Juni 2016

Ukraine 2016

"Keine Termine und leicht einen im Tee"

2. Teil: In der Hauptstadt Kiew

Nach 49 Stunden und zwei Nächten im Schlafwagen erreiche ich mein erstes Ziel, Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Auf den letzten Kilometern fahren wir ziemlich langsam auf schnurgerader Strecke durch die Vororte. Es ist 10 Uhr morgens, als wir pünktlich im Hauptbahnhof von Kiew einfahren. Ausgeruht und neugierig schleppe ich meinen viel zu großen Koffer hinauf zum Steg. 

Der Bahnhof Kyjiw-Passaschyrskyj bietet eine beeindruckende Empfangshalle aus den frühen 1930er Jahren und einen in sozialistischer Moderne der 1960er Jahre gehaltenem Bahnhofsteil im Westen, verbunden durch einen überdachten Steg über die 14 Bahnsteiggleise, zu denen man nur über Treppen nach unten gelangt. Der erste Eindruck ist gut, wenngleich Bahnhofsumgebungen freilich häufig nicht zu den schönsten Plätzen einer Stadt gehören.

Mit dem Taxi fahren wir zunächst zum Hotel. Erstaunt stelle ich fest, dass Kiew sehr bergig ist, ständig geht es rauf und runter, außerdem knallt die Sonne bereits ziemlich und die Gegend, in der wir wohnen werden, ist architektonisch mindestens kritisch zu hinterfragen. Jeder, der Geld und Beziehungen hat - so scheint es - baut hier sein Märchenschloss, eigentlich fehlen wirklich nur noch Mickey und Goofy, die treu-dämlich winkend aus einem der Häuser gewackelt kommen. Willkommen im Disneyland.

Was aber sofort auffällt, ist die angenehme Grundstimmung in der Stadt. Sie wirk auf mich überraschend international, ich fühle mich sicher und willkommen und unser erster Weg führt erfreulicherweise zum Dnepr, dem immerhin drittlängsten Fluss Europas. Das stadtseitige Ufer ist leider vollkommen verbaut, aber auf der gegenüberliegenden Seite sind Strände, Wald und badende Menschen zu sehen. Wir verschaffen uns bei einer einstündigen Schifffahrt einen ersten Überblick.

Bis auf die zu laute und zu nervige Musik an Bord ist es eine schöne Sache. Wir passieren verschiedene Brücken, sehen Kirchen, Wälder, Berge, merkwürdige Häuser und die Mutter-Heimat-Statue. Außerdem eignet sich eine solche Fahrt auf dem Fluss auch dazu, ein bisschen besser in der unbekannten Stadt anzukommen. Als wir wieder an Land sind, entdecken wir nahe des Public-Viewing-Platzes (es ist schließlich gerade Fußball-Europameisterschaft) eine elektrisch betriebene Standseilbahn, welche uns bequem und zum kleinen Preis (20 Cent) auf einen der Kiewer Hügel bringt.

Wir setzen unseren Stadtrundgang noch ein wenig fort, essen etwas und fallen ziemlich müde ins Bett. Fazit des ersten Tages: Kiew ist aufregend, zugleich entspannt, bisweilen recht laut, aber doch ziemlich angenehm. Und vollkommen verbaut. Aber auch zahlreiche schöne Ecken haben wir gefunden. Es ist schwer, eine Empfehlung auszusprechen. Um expliziert einen Städteurlaub zu machen, fallen mir sicher sofort andere Metropolen ein. Aber dennoch ist Kiew einen Besuch wert, sollte man einmal in der Nähe sein.

Den nächsten Tag muss ich allein über die Runden bekommen, weil mein Freund Termine hat. Er legt im Goethe-Institut eine Deutschprüfung ab. Und so nehme ich mir für den Vormittag einen Besuch der Nationalgalerie vor. Wie so oft in ukrainischen Museen, finden sich auch hier typische Dinge sofort wieder: ein extrem geringes Eintrittsgeld, mindestens eine Etage ist "aus Gründen" geschlossen und in jedem Ausstellungsraum patrouillieren viel zu viele Aufseherinnen, die in jedem Raum, den ich betrete, das Lich ein- und hinter mir dann wieder ausschalten. Die Gemälde sind einigermaßen interessant, auch wenn die ganz großen Werke und Meister hier nicht anzutreffen sind. Am Museumsgebäude vorbei findet eine Demonstration statt, sie ziehen hinauf in Richtung des Parlamentes.

