Juni 2016

Ukraine 2016

"Keine Termine und leicht einen im Tee"

1. Teil: Von Karlsruhe nach Kiew

Lange ist der letzte Urlaub her und damit auch ein Reisebericht, denn die wieder aufgenommene Erwerbsarbeit und die damit verbundenen Zwänge ließen ein früheres Entfliehen aus Deutschland nicht zu. Nun aber ist es soweit, ich - mittlerweile im Südwesten zu Hause - stehe im Karlsruher Hauptbahnhof am Bahnsteig, es ist Sonntag um 9 und vor mir liegen 49 Stunden Zugfahrt nach Kiew. Es wird mein sechster Besuch dieses wunderbaren Landes sein und mein erster in seiner Hauptstadt. Der Reiseweg ist wie immer gut durchdacht und die Aufenthalte zum Umsteigen sind bewusst entspannt gewählt, denn es soll ja kein Stress entstehen. Einziger kleiner Knackpunkt wird Nürnberg sein und die Frage, ob es möglich ist, den Zug von dort nach Cheb (Eger) binnen der vorgesehenen 20 Minuten Umstiegszeit zu erreichen. Um die Spannung gleich mal rauszunehmen: es ist möglich, allerdings äußerst knapp, denn die Deutsche Bahn schafft es auch an diesem verkehrsarmen Sonntagvormittag, bis in die fränkische Metropole "aus Gründen" 15 Minuten Verspätung aufzubauen. Dennoch erreiche ich den Neigetechnik-Triebwagen rechtzeitig und zu meiner angenehmen Überraschung ist der Zugteil in Richtung des tschechischen Eisenbahnknotens sehr schwach besetzt, so dass ich ein ganzes Abteil (jenes ohne nervtötende Dieselmotorengeräusche) ganz für mich alleine habe.

Der VT 612 im "Bahnland Bayern" hat Zeit für mich (Nürnberg Hbf)
Der VT 612 im "Bahnland Bayern" hat Zeit für mich (Nürnberg Hbf)

Sonne und Wolken wechseln sich bei recht zügiger Fahrt in zuverlässiger Regelmäßigkeit ab. In Pegnitz wird der Zug (fränkisch) "gedeilt" und man lässt mich und den letzten Teil zur Fahrt nach Cheb zurück, während die beiden vorderen Einheiten nördlich in Richtung Bayreuth aufbrechen. Eine gute Gelegenheit für eine Zigarette am Bahnsteig, bevor ich mich zum ersten Mal meiner Reiseliteratur widmen kann. Das autobiografische Buch "Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre wird mir über die bevorstehenden tausende Kilometer Bahnfahrt die Zeit vertreiben, mich zum Lachen bringen, zum zustimmenden Kopfnicken, zum Inspirieren und Nachdenken.

Von Franken in die Oberpfalz - vorbeiziehende Landschaft bei unbeständiger Wetterlage
Von Franken in die Oberpfalz - vorbeiziehende Landschaft bei unbeständiger Wetterlage

Ich bin nun in Cheb, betrete tschechischen Boden und es dauert ganze 21 Sekunden, bis mir am Bahnsteig Drogen angeboten werden. Ich lehne dankend ab und überbrücke die Wartezeit bis zur Abfahrt meines Zuges nach Prag mit einer weiteren Zigarette und der Erkundung des Bahnhofs. Die gute alte Zeit ist hier noch spürbar, Dreck und Unkraut, mittlerweile ins Nichts führende Hinweisschilder, rostende Zäune, verschlossene Gebäudeteile, wunderliche Gestalten - ich fühle mich wohl. Ein bisschen Eisenbahn gilt es natürlich auch noch abzulichten.

Dann ist es auch schon soweit: der SuperCity von Franzensbad in Richtung Prag fährt am Hausbahnsteig ein. Es ist meine erste Reise mit diesem Zug, der einigen aus dem James Bond-Film "Casino Royale" bekannt sein dürfte. Ich habe am Schluss des Zuges im mittlerweile deklassierten, ehemaligen 1. Klasse-Wagen einen Einzelsitz reserviert. Es ist ziemlich eng und nur mit Mühe kann ich meinen überdimensionierten Koffer unterbringen. Der Servicemitarbeiter verteilt kostenfrei tschechische Tagseszeitungen und Mineralwasser, ein bisschen Verspätung bauen wir auf der von Baustellen gebeutelten Strecke auch auf und kurz vor der um etwa 15 Minuten verspäteten Ankunft in Prag werden sogar eilig die Fahrkarten kontrolliert. Nicht unerwähnt soll auch das stabil funktionierende und ebenfalls kostenlos nutzbare WLAN bleiben, des weiteren gibt es innerhalb des selben eine Art Reiseportal, über welches touristische Informationen entlang der Strecke, Daten zum Fahrplan und das gastronomische Angebot des Zuges abgerufen werden können. Fazit: der Zug ist deutlich zu eng, bietet davon abgesehen aber ein recht entspanntes und vor allem kurzweiliges Reisen. Als die ersten Prager Vororte durchfahren werden, erklingt über Bordlautsprecher Smetanas "Die Moldau" - das ist natürlich was!

