Juni 2016

UkraiNe 2016

"Keine Termine und leicht einen im Tee"

3. Teil: Lemberg, Kindereisenbahn, Iwano-Frankiwsk

Die Rückfahrt von Kiew nach Lemberg über Nacht im modernisierten Schlafwagen ist sehr angenehm. Nachdem klar ist, dass Deutschland gegen die Ukraine gewonnen hat und das letzte Bier ausgetrunken ist, schlafen wir ein und erwachen kurz vor Lemberg, das wir zu einer recht unchristlichen Zeit früh um 5 pünktlich erreichen.

Bahnhof Lemberg, sehr früh am Morgen
Bahnhof Lemberg, sehr früh am Morgen

Nach einem Frühstück bei meinen Freunden beziehe ich am Mittag die mir schon bekannte Ferienwohnung inmitten des Zentrums von Lviv. Am Nachmittag treffen wir uns dann an der Universität, wo es eine Leinwand gibt und die EM-Spiele übertragen werden. Gegen ein geringes Eintrittsgeld kann man sogar sitzen und zwar auf aus Holzpaletten gezimmerten Bänken. Von dieser Möglichkeit machen an diesem Tag aber nur sehr wenige Menschen Gebrauch.

Public Viewing vor der Universität von Lemberg
Public Viewing vor der Universität von Lemberg

Die beiden folgenden Tage nutze ich dazu, ausgiebig Müßiggang zu betreiben. Bei wunderbarem, ein wenig zu heißem Sommerwetter, wandere ich von Café zu Café, genieße den Urlaub, die Stimmung und beobachte Leute. Die Stadt ist sehr voll und an jeder Ecke wird etwas geboten: Musik, Seifenblasen, Haare schneiden, Yoga oder die Möglichkeit, das legendäre Putin-Klopapier zu erwerben, das neu jetzt auch mit Poroschenko-Motiv erhältlich ist.

Für den Montag habe ich mir einen Besuch der Kindereisenbahn im Stryiski- Park vorgenommen. Mit der Straßenbahn fahren wir in die Nähe des Parks, durchqueren diesen und finden schließlich den Abfahrtsbahnhof. 

Die Strecke ist nicht besonders lang, man fährt gerade einmal 7 Minuten und das eingesetzte Personal, vornehmlich stolze Kinder in Eisenbahner-Uniformen, ist zahlenmäßig vollkommen überbesetzt, nimmt die Sache dafür aber sehr ernst. Sogar einen Schrankenwärter gibt es. Im Zug laufen viel zu laute ukrainische Kinderlieder, aber trotzdem ist die kurze Fahrt ein Erlebnis.

Nach einer guten halben Stunde ist das Kapitel Kindereisenbahn auch schon wieder zu Ende. In einer Pizzeria in der Nähe versacken wir schließlich und lassen den Tag bei kühlem Bier und philosophischen Gesprächen im Schatten ausklingen. Am nächsten Morgen treffen wir uns sehr Früh am Hauptbahnhof, denn es steht ein Ausflug nach Iwano-Frankiwsk an. Die Stadt liegt 130 Kilometer südöstlich von Lemberg auf halben Weg ins wesentlich bekanntere Czernowitz, das uns für einen Tagesausflug aber zu weit entfernt ist. Vor der Straßenbahnfahrt zum Bahnhof bietet sich mir die Gelegenheit, die noch menschenleere Innenstadt ganz allein zu genießen.

Im 4er-Schlafwagenabteil des von uns genutzten Schnellzuges machen wir es uns gemütlich und nach einem kleinen Frühstück können wir uns alle nochmal hinkuscheln und ein bisschen schlafen. Das ist natürlich ganz wunderbar. Die Fahrt führt vorbei an den Vororten Lembergs und schließlich durch sehr ländliches Gebiet, kleine Dörfer, die einsam, aber gut in Schuss zu sein scheinen. Bespannt ist unser Zug mit zwei Diesellokomotiven. Nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden erreichen wir dann Ivano-Frankiwsk. Die Stadt wartet mit einer nicht gelungenen, aber doch interessanten Mischung aus österreichischer, sowjetischer und neuer Architektur auf und wirkt insgesamt aber ziemlich verbaut und wenig sehenswert.

Architektonisch hervorzuheben sind das Rathaus aus den 1920er Jahren, die Gartenberg-Passage von 1904 und ein Schwimmbad im nah gelegenen See, vermutlich noch aus sozialistischen Zeiten.

Dann überrascht uns ein kräftiges Gewitter mit Starkregen, zu spät, aber immerhin, fliehen wir in ein ungenutztes Flohmarkt-Zelt und sind trotzdem nass bis auf die Knochen. Nach wenigen Minuten ist alles wieder vorbei und am Bahnhof sind alle Sachen schon wieder trocken.

Kurz vor der Abfahrt unseres Zuges kann ich dann endlich auch noch die Diesellokomotiven ablichten und bei verschiedenen Aufenthalten unterwegs auch noch andere Züge beobachten und fotografieren.

An einem Bahnübergang vor Lemberg wartet eine Marschrutka vorschriftsmäßig in der prallen Sonne, damit unser Zug sicher die Straße passieren kann. Es sind diese kleinen Szenen, die das Leben in der Ukraine ziemlich gut beschreiben. Hier eine angebundene Kuh, da ein kleines Dorf mit einer prächtigen Kirche und das Reisen ist immer entspannt, die Menschen im Zug sind sehr freundlich, keine Hektik, kein unnötiger Luxus, aber alles ist weitestgehend pünktlich und funktioniert.

Am frühen Abend erreichen wir schließlich wieder den Lemberger Hauptbahnhof. Und während sich unser Zug noch auf seine über 16-stündige Weiterfahrt vorbereitet, kann ich noch ein wenig am Bahnhof herumknipsen. Übermorgen werde ich wieder hier sein und die Heimreise antreten.

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