März 2017

Südliches Polen und Meer und MeHr

Eine beeindruckende Eisenbahnrundfahrt

1. Teil - Vom Bodensee Über Swinemünde NACH KRAKAU

Meine über 3000 Kilometer lange Reise beginnt noch dienstlich am Bodensee, in Konstanz. Vom südlichen Ende Deutschlands begleite ich den letzten verbliebenen Intercity SCHWARZWALD durch selbigen bis nach Karlsruhe, um sogleich die Fahrt in privater Funktion in Richtung Dresden fortzusetzen. Standesgemäß beginnt die Urlaubswoche mit dem klassischen ICE-Gedeck: Chili con carne und Weißbier. Nach einer Nacht an der Elbe gehts mit meinem Vater zusammen los in Richtung Norden, zunächst nach Berlin.

Dienstlicher Urlaubsbeginn im Schwarzwald
Dienstlicher Urlaubsbeginn im Schwarzwald

Die gemeinsame Reise führt uns über die Hauptstadt an die Ostsee, auf die Insel Usedom. Warum? Nun, es erschien mir geeignet, im Schlafwagen nach Krakau zu fahren und der in Swinemünde beginnende Nachtzug erreicht die Stadt mit dem Wawel zu äußerst angenehmer Tageszeit, nämlich morgens, kurz vor halb elf. Außerdem kommen wir so in den Genuss, nochmal ein paar Stunden am Meer zu verbringen. Doch bevor wir unsere Füße in den Sand des Ostseestrandes setzen, frühstücken wir erst einmal. Der tschechische Speisewagen im EuroCity Prag - Berlin verwöhnt uns gewohnt zuverlässig und günstig.

Zugegebenermaßen beenden wir das Frühstück mit zwei leckeren, kühlen Bier, denn es ist ja schließlich schon nach 11 Uhr. Und so lässt sich die montägliche Tristesse des Regierungsviertels auch gleich viel besser ertragen und es entstehen recht interessante Aufnahmen der Betonwüste im Zentrum der Macht.

Die Umsteigezeit ist überbrückt und es beginnt die leidige Fahrt mit dem Regionalexpress in Richtung Stralsund. Drei lange Stunden mit unzähligen Halten und sonderbaren Fahrgästen vertreiben wir uns mit Backgammon-Spielen, schlafen und essen. Erwähnenswert sind die teilweise zu Fahrradtransportwagen umgebauten Doppelstock-Untergeschosse, im Sommer sicherlich sinnvoll. Nach einer Ewigkeit erreichen wir Züssow, wo wir in die Usedomer Bäderbahn (UBB) umsteigen, die es so wohl nur noch bis zum Jahresende gibt, denn die Konzernmutter Deutsche Bahn wird die Strecke auf der Insel ab da wieder selbst betreiben. Seit gut 15 Jahren kann man mit dem Zug über die Brücke in Wolgast wieder direkt auf nach Usedom fahren und die Zeit, in denen das Dampfschiff "Stralsund" Güter und Materialien von Wolgast auf die Insel brachte, sind lange vorbei. Trotzdem liegt es als Denkmal im Hafen und lässt sich aus dem Zug heraus bereitwillig ablichten. Genau wie unzählige Schwellen am Streckenrand. Es tut sich was!

Im Seebad Heringsdorf macht der Zug Kopf (Fahrtrichtungswechsel), einige historische Fahrzeuge sind rund um das UBB-Hauptquartier noch zu bestaunen und die letzten Meter bis nach Polen sind dann schnell gemeistert. Pünktlich erreichen wir Swinemünde-Zentrum.

Dann klart der Himmel langsam auf und wir gehen mit unseren recht schweren Rucksäcken direkt in Richtung Strand. Gute drei Stunden haben wir nun, um ein wenig am Meer entlang zu spazieren, etwas zu essen und mit der Fähre zum polnischen Bahnhof überzusetzen, derzeit die einzige Möglichkeit, auf die andere Seite, zur Insel Wollin zu gelangen. Sehenswert sind Baufortschritte bei den Strandhotels, ausfahrende Fährschiffe nach Skandinavien und lustige Plakate, ja gar Dynamo-Aufkleber.

Unser Weg führt uns schließlich in ein nettes Lokal im Zentrum gehobeneren Ambientes, wo wir uns verköstigen lassen. Anschließend begeben wir uns zur Fähre, die man mangels Alternativen kostenlos benutzen kann und sehen von dort aus schon im Bahnhof unseren Nachtzug stehen. Vorfreude!

Der aus stolzen zwölf Wagen gebildete Schnellzug (TLK) mit dem Namen UZNAM (Usedom) besteht aus zwei Zugteilen, die in Posen getrennt werden. Der vordere Teil fährt dann weiter nach Warschau, der hintere mit uns nach Krakau. Unterwegs gibt es noch weitere Kurswagengruppen anzuhängen, dazu später mehr. Wir versorgen uns erstmal mit Bier und Knabbereien und steigen dann in den letzten Wagen, ein (leider) ziemlich moderner Schlafwagen mit zahlreichem überflüssigem Schnickschnack, wie nervigen LED-Beleuchtungen, Zuglaufanzeigen im Abteil, Klimaanlage, einer Dusche (auch dazu später mehr) und Rauchmeldern. Der Schlafwagenschaffner teilt uns unsere Kabine zu und wir genießen die gemütliche Fahrt bei einer weiteren Runde Backgammon. 

