Juni 2016

Ukraine 2016

"Keine Termine und leicht einen Im Tee"

4. Teil: Abschied und Rückfahrt

Der Tag des Abschieds ist gekommen. Am Morgen verlasse ich meine Unterkunft und wir fahren mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof von Lemberg, wo noch Zeit für einen Kaffee ist. Einmal mehr beeindrucken mich die langen Züge, die teilweise schon viele Stunden unterwegs sind und dennoch pünktlich bereitstehen. So auch mein Nachtzug aus Odessa, mit dem ich nun durch die Karpaten wieder nach Süden zum Grenzbahnhof Chop reisen werde.

Der Vorteil am 2er-Abteil ist, dass ich mal wieder für mich bin und mich mit meinem großen Koffer schön breit machen und sogar noch ein wenig schlafen kann. Allerdings kommt man bei dieser Art zu Reisen viel weniger mit anderen Menschen in Kontakt. Interessante Begegnungen mit Mitreisenden, die einen von ihrem Proviant probieren lassen, bleiben so leider aus. Dafür habe ich eine für ukrainische Verhältnisse äußerst serviceorientierte Schaffnerin, die mir Kaffee, Kekse und Porridge serviert. Das ist dann natürlich auch mal ein Erlebnis. Hervorheben möchte ich noch die außerordentlich bequemen Kissen und das kleine Hygiene-Set mit Desinfektions-, Taschen- und Handtuch, sowie den Serviettenhalter auf dem kleinen Tisch.

Im Gegensatz zum Vorjahr ist diesmal kein Speisewagen dabei, aber ich bin ja gut versorgt. Unterwegs sehe ich wieder lange und schwere Güterzüge, die treuen Soldaten vor Brücken und Tunneln, Menschen mit riesigen Gepäckstücken auf den Unterwegsbahnhöfen. In Mukatschewe streicht ein Mann den Prellbock. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Bei einer kleinen Raucherpause fallen mir die teilweise stark abgefahrenen Bremsklötze an meinem Wagen auf, aber da liegt die spektakuläre Fahrt von den Pässen ins Tal zum Glück schon hinter mir.

Inzwischen ist es draußen sehr heiß geworden. Am Nachmittag erreichen wir pünktlich Chop. Am Fahrkartenschalter zahle ich noch die Kompostiergebühr für meine Fahrkarte über die Grenze nach Cierna, eine Art Aufpreis mit Kassenbon, der aus mir noch immer nicht ganz ersichtlichen Gründen erworben werden muss und dann ist noch Zeit für eine Pizza und ein Bier. Und für das obligatorische Chop-Bahnhofshallen-Foto.

Beim Warten auf Einlass zur Zoll- und Passkontrolle zeichnet sich ab, dass ich auch diesmal wieder der einzige Fahrgast rüber in die Slowakei sein werde, wie schon im vergangenen Jahr. Entsprechend bemerkbar mache ich mich beim Personal, denn sonst wird man gern mal übersehen oder vergessen. Nachdem ich meinen gesamten Koffer aus- und wieder einräumen durfte, kann ich passieren, bekomme meinen Stempel und muss in den von der Sonne stark aufgeheizten Wagen nach Cierna einsteigen. So unerträglich heiß wie diesmal habe ich es noch nie erlebt. Wann immer es geht halte ich meinen Kopf durch den Spalt an der Übergangstür in Richtung Lok, um ein wenig Fahrtwind abzubekommen. Zu allem Überfluss wollen dann auch die Slowaken noch den gesamten Inhalt meines Gepäcks sehen, man hat ja sonst nichts zu tun (abgesehen von den Kontrollen in den Kurswagen nach Prag und Bratislava).  Schließlich komme ich vollkommen durchgeschwitzt, aber lebend in Cierna an.

Hier besteht noch Gelegenheit, das Rangieren der Kurswagen zu beobachten, mein nostalgisches, aber gemütliches Abteil im Zug nach Košice zu beziehen und die abendliche Stimmung zu genießen, bis einer Schülergruppe die um mich liegenden Sitze in Beschlag nimmt, sich dann doch aber wieder schnell verzieht. 

Ein Blick auf meinen Sparpreise Europa der Rückfahrt zeigt mir, dass von der Freiburger Agentur leider der falsche Laufweg eingegeben wurde. Da ich nicht über Bratislava, sondern über Čadca reisen werde, erwerbe ich am Schalter in Košice noch eine Fahrkarte von Žilina nach Česká Třebová, womit das Problem schließlich gelöst ist. Anschließend gibt es in der Bahnhofsgaststätte noch Nudeln und Bier und schon beziehe ich mein Schlafwagenabteil im EuroNight "BOHEMIA". Mein Mitreisender schnarcht nicht, darf unten liegen und ist ansonsten unauffällig. Etwa 20 Minuten verspätet erreichen wir ausgeschlafen Prag. Die Ruhepausen des Schaffners habe ich nicht gestört, aber einen Kaffee am Morgen musste er mir schon noch zubereiten.

In Prag konnte ich nach dem Frühstück noch einen Elefanten und das Wettrennen eines Bahnhofsmitarbeiters mit dem SuperCity-Pendolino ablichten.

Zum Abschluss der Reise darf natürlich der Besuch im tschechischen Speisewagen nicht fehlen. Der EuroCity nach Hamburg kommt Zuglaufschildern und Fahrplänen zum Trotz übrigens immer noch aus Bratislava. Im mit WLAN ausgerüsteten, modernisierten Abteilwagen halte ich es nicht lange aus, mich zieht es an einen der kleinen Tische mit Lampe, wo mir Bier und Schnitzel gereicht sowie wunderbare Moldau- und Elbtal-Landschaft geboten werden.

Mit vollem Bauch und dem Reisemotto treu "leicht einen im Tee" habend erreiche ich pünktlich Dresden, wo meine Reise endet. Wehmütig schaue ich den abfahrenden tschechischen Wagen hinterher und nehme von der Realität Deutschlands, seiner Eisenbahn und Menschen wertfrei Kenntnis.

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