meine Familie besuchen möchte.

Die Hoffnung: ein letztes Mal überforderte deutsche Reisende erleben
Die Hoffnung: ein letztes Mal überforderte deutsche Reisende erleben

Meine Fahrkarte der 1. Klasse ist von Karlsruhe nach Wien ausgestellt und beinhaltet den erwähnten Aufenthalt in Dresden. Bedauerlicherweise wird die ersehnte Ruhe in meinem Abteil zunächst von einem unerzogenen Kind torpediert, das sich jedoch nach Erhalt eines Smartphones zum Spielen ("Du warst so lieb, das hast Du Dir jetzt verdient") durch den Vater zu beruhigen scheint. Das Schicksal ist auch im weiteren Verlauf auf meiner Seite, denn die beiden haben einen Sparpreis mit Zugbindung erworben und müssen in Frankfurt leider aussteigen und auf ihre gebuchte Verbindung warten. Als Ersatz wird bis Erfurt ein ziemlich schlecht riechender Adipösling gestellt - keine wirkliche Verbesserung der Lage. Das erste Bier der Reise muss folgerichtig schleunigst her und ist bereits geleert, als der Zug mit 280 km/h durch sachsen-anhaltinische Steppen braust.

Dem Umstieg in Leipzig steht nur die Abneigung gegen das nun zu nutzende Gefährt im Weg: ein Doppelstock-Intercity. Aber eine Stunde bis Dresden lässt sich auch darin aushalten.

Höhepunkte deutscher Ingenieursleistung (Kuppelhalle) und ein IC 2
Höhepunkte deutscher Ingenieursleistung (Kuppelhalle) und ein IC 2

Am Abend erwarten mich leckeres, unfiltriertes Bier vom bösen Brauhaus Watzke und mein Bruder - im Sonnenuntergang. 

Nach familiärem Beisammensein und einer kurze Nacht wache ich erwartungsfroh auf, um mich zum Bahnhof Dresden-Neustadt zu begeben. Müde lächelnd schaue ich einer Reisegruppe beim Einstieg in ihren Bus zu und bin allenfalls neidisch auf die mir entgehende Hausmacherblutwurst beim ersten Verkaufshalt und den unzähligen Geschichten von früher.

"Komm mit" - "Nein."
"Komm mit" - "Nein."

Gefrühstückt habe ich bislang nichts, denn die Reise soll ja standesgemäß im tschechischen Speisewagen beginnen. Relativ entspannt widerstehe ich den so genannten Verlockungen von Backwerk und Co. und fotografiere stattdessen mit knurrendem Magen lieber zwei Briefkästen.

Gab es 1839 noch nicht: Bindestriche.
Gab es 1839 noch nicht: Bindestriche.

Dann aber fix auf den Bahnsteig! Einfahrt des EuroCity von Leipzig nach Prag, neuerdings mit ohne Lokwechsel und selbstverständlich mit Speisewagen. Die Lokomotive hört auf den Namen Linda und macht einen fortschrittlichen Eindruck.

Unverzüglich bestelle ich beim freundlichen Kellner ein umfangreiches Frühstück, welches bei der Durchfahrt im oberen Elbtal mit Blick auf die Sächsische Schweiz gleich doppelt gut schmeckt. Zufrieden blicke ich auf die kleine Lampe an meinem Tisch, hoch zur Bastei und zu den anderen Gästen (nicht abgebildet!), die es mir - mal zögerlich, mal  routiniert - nachtun und ebenfalls aus der umfangreichen Speisekarte auswählen.

Den Rest der Fahrt verbringe ich dann im modernen Großraumwagen, auch um noch ein kleines Nickerchen halten zu können. Ab Ústí nad Labem ist dann auch endlich das tschechische Zugbegleitpersonal an Bord und verteilt die bekannten Gratis-Wasserflaschen.

Viel zu schnell erreichen wir Prag. Ab hier hätte ich sofort Anschluss an den Railjet nach Wien, aber da ich zu diesem Zeitpunkt der Reise ja noch selbst das Sagen habe, gönne ich mir eine Stunde Auszeit, um mich dann auf mir bislang unbekannten Nebenpfaden dem Zielbahnhof zu nähern. Somit bieten sich auch ausreichend Gelegenheiten, ein wenig die Atmosphäre dieses wunderbaren Bahnhofs aufzusaugen. 

