Steigen Sie ein!

Ein Plädoyer für die Eisenbahnreise

Es gibt eine Wahrnehmung fernab der alltäglichen Routine der Rush-Hour oder des wochenendlichen Verwandtschaftsbesuchs. Jenseits von Geschäftsreisen, Städtetrips und Anreisen zum Flughafen versteckt sich, von nur wenigen Menschen realisiert, der Zauber der Reise an sich. Das gemächliche Erreichen eines Zieles, das Irrlichtern, die Zugfahrt als Abenteuer mit unbekanntem Ausgang oder zumindest mit Variablen, das bewusste oder auch verträumte Notiznehmen von Landschaften, Mitreisenden und eigenen Stimmungen.

 

An kaum einem anderen Ort, als in einem Zug, kann das Privileg des sich-gemütlich-Einrichtens mit gleichzeitigem Weiterbewegen, Ortswechseln, dem Überwinden von Distanzen so intensiv gespürt werden. Für ein paar Stunden sind wir als Eisenbahnreisende in einer Umgebung, der wir uns anvertrauen, zu unserem vorübergehenden zu Hause machen und steigen wir aus, so ist alles anders, als zuvor. Eine neue Stadt, ein neues Ziel, eine veränderte Tageszeit. Wer das Reisen als das eigentliche Erlebnis begreift, sich in Beobachtungen von Mitreisenden verlieren oder bei Bier und gutem Essen in unbekümmerte Gedankenlosigkeit begeben hat, dem wird sich die Frage nach Zielen und Endpunkten kaum mehr stellen. Vielmehr wird die vergehende Zeit und die wechselnde Umgebung draußen am Fenster zum eigentlichen Sinn der Reise. Es entsteht eine Gemütslage, nach der wir uns im alltäglichen Versuch des Abschaltens so oft sehnen und die im exakt dafür gebuchten Urlaub oft gar nicht so recht entstehen mag.

 

Der Fahrplan ist dabei Richtschnur und Gesetz zugleich, die Gewähr über das pünktliche Erreichen bestimmter Orte zu festgelegten Zeiten treffen nicht wir, sein Einhalten kann niemand beeinflussen und das Abgeben dieser doch gundlegenden Verantwortung entledigt uns einer Last, derer wir uns sonst fast nie entziehen können. Uns bleibt die Freiheit. Ein Aussteigen ist möglich, wann immer wir möchten und ein Nutzen der Zeit wird zum angenehm simplen Selbstverständnis. Wir müssen nichts tun - wir können alles tun. Denn der Sinn ergibt sich aus der Fahrt selbst: je weiter wir uns von einem Ort fortbewegen, desto unvermeidlicher kommen wir dem nächsten näher.

 

Setzen Sie sich in diesem Sinne doch schon bald mal wieder in einen Zug und vielleicht werden Sie für jede Verspätungsminute dankbar sein: zum Glück! - die Reise ist noch nicht vorbei...

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