Der Prager Hauptbahnhof begeistert mich seit vielen Jahren. Irgendwie scheint hier vieles stimmig zu sein, es gibt alles, was benötigt wird, wenig Unnützes, eine Kneipe, in der geraucht werden darf, saubere Toiletten, Geldwechsel, Gepäckaufbewahrung und natürlich die wunderbaren Ansagen mit der legendären, eingängigen Startmelodie. Nachdem ich meinen Koffer abgegeben habe, schlendere ich kurz durch die Stadt zur Karlsbrücke, um das obligatorische Altstadtfoto zu machen, bevor ich mir dann in einer der zahlreich vorhandenen Gaststätten in der Abendsonne Knödel (Klischee) und Schitzel (verwerflich, ich weiß) und zwei kühle Bier schmecken lasse.

Ein Prag-Besuch ohne Karlsbrücke ist nahezu undenkbar
Ein Prag-Besuch ohne Karlsbrücke ist nahezu undenkbar

Zurück am Hauptbahnhof finde ich bei einem weiteren Bier noch die Gelegenheit, ein paar letzte Grüße via Internet in die Heimat zu überbringen und kann die erste Halbzeit des Deutschland-Spiels im Ticker nachvollziehen. Dann wird es Zeit, den Nachtzug ins slowakische Košice und das für mich reservierte Bettchen aufzusuchen.

Das Abteil mit Zweier-Belegung kommt wie immer sauber und modern daher, der Schlafwagenschaffner ist freundlich und vesorgt mich noch mit einem Gute-Nacht-Bier. In Kolin steigt ein schnarchender Zimmergenosse zu, aber dennoch schaukelt es mich rasch in den Schlaf und erst kurz vor Ankunft in Košice werde ich munter, bekomme meinen Kaffee und mampfe traditionell das bereit gelegte 7-Days-Hörnchen. Noch schnell den Bart in Form gebracht, das Telefon aufgeladen, Zähne geputzt und schon stehe ich am Bahnhofsvorplatz der ostslowakischen Metropole und nehme wohlwollend zur Kenntnis, dass die Umbauarbeiten des Empfangsgebäudes und die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes nahezu abgeschlossen sind.

Košice, Bahnhofsvorplatz
Košice, Bahnhofsvorplatz

Nach einem Frühstück in der Gaststätte im zweiten Obergeschoss des Bahnhofsgebäudes führt mich mein Weg noch zum Fahrkartenschalter, wo ich das mir fehlende Ticket von Čierna nad Tisou nach Chop erwerbe. Dann steige ich in den Zug ans östlichste Ende der Slowakei, in diesem Jahr mal wieder aus alten, verranzten Abteilwagen aus dem vorigen Jahrhundert gebildet - aber sehr bequem und mit Fenstern zum Öffnen! Im letzten Jahr konnte ich hier noch die neueste Generation re-designter Großraumwagen mit übergroßen Aufklebern "Finanziert durch die Europäische Union" erleben, auch im (so zwar nicht bezeichneten) Doppelstock-City-Elefant und in einem uralten Triebzug der Baureihe 460 wurde ich hier schon transportiert. Nun also wieder back to the roots: Lokomotive und fünf Abteilwagen, dazu - und das ist wichtig - hängt auch noch der Kurswagen von Bratislava nach Kiew mit am Zug, es kann also später - anders als im letzten Jahr - voraussichtlich pünktlich weiter gehen in die Ukraine.

Zug nach Cierna nad Tisou im Bahnhof Kosice
Zug nach Cierna nad Tisou im Bahnhof Kosice

Während am Gleis gegenüber der Direktzug aus Budapest einfährt, geht die knapp zwei Stunden dauernde Fahrt zur slowakisch-ukrainischen Grenze los. Es ist schon ziemlich warm draußen, wie gut, dass man hier noch Fenster öffnen kann. Viel los ist auch nicht im Zug, nur die beiden Schaffnerinnen fluchen an fast jeder Station, weil nicht alle Fahrgäste die Einstiegstüren hinter sich wieder schließen. Es wird notwendigerweise an der Strecke gebaut und so vertrödeln wir ein paar Minuten bei der Fahrt im Gegengleis, aber erreichen Čierna nad Tisou dennoch fast pünktlich. Hatte ich hier in den letzten Jahren immer noch viel Zeit zum Warten übrig, geht es seit dem Fahrplanwechsel ohne große Verzögerungen weiter. Eilig, aber routiniert wird der Kurswagen aus Bratislava an den bereitstehenden, wohlbekannten Ein-Wagen-Zug nach Chop rangiert. Heute läufts! Bremsprobe, Fahrkartenkontrolle und dann verlasse ich die Slowakei auch schon.