Auch ein Abschiedsbild von meinem geliebten Speisewagen darf natürlich nicht fehlen. Die tschechische Eisenbahn und der Gastgeber JLV setzen hier wirklich Maßstäbe: das ist Reisekultur!

Einem kurzen Rundgang durch die Empfangshalle folgt dann noch die Ablichtung eines langen RegioNova-Zuges mit Brotbüchsen-Anhang. Da hüpft mein Herz, da kommt doch Freude auf!

Wie bereits erwähnt, werde ich nicht auf der gewöhnlichen Route in Richtung Wien reisen, sondern zwischen Kolín und Brno (Brünn) ein paar Schleichwege nehmen, die mich auch in den Genuss von Dieseltriebwagen und -lokomotiven bringen sollen. Um den gewählten Weg zu veranschaulichen, habe ich dem interessierten Leser folgende Karte beigefügt.

Statt über Pardubice und Česká Třebová werde ich über Jihlava nach Brno reisen.
Statt über Pardubice und Česká Třebová werde ich über Jihlava nach Brno reisen.

Der Schnellzug nach Brno steht bereit und ist gut gefüllt mit Touristen, die einen Ausflug zur nahegelegenen Welterbestätte Kutná Hora planen. Während mein größter Fan (der Jungphysiker Sebastian aus Oldenburg) gerade erst dort war, werde ich eine Besichtigung auf den nächsten Tschechien-Besuch verschieben müssen. Was diesmal bleibt, ist ein Foto des Empfangsgebäudes aus meinem Abteil heraus.

Am heutigen Tage bin ich noch bierfrei - eine Tatsache, so gesund wie skandalträchtig, die mich dennoch nicht davon verschont, dann und wann eine Zugtoilette aufzusuchen. Und auf welchem Eisenbahn-Lokus hängen schon frisch gewaschene Handtücher an der Wand? Folgerichtig wird die liebevolle Einrichtung dokumentiert.

Durch nötige Gleisbauarbeiten hat mein Zug ein paar Minuten Verspätung angesammelt und ich befürchte schon, in ihm sitzen bleiben zu müssen, um nach Brno zu gelangen. Aber am vorgesehenen Umsteigepunkt Havlíčkův Brod wartet der Triebwagen nach Jihlava treu auf mich und so kann er sich - wie geplant - als Zubringer zur Dieselstrecke nützlich machen. Es bleiben sogar ein paar Sekunden, um die sich sonnenden Lokomotiven abzulichten, bevor ich im blauen RegioShuttle Platz nehmen muss.

Nach gerade einmal zwanzig Minuten Fahrt erreichen wir Jihlava - ein Städtchen, das auch sehr schön sein soll und einst durch die Harald-Schmidt-Show unfreiwillig Aufmerksamkeit auf sich zog. Heute aber gehören meine Gedanken nur ihr: der Taucherbrille. Majestätisch wartet die so sehr verehrte Lokomotive mit ihren vier Wagen am gegenüberliegenden Bahnsteig und lässt sich bei blauem Himmel bereitwillig in Szene setzen.

Bei offenem Fenster im letzten Wagen genieße ich jedes Partikel Feinstaub und außerdem die zahlreichen Eindrücke der kleinen Bahnhöfe, die wir durchfahren. Was für eine ausgezeichnete Wahl, sich einmal abseits der gewöhnlichen Reisewege durchzuschlagen!

Irgendwo im Nichts halten wir dann in einem Bahnhof ohne Reisendenzugang, der zur Zugkreuzung genutzt wird. Der artgleich gebildete Gegenzug lässt sich nicht lange bitten und röhrt motiviert um die Kurve, kurz nachdem wir zum Halten gekommen sind. Fantastisch!

Nach diesem genussvollen Moment gelingt es mir einen Halt später auch noch, den Zugführer bei der Bahnsteigbeobachtung abzulichten. Auf der Rampe warten Baumstämme auf die Verladung in einen Güterwagen und am Hausbahnsteig steht ein Personenzug. Für mich eine klassische tschechische Szenerie, die dokumentiert werden muss.

Am Nachmittag erreichen wir pünktlich Brno. Bei der Einfahrt in den Bahnhof kann ich noch das eine oder andere Foto anfertigen - wie immer am offenen Zugfenster begleitet von ein wenig Sorge, dass mein Smartphone aus dem Fenster fallen könnte und der vorliegende Bericht dann nur aus Text bestehen würde.