In Stettin fährt der Zug schlauerweise über eine nördliche Brücke in den Bahnhof ein und südlich wieder aus, so dass ein Fahrtrichtungswechsel nicht notwendig ist. Ich beschließe duschen zu gehen, was leider in einem Fiasko endet. Denn die Dusche ist eine Fehlkonstruktion, das Wasser läuft nicht ab und schnell rette ich meine Klamotten und bin eine gute Viertelstunde damit beschäftigt, das schon durch die Tür in den Gang laufende Duschwasser mit allen verfügbaren Handtüchern aufzusaugen. Peinlich berührt, aber immerhin geduscht, schleiche ich mich ins Abteil zurück. Dann schlafen wir ein. Am nächsten Morgen, wir sind inzwischen schon hinter Kattowitz, wachen wir auf und bekommen den obligatorischen Kaffee mit Hörnchen. Nun werden wir noch anderthalb Stunden bis Krakau durch eine endlose Baustelle schleichen, mit atemberaubenden 40 Kilometern pro Stunde. Da wir noch immer am Zugschluss sind, bietet sich wenigstens ein guter Blick auf das Baugeschehen.

Pünktlich wie die Eisenbahn fahren wir in Krakau ein, jenem durch ein Shoppingcenter verhunzten Hauptbahnhof, dessen einstige Schönheit noch am östlichen Ende zu erahnen ist. Das Wetter ist vielversprechend und sogleich machen wir uns auf zum ehemaligen Empfangsgebäude und dann weiter in die Stadt, das Frühstück am Rynek fest im Blick.

Meinen Vater zieht es in ein explizit als Touristenfalle gebrandmarktes Café in der vordersten Reihe, direkt am Ring mit exzellentem Blick auf das Geschehen der Pferdekutschen und erwartungsgemäß grausigem Service. Dann haben wir Kräfte genug gesammelt, um erste Eindrücke dieser wunderschönen Stadt erhalten zu können.

Am frühen Nachmittag können wir unsere Ferienwohnung für die nächsten beiden Nächte beziehen. Sie ist ziemlich günstig, ziemlich zentral und sehr sehr groß. Hat die Sache einen Haken? Aber ja: den erfahren wir aber erst am nächsten Morgen. Pünktlich sieben Uhr beginnen über uns Bauarbeiten mit dem Presslufthammer. Aber tagsüber hatten wir ja ohnehin nicht vor, uns dort aufzuhalten. Stattdessen besichtigen wir an den beiden Tagen (natürlich) den Wawel, wo nun auch einer der beiden anstrengenden Zwillinge seinen Frieden gefunden hat, besichtigen das ehemalige Ghetto auf der anderen Seite der Weichsel und ein Museum mit einer Ausstellung über Spuren jüdischen Lebens.

Mein Vater versucht vergebens, eine Tauben fütternde Frau von der Widerwärtigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Außerdem laden zahlreiche Straßencafés zu einem kurzen Verweilen bei kühlem Bier in der Sonne ein. Und selbstverständlich bleibt auch ein wenig Zeit, um Schienenfahrzeuge zu fotografieren.

Im Kasimir-Viertel lassen wir es uns bei orientalischen Spezialitäten gut gehen und futtern am nächsten Tag so viele Piroggen, dass wir fast nicht mehr laufen können. Denn zuvor gab es noch eine große Schüssel der berühmten Sauerteigsuppe Zurek.

Im Camelot-Café in der Altstadt lässt es sich ausgezeichnet frühstücken und man kann direkt an einem kleinen Tisch in einem ehemaligen Schaufenster sitzen, was wir freilich auch tun.

Und nach zwei Tagen und Nächten in Krakau müssen wir nun Abschied nehmen. Nach dem Petit dejéuner in einem niedlichen französischen Bistro wandern wir wieder zum Bahnhof, wo uns der Langläufer-Intercity von Przemyśl nach Swinemünde in einem deklassierten Erste-Klasse-Wagen in Empfang nimmt und uns in das kleine Städtchen Brieg bringen wird. Selbstverständlich wird auch bei dieser Gelegenheit der Speisewagen besucht. Das ausgesprochen schmackhafte Schnitzel wird hier verwerflicherweise noch immer auf einem polnischen Pappteller serviert. Der Zug hört übrigens auf den Namen Matejko, jener polnischen Maler nämlich, der uns kurz zuvor in Form eines Denkmals auf dem Weg zum Bahnhof begegnet war.

Und so schließe ich den ersten Teil des Berichtes mit ein paar Zug-Fotos aus Krakau und Brieg ab und möchte die Aufmerksamkeit auf die Zugzielanzeiger am Bahnsteig lenken, die im Falle der schlesischen Kleinstadt noch in wunderbar alter Blätterbauart angebracht sind.

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Kommentare: 1
  • #1

    Sebastian (Mittwoch, 26 April 2017 23:21)

    Ich schon wieder…
    Das ist ja lustig – eine sehr ähnliche Reise habe ich im November gemacht, nur in Gegenrichtung (von Krakau nach Świnoujście). In Polen macht das Nachtzugfahren einfach noch Spaß.