Einfahrt in Cierna, die Rangierlok hat es auf den Kurswagen am Schluss abgesehen
Einfahrt in Cierna, die Rangierlok hat es auf den Kurswagen am Schluss abgesehen

Diesmal sind wir zu dritt. Neben mir hat ein Spanier hierher gefunden und ein wunderlicher Deutscher mit offener Hose, der ziemlich nervös wirkt, schwitzt und wenig sagt. Den Spanier hindert das alles nicht, ihn trotzdem mit einer einseitigen Unterhaltung zu beglücken. Mich lassen sie in Ruhe, genau wie der slowakische Zoll, der bei der Ausreise nur wenig Enthusiasmus an den Tag legt und uns zügig passieren lässt. Noch lustloser zeigen sich dann die ukrainischen Grenzwächter im Bahnhof von Chop: es gibt den legendären Eisenbahnstempel in den Pass und das war es dann auch, nach nicht mal einer Minute stehe ich in der großen Bahnhofshalle, wo wie jeden Tag fleißig der Boden gewischt wird und weitere fünf Minuten später sitze ich in der benachbarten Pizzeria im Biergarten und gebe meine Bestellung auf. Hier habe ich nun fünf (!) Stunden Zeit.

Die Zigarette ist noch nicht aufgeraucht, da steht die Pizza schon bereit. Dabei habe ich doch so viel Zeit...
Die Zigarette ist noch nicht aufgeraucht, da steht die Pizza schon bereit. Dabei habe ich doch so viel Zeit...

Es beginnt ein wenig zu regnen, aber unter den Schirmen ist es trocken. Nach dem zweiten Bier werde ich ein wenig melancholisch und schreibe ein paar Notizen in mein Tagebuch. Das Personal spricht englisch, die große Pizza kostet gute 2 Euro, das Bier umgerechnet 80 Cent. Die Musik ist etwas nervig, ansonsten frage ich mich: warum habe ich vier Jahre am Stück in der Wartehalle und nie hier gesessen? Danke an dieser Stelle an die Tippgeber aus dem einschlägigsten aller Eisenbahnforen. Nach drei Stunden habe ich genug und begebe mich zurück zum Bahnhof. In meinem Buch lese ich ein altes Harald-Juhnke-Zitat. Auf die Frage, was für ihn lebenswert sei, meinte dieser: "Keine Termine und leicht einen im Tee" - dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Bahnhof Chop mit Normal- und Breitspur
Bahnhof Chop mit Normal- und Breitspur

Endlich ist es soweit und der Zug nach Kiew fährt ein. Stolze 14 Wagen rollen in den Bahnhof von Chop ein, diesmal gibt es eine Premiere für mich, denn ich habe ein Bett im hochwertigen Zweier-Abteil gebucht, denn in Lemberg wird noch mein Freund zusteigen und gemeinsam werden wir morgen Früh in Kiew eintreffen. Noch aber bin ich allein. Im Abendlicht ziehen die Karpaten am Fenster vorbei, pflichtbewusst steht wie immer vor größeren Tunneln und Brücken ein einsamer Soldat mit Gewehr und komplettiert damit das sichere Reisegefühl. Mein Schlafwagenschaffner bringt mir Kaffee und Waffeln, wir kommen ins Gespräch, über die Eisenbahn, die in Halle-Ammendorf vor 30 Jahren gebauten Waggons, die Löhne der Zugbegleiter in der Ukraine heute. Pantomimisch, russisch und englisch verständigen wir uns irgendwie, seinen Monatslohn schreibt er mir schließlich auf einen Zettel: es sind umgerechnet 160 Euro. 

Als es schon längst dunkel ist, erreichen wir Lemberg, wo mein Freund zusteigt. Natürlich haben wir uns viel zu erzählen und so wird es spät, als wir endlich das Licht löschen und einschlafen. Bis kurz vor Kiew bekommen wir nichts mehr mit, so entspannt und gemütlich ist die Reise im Schlafwagen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Sebastian (Mittwoch, 26 April 2017 10:36)

    Hallo!
    Vielen Dank für diesen tollen Bericht, der meine eigene Reise nach Kiew im vergangenen Herbst stark inspiriert hat. Insbesondere der Tipp mit der Pizzeria in Chop war Gold wert!
    Viele Grüße,
    Sebastian

    P.S.: Das Buch vom "Stuckimann" habe ich auch verschlungen. ;-)