Nur eine Stunde Zeit bleibt mir für Brno und die nutze ich für einen kleinen Rundgang durch den Bahnhof und sein Umfeld, versacke dann aber endlich in einer interessanten Kaschemme und ziehe in Rekordzeit zwei kalte und wohlschmeckende Starobrno in mich hinein. Was von Brno bleibt? Ein Foto des Empfangsgebäudes, die Erinnerung an sehr leckeres Bier und der gute Vorsatz, bald mal für eine ausgiebige Besichtigung hierher zurückzukehren.

Während ich dann doch einige Mühe habe, in kurzer Zeit beide Biere zu verinnerlichen, geht parallel auf Twitter die erste Abstimmung bezüglich meines nächsten Reisezieles zu Ende. Als ich zum Railjet nach Wien schwanke, haben 119 Follower abgestimmt und zwar mehrheitlich - und das überrascht mich dann doch - für Milano. 

Auf diesen Schreck brauche ich erstmal ein weiteres Bier. Und weil die Österreicher gerade einen neuen Speisewagen-Betreiber an Bord geholt haben, möchte ich den DON natürlich auch testen. Zunächst bleibe ich unbeachtet, schließlich muss ich intervenieren, bis ich vom gelangweilten Kellner ein Gösser serviert bekomme und ein Nudelgericht bestellen kann. Bedauerlicherweise vergisst er das Essen und so komme ich erst nach einer guten halben Stunde und erneuter Nachfrage endlich zum Zuge. Es schmeckt wie die Henkersmahlzeit von Henry am Zug, dem vorherigen Betreiber der österreichischen Speisewagen, aber selbst der hätte es nicht aufgegessen. Schade.

Als ich im Wiener Hauptbahnhof aussteige, treffe ich mich mit einem mir bis dahin unbekannten Mann. Er arbeitet an einflussreicher Stelle bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), hat die halbe Welt mit der Eisenbahn bereist, hält die Tickets für meine Rückreise in anderthalb Wochen für mich bereit und macht auch sonst einen durchweg wunderbaren Eindruck. Bei gemeinsamen Bieren in der Abendsonne vor dem Empfangsgebäude habe ich die Gelegenheit, ihn gehörig auszufragen. Auch begeben wir uns zum Fahrkartenschalter und ich erwerbe mein Ticket für den Nightjet nach Milano. Ein Single-Abteil für den Nachtzug, der in einer guten Stunde abfährt, kostet mich stolze 169 Euro. Wenig später sitze ich bereits in meiner Kabine und fülle die Karte mit meinen Frühstückswünschen aus. "Gebäck" bedeutet übrigens Brötchen und sollte unbedingt mit ausgewählt werden.

Der Schlafwagenschaffner ist sehr zuvorkommend und weil dies hier meine 49. Nachtzugfahrt ist, bestelle ich zur Feier des Tages als Abendessen eine Gulaschsuppe, Würstchen und weiteres Bier. Außerdem gibt es einen Begrüßungssekt, den ich mir aber für den nächsten Morgen aufhebe. Der Zug fährt los, draußen gucken die Leute neidisch und ich bin ziemlich glücklich.

Als es draußen endgültig dunkel ist und mich die Bettschwere ereilt, nutze ich noch die am Wagenende befindliche Dusche und begebe mich anschließend ins Bett. Am nächsten Morgen begrüßen mich das Gardaland-Maskottchen und ein wunderschöner Sonnenaufgang.

Etwa eine Stunde vor der Ankunft in Milano bekomme ich mein Frühstück ans Bett gebracht. Gibt es etwas Schöneres, als eine Reise im Nachtzug?  Wissend, dass diese Frage allenfalls rhetorischer Natur ist konstatiere ich dennoch: Mir fällt nichts ein.

Schließlich erreichen wir pünktlich den prächtigen Mailänder Hauptbahnhof. Eine neuerliche Abstimmung über die Weiterreise hat am Morgen ergeben: ich soll nach Ljubljana fahren, in die Hauptstadt Sloweniens also. Endlich geht es in die richtige Richtung, denke ich und trauer ein wenig dem vielen Geld hinterher, das ich hier im Nightjet ließ. Aber ich gab gern und bereue letztlich nichts. 

Nur kurz kann ich noch dem Zugbegleitpersonal hinterherschauen, dann wende ich mich dem Fahrkartenautomaten zu: es gibt also ein Revival meiner Fahrt im vergangenen Herbst. Aber warum eigentlich nicht, wenn es doch so schön ist?

Lesen Sie weiter im 2. Teil.

Kommentare: 0