Sonnenfinsternis 1999

Erinnerungen aus dem Liebestagebuch

Dienstag, 10. August 1999, 19:45 Uhr

Mit meiner Schulfreundin und Banknachbarin habe ich mich in der S-Bahn zum Dresdner Hauptbahnhof verabredet. Ich bin 16 Jahre alt und habe mir von meinem Taschengeld ein spezielles Ferienticket für Jugendliche gekauft, mit dem man vier beliebige Fahrten quer durch Deutschland unternehmen kann. Unser gemeinsames Ziel ist Stuttgart. Wir wollen dort morgen Früh pünktliche eintreffen, weil wir die Hoffnung pflegen, die Sonnenfinsternis so besser erleben zu können.

20:10 Uhr

Am Dresdner Hauptbahnhof angekommen gehen wir zum Gleis 19, wo bereits der Schnellzug nach München und Stuttgart bereitsteht. Wir wollen über Nacht im Sitzwagen reisen und freuen uns riesig, dass alle Abteile noch leer sind. Frohgemut lassen wir uns nieder.

20:23 Uhr

Die Zugbegleiterin erscheint. Sie sagt uns, dass der Zug mitnichten leer sei, im Gegenteil, er sei ausgebucht und deshalb habe man gar nicht erst Reservierungs-Schildchen an den Abteilen angebracht. Wir werden in den Packwagen geschickt.

22:55 Uhr

Leipzig Hauptbahnhof. Der Zug hat eine Stunde planmäßigen Aufenthalt. Wir kommen vom Mc Donalds zurück und unser Packwagen ist voller Fahrräder und Menschen. Gerade so kommen wir noch im Gang eines Abteilwagens zum Stehen. Die Laune ist am Tiefpunkt.

Mittwoch, 11. August 1999, 03:30 Uhr

Wir haben Nürnberg erreicht und nun über vier Stunden im engen Gang des Abteilwagens gestanden. Wir wollen einfach nur mal sitzen. Da hier die Kurswagen nach Stuttgart einem InterRegio beigestellt werden, verlassen wir geistesgegenwärtig den Nachtzug und suchen diesen InterRegio. Und tatsächlich: leere, warme, gemütliche Wagen stehen bereit - endlich können wir sitzen. 

06:46 Uhr

Wir erreichen Stuttgart. Mein Kopf platzt fast, in der Apotheke finde ich Abhilfe. Fußmarsch in die Stadt und Suche nach etwas Essbarem. Es regnet in Strömen, nichts hat geöffnet, wir haben den Kanal voll. Irgendwann finden wir ein Mc Donalds. Ich bin hundemüde, friere, habe keine Lust mehr. Bis zur Sonnenfinsternis sind es noch Stunden.

09:24 Uhr

Abbruch. Die Aussicht, in Stuttgart später etwas zu sehen, ist wegen des Regens gering. Außerdem kann ich mich vor Müdigkeit nicht mehr auf den Beinen halten. Da mein nächstes Ziel ohnehin Rostock ist, wo ich meine Jugendliebe nach Jahren wiedersehen möchte, steige ich in den ICE HANS HOLBEIN  nach Hamburg und schlafe sofort ein. Meine Reisebegleiterin bleibt in Stuttgart zurück.

12:31 Uhr

Ich wache auf. Wir rasen mit 250 Sachen durch die Tunnel zwischen Fulda und Göttingen. Endlich ausgeschlafen. Kurz vor Göttingen reißt der Himmel auf, viele - auch ich - setzen ihre Sonnenfinsternis-Brille auf und wir erleben das Naturschauspiel aus dem rasenden ICE heraus. Fantastisch! Später werde ich erfahren, dass meine Schulkameradin in Stuttgart im Regen vor lauter Menschen nicht einmal die Leinwand sehen konnte, auf der die Sonnenfinsternis aus Freiburg übertragen wurde.

14:35 Uhr

Hamburg Hbf. Von den letzten Resten meines Taschengeldes kaufe ich für 25 DM rote Rosen. So gewappnet steige ich in den InterRegio nach Rostock.

19:22 Uhr

Mit dem großen Bruder meiner Jugendliebe sitze ich vor dem Haus und rauche eine der ersten Zigaretten meines Lebens. Trotz der vielen Liebesbriefe und vieler Jahre des Darbens und Wartens: sie interessiert sich nicht mehr die Bohne für mich. Frustriert werde ich noch zwei Tage bleiben und dann weiter nach Nordhausen zu meinen Großeltern fahren. Wir werden uns nie wieder sehen.

verfinsterte Sonne, 1999

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