Im Anschluss daran besuche ich noch das Museum über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Auf relativ kleiner Ausstellungsfläche wird hier doch sehr anschaulich und mehrsprachig erläutert, wie das Atomkraftwerk seinerzeit funktionierte, wie es zu dem Unfall kam und was die Folgen waren und sind. Tschernobyl liegt nur etwa 50 km von Kiew entfernt und die Fotos und Tonaufzeichnungen von damals sind schon beklemmend, erschreckend. Dann wende ich mich wieder der neueren Geschichte zu und besuche den Majdan, jenen Unabhängigkeitsplatz, auf dem vor reichlich zwei Jahren die Revolution gegen die damalige Regierung Janukowytsch begann. Für mich, der die Ereignisse seinerzeit gespannt am Fernseher verfolgt hat, ein sehr interessanter Ort. Am großen Denkmal findet gerade eine Trauerfeier für in der Ostukraine getötete Soldaten statt. 

Majdan, Kiew
Majdan, Kiew

Abends gucken wir wieder Fußball auf der Fanmeile am Dnepr, ein wunderbares Erlebnis, da die Menschen sehr nett und offen sind und die Getränkepreise fantastisch. Und dann steht schon der dritte und letzte Tag in der ukrainischen Hauptstadt bevor. Auf meinen Wunsch hin fahren wir mit der Metro zum Bahnhof, Ziel ist das Eisenbahnmuseum. Die Metro in Kiew liegt teilweise sehr tief unter der Erde. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis man die langen Rolltreppen nach unten gefahren ist. Für eine Mitfahrt benötigt man einen Chip, dieser kostet ungefähr 20 Cent und berechtigt zur Fahrt so lange, bis man die U-Bahn wieder verlässt.

Mitten im Hauptbahnhof integriert ist das Freiluft-Eisenbahnmuseum. Hier kann man eine kleine Anzahl historischer Salon- und Schlafwagen von innen und außen bestaunen, außerdem ein paar Lokomotiven. 

Das Gelände ist überschaubar, aber dennoch keinesfalls uninteressant. Auf die Dampflok kann man sogar hinauf in den Führerstand steigen.

Nun aber genug mit Eisenbahn. Ein letzter Spaziergang durch die Stadt soll bei traumhaftem Wetter einen würdigen Ausklang unseres Aufenthaltes bilden. Und tatsächlich bieten sich uns fantastische Blicke über die Stadt und zwei reizende Mädchen bereiten uns an ihrem Stand kühle, leckere Limonade frisch vor unseren Augen zu. Auf unserem Weg kommen wir unter anderem am Parlament und am "Bogen der Völkerfreundschaft" vorbei.

Genau als das Spiel Ukraine gegen Deutschland beginnt, müssen wir leider zum Bahnhof, denn unser Nachtzug wartet. Ein letzter Blick auf die Stadt sei erlaubt und zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich hier sehr wohl gefühlt habe. Durch die hügelige Lage empfindet man nicht an jeder Stelle die Hektik einer Großstadt, es gibt viele Grünflächen und Parks und eine interessante, wenn oftmals auch geschmacklose Architektur.

Wir besorgen uns noch Proviant und Getränke und steigen dann in den ziemlich modernen Schlafwagen nach Lviv. Es gibt eine Temperaturanzeige, eine fahrtabhängige Belüftungsanlage und einen Bildschirm in jedem Abteil, der aber leider nur zum Abspielen auf Speichermedien aufgezeichneten Fußballspielen taugt. So bemühen wir eben den Live-Ticker mittels Smartphone und stoßen mit einem Bier auf die deutsch-ukrainische Freundschaft an, während die Eisenbahn Kiew verlässt und westwärts in den Sonnenuntergang rollt.

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